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Anna Ellerstrüpp - memoriam Beatles "Eleanor Rigby"

Anna Ellerstrüpp

Anna Ellerstrüpp sitzt in ihrer kleinen Stube, die mit alten Möbeln voll gestopft ist. Weil alte Leute gerne alles beisammen halten. In den Abendstunden strickt sie. Solange noch Licht durch die graue Wollgardine fällt. Zwischendurch nippt sie am Knickebein. Vor dem Schlafen gehen setzt sie sich noch ein Kännchen Tee vom Wiesenknöterich auf. Sie hat es auf der Brust. Wie Raubold seinerzeit. Für Raubold strickt sie einen neuen Schal. Er ist schon vor Jahren gestorben, obwohl es so schlimm gar nicht ausgesehen hat, dass damit hätte gerechnet werden müssen.
In ihrem Schlafraum fliegt Raubold mit seiner besten Parade, die ein Fotograf von ihm festgehalten hat, lebensgroß über Annas Bett. Jeden Abend, bevor sie sich hinlegt, probiert sie ihm den Schal an. Dann löst sie ihren Dutt, kämmt den Zopf aus und legt das feine, weiße Haar über das Kopfkissen. In der Nacht fliegt Raubold zwischen den Torpfosten und durch den Strafraum, fängt hohe Flanken und schlägt den Ball bis weit über die Mittellinie ab. Die begeisterten Zuschauer stimmen rhythmische Bravo-Gesänge an. 'Raubold, Raubold tönt der Chor im Stadion von Kirchreith.
Trotz des tosenden Beifalls ist Anna besorgt. Raubold wirft sich mit hochrotem Kopf in einen scharfen Schuss, lenkt mit den Fingerspitzen einen angeschnittenen Ball über die Latte und gewinnt das Spiel. Ungezählte Male nun schon zu Null. Nach Ende des Spiels geht er mit verschwitzten Haaren, den Ball unter den einen Arm geklemmt, Anna in den anderen eingehakt,
über die feuchte Wiese nach Hause. „Du wirst dich noch einmal ordentlich erkälten, binde dir doch einen Schal um!'“, drängt ihn Anna zum wiederholten Mal.
'Las mich damit bloß in Ruhe!' weist Raubold sie ab. Am Tage geht Anna Ellerstrüpp ihrer gewohnten Arbeit nach. Macht Besorgungen. Besucht die Kinder. Das selten. Schwätzt mit der Nachbarin. Am Nachmittag blättert sie in den Sammelalben, in denen sie die Zeitungsausschnitte über Raubold aufbewahrt hat. In der Abenddämmerung nimmt sie das Strickzeug, strickt an dem langen bunten Schal in den Vereinsfarben Rot und Weiß und Grün und nippt an dem Gläschen Knickebein. Bisweilen schaut der Pfarrer Striebel vorbei, um ihr ein wenig Gesellschaft zu leisten.
„Na, Anna, altes Mädchen, wieder mal am Stricken?“ begrüßt er sie.
„Weißt du, Hans, die Augen wollen ja nicht mehr so, aber die Finger brauchen Bewegung1, sagt dann Anna, 'komm setz dich zu mir und erzähl mir, wie du damals den Elfmeter gegen Raubold verwandelt hast. Was warst du doch gleich? Stopper?“
„Linker Verbinder. Aber: lass doch, Anna, immer willst du dieselbe Geschichte von mir hören. Das ist doch alles schon gar nicht mehr wahr.“
Nachdem der Pfarrer gegangen ist, trinkt Anna eine Tasse Tee vom Wiesenknöterich, weil sie es auf der Brust hat, legt dem fliegenden Raubold den Schal an und macht sich das Bett.
