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Naturwaldbereiche in der Eilenriede, dem größten Waldgebiet inmitten einer europäischen Großstadt

In der Eilenriede gibt es Waldbereiche, in denen sich die Natur selbst überlassen wird.
 
(Auf Lupe klicken.) Der Blick von Osten über die Eilenriede, die bis an die City heranreicht. Im Vordergrund der Lönspark mit Annateich und Annabad. Dahinter der Stadtteil Kleefeld. Im Hintergrund rechts die Innenstadt. (Foto: Fabian Wolter)
 
Während der Wald im Mittelalter und auch danach gnadenlos ausgebeutet wurde, konnte er sich ab Ende des 19. Jahrhunderts regenerieren. (Blick vom Aussichtsturm der Waldstation.)
Hannover: Eilenriede | Mitten im Stadtgebiet von Hannover befindet sich ein ganz besonderer Wald, die Eilenriede. Sie ist das größte Waldgebiet inmitten einer europäischen Großstadt. Als „Grüne Lunge“ der niedersächsischen Landeshauptstadt wird sie auch bezeichnet. Mit 6,5 Quadratkilometern Größe ist sie vermutlich der übriggebliebene Rest des „Nordwaldes“, der sich einst im Mittelalter zwischen Hannover und Braunschweig großflächig ausdehnte.

Es war im Jahr 1371, als die Herzöge Wenzeslaus und Albrecht von Sachsen als Dank für den Beistand im Lüneburger Erbfolgekrieg das Waldstück vor den Toren Hannovers den Bürgern der Stadt schenkten. Allerdings mit der Auflage, den Wald zu hegen, zu pflegen und ihn auch zu vergrößern. Zwar wurde der Wald im Laufe der Jahrhunderte vergrößert. Mit der Pflege nahm man es aber nicht so genau, wurde doch damals viel Holz benötigt. Für den Bau von Fachwerkhäusern, zum Heizen und Kochen und für das alltägliche Einerlei. Auch das Vieh wurde zur Mast in den Wald getrieben. So musste die Eilenriede, in der damals alles andere als nachthaltig gewirtschaftet wurde, wohl über lange Zeit einen eher erbärmlichen Anblick mit großen Kahlschlägen geboten haben.
Doch es sollte besser werden. Ab 1880 wurde in den Öfen statt Holz und Torf nun Kohle verfeuert, Häuser wurden aus Stein gebaut und neue Waldregeln wurden eingeführt. So wurde zum Beispiel in Steuerdieb die Holzentnahme kontrolliert. Und so konnte sich die Eilenriede in den folgenden Jahrzehnten regenerieren. Ein zusammenhängendes Waldgebiet entstand, dem das Holz nun so entnommen wurde, dass es auch wieder nachwachsen konnte.

Der nördliche Teil allerdings, an die List angrenzend, wurde um 1900 in einen Parkwald umgewandelt. Gewässerläufe, Liegewiesen, Spielplätze, Einkehrmöglichkeiten und mit Zäunen begrenzte Wege, von Parkwächtern überwacht, wurden zu einer attraktiven Wochenendspazierfläche. Am Emmichplatz, dem Standpunkt der heutigen Musikhochschule und des einstigen Neuen Hauses, einem feudalen Musikcafé, wurden in Gehegen und Käfigen sogar „wilde Tiere“ zur Schau gestellt. Der Zoo sollte erst später entstehen. Doch dieser Parkwald zum Flanieren machte nur einen Bereich der Eilenriede aus. Der große Teil war ein normaler Wald und wurde forstwirtschaftlich genutzt. Allerdings längst nicht in dem Maße wie gewöhnlicher Wirtschaftswälder, die etwa 30 Prozent der Fläche Deutschlands ausmachen. Die Eilenriede sollte in erster Linie als Erholungswald für die Bürger der Stadt da sein. Ein Wirtschaftsertrag war und ist Nebensache und kann auch nur einen kleinen Anteil der Kosten abdecken, den die Pflege des Waldes ausmacht.

Dass die Eilenriede ein besonders attraktiver Stadtwald mit vielen Ausflugszielen für Spaziergänger und Radfahrer ist, wissen wohl die meisten Hannoveraner. Doch das allein reicht in unserer heutigen Zeit nicht mehr aus, in der der Schutz der durch den Menschen bedrohten Natur immer mehr in den Vordergrund tritt. In Deutschland dürfen nur ungefähr drei Prozent der Waldflächen natürlich sein, in die der Mensch nur noch wenig oder gar nicht mehr eingreift. Und natürlich ist es auch sinnvoll, zumindest Teilbereiche von Stadtwäldern zu Naturwald werden zu lassen, in denen sich die Natur selbst überlassen bleibt, in die der Mensch nur noch wenig eingreift. Denn nur diese Gebiete sind es, in denen die Artenvielfalt von Flora und Fauna erhalten werden kann. Manche Pflanzen benötigen feuchtes Gelände, viele Tiere totes Holz. Und so ist es natürlich auch in der Eilenriede. War sie einst ein sumpfiges Waldgebiet, so ist sie im Laufe der Jahrhunderte immer trockener geworden. Überall hat der Mensch Entwässerungsgräben angelegt, was zu einer Veränderung des Waldes geführt hat. Buchen setzten sich fast überall durch. Die für die Natur wesentlich wertvolleren Eichen, die vielen Tierarten als Lebensgrundlage dienen, zogen sich immer mehr zurück. Deswegen wurde dann etwa ab dem Jahrtausendwechsel beschlossen, zumindest Bereiche der Eilenriede in einen Naturwald umzuwandeln. Heute sind es etwa 10 bis 12 Prozent des Waldes, die sich, bis auf einige unverzichtbare Eingriffe, frei entwickeln dürfen, in denen die Natur natürlich sein darf. Und in diesen Gebieten wiederum sind es etwa 12 Hektar, die inzwischen wiedervernässt wurden. In den Bächen wurden dazu Staustufen angelegt. Im Winterhalbjahr sieht man deswegen in der südlichen Eilenriede bestimmte Gebiete, die zum Teil großflächig unter Wasser stehen, bis zu einem halben Meter tief. In diesen Bereichen, die früher einmal den Großteil der Eilenriede ausmachten, sind die Buchen auf dem Rückzug. Man sieht schon jetzt nach fast zwei Jahrzehnten, dass etliche absterben. Aber das ist gewollt, denn sie werden Platz für Eichen und Hainbuchen machen, die feuchtes Gelände mögen und die an diesen Standorten erwünscht sind. Und auch speziellen Bodenpflanzen, Amphibien und anderen Tieren bieten sie neuen Lebensraum. Zum Sommerhalbjahr hin trocknen diese Vernässungsgebiete aus. Die Bäume saugen dann, wenn sie wieder ihr Blätterdach entfaltet haben, die Feuchtigkeit aus dem Boden. Und als Beobachter freut man sich darüber, wie schnell sich diese Naturgebiete regenerieren, wieder den natürlichen Charakter annehmen, den sie einst hatten. Zumindest in diesen Feuchtgebieten macht die Eilenriede ihrem Namen wieder Ehre, ist er doch abgeleitet von dem Baum Erle und dem Sumpfgebiet Riede.

