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Das Los

Das Los

Ich hatte gerade die rote Pappnase aufprobiert, mir dazu im Spiegel die entsprechenden Grimassen gezogen und mich dann soweit mit meiner Verkleidung zufrieden gegeben, als der Zug bremste. So ruckartig, dass nur jemand die Notbremse gezogen haben konnte.
Durch die beschlagenen Scheiben meines Abteils blickte ich hinaus, konnte aber in dem Schneegestöber nichts erkennen, was diesen plötzlichen Halt erklärt hätte.
Da ich nicht zu Hysterie neige, verwarf ich auch den ersten Gedanken rasch wieder, den Schaffner aufzusuchen und ihn nach dem Grund dieses unvorhergesehenen Aufenthalts zu fragen. Diesen Gedanken mussten wohl auch die anderen Fahrgäste verworfen haben, denn nicht eine Person lief durch den Gang, von einem Tumult ganz zu schweigen. Allerdings ließ sich mein zweiter Gedanke nicht so leicht abschütteln: Gab es außer mir überhaupt noch weitere Fahrgäste?
Durch den Bremsstoß war ich mit dem Gesicht gegen den Spiegel gefallen und hatte mir die Pappnase völlig zerknautscht. Und just in diesem Moment, als ich sie notdürftig ausbeulen wollte, wurde die Tür meines Abteils aufgezogen, und ein fast erkalteter, alter Mann, aber mit glühenden Wangen schlurfte, ein wenig linkisch, hinein.
"Kaufen Sie ein Weihnachtslos!" forderte er mich auf. Ich habe hier draußen zehn Tage gestanden und nur darauf gewartet, dass jemand die Notbremse ziehen würde, um ein Los zu kaufen. Wissen Sie, das Geschäft zu Weihnachten geht schon lange nicht mehr gut, und da muss man sich eben etwas einfallen lassen, um auf seine Kosten zu kommen. Aber so einer wie Sie zieht immer die Notbremse. Und so einer zieht auch ein Los."
"Ich habe die Notbremse nicht gezogen", versuchte ich mich, wenn auch ein wenig kleinlaut zu Wehr zu setzen, "ich habe nur die Pappnase..."
"Haben Sie doch!" beharrte er, und ich fügte mich, weil, was wäre, wenn ich es doch getan hätte und es jetzt leugnete?
"Nun, gut, lassen Sie mich eins ziehen!"
"Na, also! Dann greifen Sie mal in den Eimer. Jeder hat das Glück in seiner
Hand!"
Er hielt mir einen kleinen gelben Plastikeimer hin. Ich griff hinein und fingerte darin herum, bekam aber kein Los zu fassen. Der Eimer war leer. Ich zuckte fragend mit den mit den Schultern und war fast ein wenig erleichtert.
Aber der Alte blieb unerschütterlich in seinem Vorhaben.
"Der Wind muss sie heraus geweht haben. Zehn Tage im Sturm zerren schon am Glück", erklärte er mir, während er anfing, sich mit klammen Fingern den löchrigen Wollhandschuh von seiner linken Hand zu pellen. "Doch ein guter Glücksbringer hat immer noch ein bisschen Glück in petto. Momentchen!"
Als er den Handschuh abgepellt hatte, registrierte ich, dass ihm der kleine Finger fehlte.
Er bemerkte, dass ich das bemerkt hatte und erklärte mir fast verschämt: "Der Finger fehlt mir immer schon, aber dafür habe ich im Handschuh ein Fach frei für das Reserveglück, manchmal braucht man es ja, wie Sie sehen." Er zog ein Papierröllchen aus der Handschuhhülse des kleinen Fingers und hielt es mir hin.
"Also, greifen sie schon zu! Es wird Zeit für mich."
Ich tat wie mir geheißen und bedankte mich, was ihn aber nicht mehr interessierte.
Er schneuzte sich nur noch die violette Nase, die mir genauso zerknautscht vorkam wie meine Pappnase und schlurfte aus dem Abteil. Kaum war er verschwunden, fiel mir ein, dass ich ihm gar nichts für das Los bezahlt hatte und wollte ihm nacheilen, aber gerade in diesem Moment fuhr der Zug auch schon wieder los.
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