In der Nacht sieht sie Raubold durch den Strafraum hechten, Schüsse parieren. Er lässt keinen Ball hindurch. Mit verschwitzten Haaren, rot glühend,
geht er heim, Anna untergehakt. Mit leichtem Husten. Anna strickt jetzt auch tagsüber. Die Vorabende werden kürzer. Sie macht nur noch die notwendigsten Besorgungen. Besucht nicht mehr die Kinder. Die kommen auch nicht von selbst. Zeit nimmt sie sich noch dafür, die Pokale zu polieren und die Sammelalben durchzublättern. Das letzte Foto zeigt ein verlassenes Fußballtor. In der Ecke liegt ein Lederball, der Luft verloren hat. Darunter steht: Da gab es auch für Raubold nichts zu halten Anna trinkt jetzt schon mal ein Gläschen mehr vom Knickebein. Bevor sie ins Bett geht, hält sie dem fliegenden Raubold den Schal an. "Ein Stück werde ich wohl noch stricken müssen", schätzt sie.
„Na, wenigstens die Mütze hat er auf“, tröstet sie sich, während sie ihm beim Spiel zuschaut. Plötzlich steht ein Gebäude auf dem Rasen. Es ist das Klubhaus vom FC Kirchreith, festlich ausgeschmückt mit vielen Girlanden, alles Schals, von Anna gestrickt, in den Farben des Vereins Rot und Grün und Weiß. Der Präsident überreicht Raubold ein kleines goldenes Tor und verleiht ihm die Ehrenmedaille des Vereins. Anna erschrickt in ihrem Stolz, als der Präsident launig zu Raubold sagt:
Mein Lieber, mit einer Grippe ist nicht zu spaßen! Am nächsten Morgen geht Anna wieder wie gewohnt ihren Besorgungen nach. Schwätzt mit der Nachbarin. „Na, Frau Ellerstrüpp, Sie sehen heute aber gut aus.“
„Ich denke, ich werde den Schal am Nachmittag fertig bekommen“, bestätigt ihr Anna.
Dann besucht sie die Kinder. Sie wollen jetzt selber einmal kommen. In der Dämmerung nimmt sie das Strickzeug, nippt am Knickebein. Der Schal spiegelt sich in den Vereinsfarben in den blank polierten Pokalen.
„So, das wird wohl langen“, sagt sie sich bald, vernäht die Fäden, geht in den Schlafraum und heftet Raubold den Schal über den Hals und über die Brust.
„Siehst du, der steht dir doch!“, zwinkert sie ihm zu, wie es immer ihre intime Art gewesen ist. Dann löst sie den Dutt, kämmt sich den Zopf aus, glättet sorgfältig das Haar über das gestärkte Kopfkissen und schläft ein.
Anna sieht sich zufrieden auf der Tribüne sitzen. Ein Raunen geht durch das Stadion von Kirchreith. Zuschauer stoßen sich an, tuscheln sich etwas zu, etliche rufen verwundert und lachend:
„Mensch, guck doch mal, der Raubold spielt heute mit Schal!“
Während ein Ball nach dem anderen in den Strafraum fliegt, irrt Raubold ziellos auf der Torlinie hin und her und versucht, sich den wehenden Schal vom Hals zu zerren. Aber der ist gut geheftet.
„Anna, nimm mir das Ding ab!“, schreit er wütend zu ihr herüber. „Verdammt noch mal, nimm mir dieses Ding hier ab!“
Anna lächelt strahlend zu ihm herab, wirft ihm einen Kuss zu und sagt zum Präsidenten:
„Den soll er man ruhig umbehalten, schließlich hat er ja Fieber.“
Vor Raubold liegt ein gegnerischer Stürmer, hält sich das schmerzende Knie, humpelt vom Platz. Der Schiedsrichter legt den Ball an den weiß gekalkten Punkt, elf Meter von Raubolds Tor entfernt. Striebel läuft an. Raubold spannt sich. Striebel zielt auf das linke obere Eck. Raubold springt aus den Knien und streckt sich. Die Faust fast am Ball, bleibt er einen Moment gerade in der Luft liegen und fällt wie eine Latte herunter. Vom Schal, der sich im Netz verfangen hat, stranguliert. Der Ball trudelt im Tor.
Am Morgen blickt Anna zum fliegenden Raubold hinauf, ordnet ihm den verrutschten Schal, sieht ihn treuherzig an und sagt:
„Du brauchst mich gar nicht so anzusehen! An der Lungenentzündung hattest du selber Schuld, schließlich wolltest du ja nicht auf mich hören.“
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