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Ein goldener Brief aus Birma - Leibniz-Universität Hannover

Einmalig und von unschätzbarem Wert.
 
Birma (auch Burma), das heutige Myanmar, ist ein Land der Pagoden.
 
Etwa 85 Prozent der Bevölkerung sind Buddhisten.
Hannover: Goseriede | Heutzutage schreibt man Briefe auf elektronischem Wege. Manchmal aber, meist zu besonderen Anlässen, auch noch auf Papier. In früheren Zeiten und in anderen Kulturen wurden Briefe auch in Steintafeln geritzt, auf Papyrus oder auf Palmenblättern verfasst. Doch dann gab es in seltenen Fällen noch ganz besondere Briefe. Und die bestanden aus purem Gold und wurden auf Goldblech geschrieben. Von ganz besonderen Personen an ganz besondere Personen. So wurden sie zum Beispiel von Königen oder Kaisern in China oder Indien verschickt. Ein solch außergewöhnlicher Brief befindet sich im Besitz der Leibniz Bibliothek in Hannover. Und wie er dort hingelangen sollte, davon handelt dieser Bericht, und dazu muss ich ein wenig ausholen.

Mitte des 18. Jahrhunderts kämpften in Birma, dem heutigen Myanmar, das damals noch zu Indien gehörte, zwei Herrscher um den Königsthron im Lande. Der eine hatte sich die Franzosen, die damals zu Zeiten des Kolonialismus mit den Engländern weltweit um die Vorherrschaft in der Welt konkurrierten, zu Verbündeten gemacht. Der andere Herrscher, Alaungphaya, der es schließlich zum alleinigen König brachte und der das Großreich der Konbaung-Dynastie schuf, musste sich aus diesem Grunde der anderen Großmacht zuwenden, den Engländern. Er erhoffte sich von diesen Hilfe durch Waffenlieferungen. Also ließ er einen Brief an den britischen König schreiben. Und um diesen die nötige Ehre zu erweisen, auf purem Goldblech. Zwei oder drei Abschriften wurden auf Papier davon noch angefertigt. Aus diesem Brief geht hervor, dass er den Engländern an seiner Küste einen Stützpunkt für ihre Segelschiffe anbietet, in der Hoffnung, dass diese ihn dann gegen seinen Feind unterstützen würden.
Der Brief trägt das Datum, allerdings das des birmanischen Kalenders, der bei uns dem 7. Mai 1756 entspricht. Er wurde dem Kapitän eines Segelschiffes der Britischen Ostasiengesellschaft übergeben. Der Name des Schiffes, der des Kapitäns und auch eine Liste der Ladung, sind heute noch in alten Dokumenten zu finden. So ging der Brief auf eine lange Reise um die halbe Welt. Die Route verlief an Indien vorbei nach Ceylon, heute Sri Lanka, wo Proviant aufgenommen wurde, um das Kap der guten Hoffnung herum und an der westafrikanischen Küste entlang nach Europa. Doch dann erreichte er England und seinen Adressaten, König Georg II.

Zur damaligen Zeiten wusste man noch nicht viel von der großen weiten Welt. Andere Länder, andere Völker oder andere Herrscher waren nur teilweise bekannt. Genau so wenig wie König Alaungphaya von England wusste, wusste Georg II. etwas von Birma und den dortigen Verhältnissen. Tee und Gewürze bezog man zwar aus diesen Regionen, doch aus anderen Ländern. So erhielt man einen Brief, der zwar auf Grund seines goldenen Materials, besetzt an seinen zwei Enden mit jeweils 12 Rubinen, in ein Elfenbeingefäß, das aus dem hohlen Stoßzahn eines Elefanten kunstvoll gefertigt war, gesteckt, was wiederum in einer Holzschatulle untergebracht war. Doch man konnte mit ihm wenig anfangen. Kein Mensch konnte diese Schrift lesen, diese rundgeschwungenen Zeichen. Man nahm an, dass er von einem zweitrangigen indianischen Herrscher von der Küste Coromandel stamme, der das Feuer anbete.
Was also tun damit? Auf Geheiß Georgs II. wies schließlich der Geheime Rat Gerlach Adolf von Münchhausen den Brief der Bibliothek der Heimatstadt des Königs, Hannover, zu. Damals war das Britische Königshaus von 1714 bis 1838 durch eine Personalunion mit dem Hannoverschen Fürstentum, das nach 1838 sogar Königreich werden sollte, verbunden. Da die Engländer Nachwuchsprobleme bei der Erbfolge hatten und Katholiken nicht auf den Thron durften, mussten zukünftige Könige anderswo gesucht werden. Und die fand man schließlich bei der Welfen-Verwandtschaft in Hannover, die nun die Britischen Könige stellen musste.