Besonders freuen kann sich der Waldbesucher auch im April. Wenn die Bäume noch kein Blätterdach tragen und erst damit beginnen, grün zu werden, wird die Eilenriede zum Paradiesgarten. In vielen Gebieten, besonders der südlichen Eilenriede, blühen Buschwindröschen und Lerchensporn flächendeckend. Was sind das dann für fantastische Anblicke! Im Landwehrgraben zwischen Bischofshol und dem Kirchröder Turm kann man zu dieser Zeit an manchen Tagen hunderte noch kleiner Grasfrösche beobachten. Noch ist der gut gefüllte Bach dann auch voll kleiner Fische. Der seltene Eisvogel hat keinen Nahrungsmangel, der im Steilufer seine Bruthöhlen angelegt hat. Zweimal hatte ich das Glück, an diesem Graben einen Eisvogel beobachten zu können. Im Sommer trocknet aber auch der Landwehrgraben zum Großteil aus, dann sitzen die Fische auf dem Trockenen und der Eisvogel muss sich andere Nahrung suchen. Bussarde hingegen, von denen 12 Paare im Stadtwald brüten sollen, sieht man häufiger. Und natürlich hört man den Specht immer mal wieder irgendwo Klopfen. Manchmal sieht man ihn sogar.

Und dann ist es natürlich das Totholz, das für einen ganz speziellen Lebensraum sorgt. In den Naturbereichen aus Altersgründen gestürzte oder von den zahlreichen Stürmen gefällte Bäume, dürfen liegen bleiben. Hunderte Käferarten gibt es, die im und vom verrottenden Holz leben. Auch Pilze und Pflanzen siedeln sich darauf an, bevor es irgendwann zu fruchtbarem Humus zerfällt und zum Nährboden für neues Grün wird. Noch stehende und abgestorbene Bäume sind oft innen hohl. Sie bieten Spechten, Eulen oder Fledermäusen als Quartier. Deswegen sind sie besonders wichtig. Ein Naturwald befindet sich in ständigem Wandel. Vom Sprössling über den 30 Meter hohen Baum bis zur Baumruine und Totholz ist alles vertreten. Und das ist es, was einen wertvollen und gesunden Wald auszeichnet, der ein Lebensraum für so viele unterschiedliche Lebewesen ist.

Es gibt aber auch Pflanzen, die in der Eilenriede nicht erwünscht sind. Besonders im nördlichen Bereich ist es der Seltsame Lauch, der im April ebenfalls blüht und einen Zwiebelgeruch verströmt, der große und immer größer werdende Flächen für sich einnimmt. Menschengemacht wurde er aus dem Kaukasus eingeschleppt. Ökologisch ist er für die hiesige Pflanzen- und Tierwelt alles andere als von Nutzen. Und er verdrängt die anderen Frühblüher, die Buschwindröschen und den Lerchensporn.
Ebenfalls breitet sich die Brombeere mit ihren Ranken immer mehr aus. Auch sie zerstört den Lebensraum der Frühblüher, nimmt ihnen am Boden das Licht. Vermutlich nimmt sie durch den Klimawandel und die in den meisten Gebieten trockener werdende Eilenriede immer mehr zu. Versuche der Forstwirtschaft, sie auszugraben, ebenso wie den Lauch, scheiterten. Es ist wie ein Kampf gegen Windmühlen.

Insgesamt aber ist die Eilenriede ein wertvolles Biotop und spielt in der oberen Liga der europäischen Stadtwälder. Und sie zeigt, dass Erholungsgebiete mit vielen unterschiedlichen Freizeitmöglichkeiten und naturnahe Waldbereiche nebeneinander existiere können. Es passt tatsächlich zusammen. Es wäre schön, wenn es nicht nur im hannoverschen Stadtwald so sein würde, sondern in allen deutschen Wäldern. Etwa 10 Prozent Naturwald wären nicht unrealistisch. Das sollte uns als Volk der Wanderer und Erfinder der Romantik und natürlich aus ökologischen Gründen unser Wald wert sein, der doch gerade in unserem Land einen so hohen Stellenwert hat. Und die für die Erde so wichtige Biodiversität würde es uns danken.

Siehe auch: Kreuz und quer durch die Eilenriede
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1 Kommentar
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Jürgen Hedrich aus Laatzen | 27.04.2018 | 20:32  
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