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Freak Stories - oder die Leute aus der Broken Clock Bar - Einleitung und 1. Geschichte

In der Broken Clock Bar in NYC findest du die Freaks, aber nur wenn du einer von ihnen bist. Die Broken Clock Bar ist das Wartezimmer zur Hölle oder zum Himmel. Die Drinks bezahlen die Freaks mit ihren Storys, die Charlie der Barkeeper an einen ideenlose Schriftsteller verkauft.
Eigentlich sind die Storys alles nur Facetten der einzigen Big Story über "Die Frau mit dem Nagel im Kopf".
Ich bin der ideenlose Schriftsteller und gebe hier, so gut es geht, Charlie's Stories weiter, was nicht so einfach ist, denn Charlie ist mürrisch, nicht sehr beredt und nuschelt auch noch, wenn er mir die Geschichten erzählt.
Ich habe das Gefühl, dass er die Stories fast nur widerwillig weitergibt, so als wollte er eigentlich gar nicht, dass sie seine Bar verlassen.

Er wirkt auf mich wie ein Maler, der sich von seinen Bildern nur deshalb schweren Herzens trennt, weil er das Geld braucht.
Charlie hat mir einmal in seinem unnachahmligen Nuschel-Slang gesagt:
"Poet (so nennt er mich immer etwas abschätzig), du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schäbig ich mir jedes Mal vorkomme, wenn ich dir die Storys bringe. So als hätte ich meine Seele für einen Hamburger verkauft."
Aber jetzt soll's mal losgehen, ganz im Sinne von Charlie, der hasst nämlich Geschwätz über sich.

Hector's Story
Jeden Tag erzählt Hector in der Broken Clock Bar Charlie die Geschichte, wie er die fremde Frau aus dem Hudson gefischt hatte- jeden Tag die gleiche Geschichte oder eben doch nicht die gleiche Geschichte, denn Charlie weiß nie, wie Hector sie erzählen wird, denn er erzählt sie seit 10 Jahren jeden Tag anders.
Im Sommer hat er sich zum Beispiel die Schuhe und Strümpfe ausgezogen und auch noch die Hosenbeine hochgekrempelt , um in den Hudson zu waten, um die Leiche der Frau herauszuziehen. Im Winter hat er die Leiche mit einem langen Ast herausgefischt. An Freitagen erzählt er von dem Fischgeruch, den er an den Händen hatte, als er die Leiche geborgen hatte, weil er sich freitags immer Fisch macht. An Sonntagen erwähnt er oft die mürrischen Polizisten, die sich um ihr Wochenende betrogen fühlten.
Und doch gibt es in seinen Erzählungen immer wieder Nuancen, sodass sich auch nie die Sommer, die Winter, die Freitage oder die Sonntage genau wiederholen.
Nur eines ist an seiner Geschichte immer gleich…dass die Frau einen Nagel im Kopf hatte.
Und wenn es viel Verkehr in NYC gegeben hatte, viel mehr Verkehr als sonst in NYC, dann betont er, dass er fast nicht rechtzeitig am Hudson gewesen wäre.
Er hat die Leiche auch schon als Schlafwandler gefunden oder als Schiffer eines Hudsonkahns oder als Pilot, der sie beim Landeanflug auf La Guardia gesehen hat und dann über Funk die Polizei dort hingeschickt hat. Und selbst aus der großen Höhe will er gesehen haben, dass sie einen Nagel im Kopf hatte.
Oder er erwähnt, dass er beinahe vor ein Auto gelaufen wäre, weil er Marilyn auf einem Lüftungsschacht ohne Slip gesehen hatte. Eine Fata Morgana, wie er gern hinzufügt.
Manchmal gehen seine Geschichten auch so ins Absurde, dass man ihn schon einmal in die psychiatrische Klinik eingeliefert hatte, weil er steif und fest behauptet hatte, dass ihm ein Schatten mit einem Boxhandschuh ein blaues Auge verpasst hatte und er die Leiche nur verschwommen wahr genommen hatte, nur den Nagel hätte er ganz deutlich gesehen.
Als er wieder entlassen war, hat er die Leiche der Frau dann ganz in der Nähe der psychiatrischen Klinik am Hudson gefunden, was ihn das erste und einzige Mal über den Tod der Frau spekulieren ließ.
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