So gelangte der Goldene Brief mit der Reiterpost über Holland, wo er bei der Begutachtung durch das dortige Königshaus nicht gerade pfleglich behandelt und etwas zerknittert wurde, zwei Jahre nach seiner Absendung in Rangun nach Hannover. Damit war seine Reise endgültig beendet.
Weil König Alaungphaya keine Antwort bekam, war er diesbezüglich natürlich auch ziemlich missgestimmt. Man kann es nachvollziehen. Wenn man einen Brief auf seiner Meinung nach gleichberechtigter Ebene schreibt, sozusagen von König zu König, dann erwartet man natürlich auch ein Rückschreiben und ist enttäuscht, wenn es nicht kommt. In der historischen Forschung Birmas wusste man später, dass dieser Brief geschrieben worden war. Doch galt er als verschollen.
In der Hannoverschen Bibliothek wurde der Goldene Brief immer als etwas ganz Besonderes, als Kuriosum, angesehen. Man wusste, dass er wertvoll war. Doch lesen konnte man ihn nicht. Man ahnte nicht um seine Bedeutung. Zumindest bis vor kurzem nicht.

Im Jahr 2007 ließ die Leibniz Bibliothek den Goldenen Brief wissenschaftlich erforschen. Der Birmaexperte Jacques Leider aus Paris ging der Sache auf den Grund. Und was er herausfand und entschlüsselte, war nicht viel weniger als eine Sensation. Er erkannte sofort, dass er hier ein Objekt von unschätzbarem Wert vor sich hatte. Allein der Materialwert war hoch. Doch den historischen Wert kann man nicht mit Zahlen bemessen. Alle anderen Goldbriefe wurden später eingeschmolzen. Und so ist dieser eine anscheinend der einzige Brief seiner Art, der erhalten geblieben ist.

Zum ersten Mal hatte die HAZ Anfang des Jahres über diesen Goldschatz berichtet. Ebenso in London, in Bangkok und natürlich erst recht in Birma war und ist das Interesse groß daran. Der Brief ist ein Schatz von Weltrang. Interessenten aus aller Welt meldeten sich bei der Leibniz Bibliothek, um mehr darüber zu erfahren. Und nun möchte ihn diese, wie es die Leibnizbriefe des großen Philosophen schon geworden sind, in den Status des Weltdokumentenerbes erheben lassen. Erstmals ist der Brief der breiten Öffentlichkeit nun von der Kestnergesellschaft vorgestellt worden. An der Goseriede am Anzeiger-Hochhaus konnte man den Schatz zwei Tage lang bewundern.
Man trat in einen abgedunkelten Raum ein, der spärlich beleuchtet war. Doch das, worauf es ankam, war ins beste Licht gerückt. Inmitten des Raumes stand auf einem Podest ein länglicher Glaskasten. Gut gesichert war darin der Goldene Brief ausgelegt. 55 Zentimeter lang und etwa 12 Zentimeter breit. Er wird quer gelesen. Er schien zu schweben. Die Unterseite konnte durch einen Spiegel betrachtet werden. Er besteht aus 98,7prozentigem Gold. Zu seinen beiden Enden hin sind jeweils 12 Taubenblutrubine angesetzt. Dahinter noch eine Art Siegel. Die Schriftzeichen sind rund, ähnlich denen des Sanskrit. War er früher einst glatt, so ist das Gold jetzt zerknittert. Er wurde nicht immer pfleglich behandelt.
Natürlich war der Eindruck beim Anschauen des Briefes vor dem Hintergrund dieser Geschichte besonders stark. 250 Jahre lang war der Brief fast vergessen. Demnächst wird er wohl in einer Dauerausstellung, zusammen mit den Leibnizbriefen, von der Kestnergesellschaft gezeigt werden. Schon jetzt können wir uns darauf freuen. Die Leibniz Bibliothek hat neben den Leibnizbriefen und wohl diversen anderen wertvollen Dokumenten, mit dem einzigartigen Goldenen Brief aus Birma ein Juwel von unschätzbarem Wert in ihrem Besitz.
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2 Kommentare
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 14.11.2011 | 23:32  
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Karl-Heinz Mücke aus Pattensen | 29.11.2011 | 10:36  
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