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Der Tiergarten, ein Jagdgehege des hannoverschen Fürstenhofes - Grünanlagen in und um Hannover (Fotos: Christel und Kurt Wolter)

Der Tiergarten in Kirchrode ist das älteste Waldgehege Deutschlands. 1678/79 wurde er für den welfischen Fürstenhof angelegt.
 
Etwa 120 Damhirsche leben darin, aber auch Rot- und Schwarzwild.
 
Die Karte der Kurhannoverschen Landesaufnahme von 1781 zeigt das Gebiet mit den Dörfern Kirchrode und Anderten, die zu dieser Zeit jeweils 54 und 62 Feuerstellen hatten.
 
Ein Blick auf die Wegverläufe. Rechts unten das Gehege der Rothirsche. Links darüber das der Wildschweine. Das Damwild kann sich bis auf den oben abgetrennten Bereich frei bewegen.
Hannover: Tiergarten | Hannover wird nicht umsonst „Die Stadt im Grünen“ genannt und das zu Recht. Wohl kaum in einer anderen Stadt gibt es so viele Grünanlagen wie in der niedersächsischen Metropole. Ob herrlicher Buchenwald inmitten des Großstadttrubels. Ob an zahlreichen Seen, den großen Gartenanlagen von Herrenhausen, den vielen Parks oder an Leine, Ihme oder Mittellandkanal. Überall lädt es den Spaziergänger oder Radfahrer dazu ein, diese grünen Stadtinseln zu erkunden. Natürlich sind den Bewohnern der Stadt die bedeutendsten Grünanlagen bekannt, manche andere aber auch nicht. Mit einer Serie möchte ich die verschiedenen Grüngebiete vorstellen. Dieses Mal geht es um ein parkähnliches Waldgebiet im Südosten der Stadt, das am Rande von Kirchrode liegt.



Der Tiergarten, das älteste Waldgehege Deutschlands

Es war in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, als in der noch jungen Residenz Hannover irgendjemand den glänzenden Einfall hatte, für den unstillbaren Appetit des Fürstenhofes ein Wildgehege anzulegen. Herzog Johann Friedrich von Braunschweig-Calenberg war einverstanden und ließ sechs Kilometer südöstlich der Stadt zwischen den Dörfern Anderten und Kirchrode 350 hannoversche Morgen Eichenwald einzäunen und mit einem Gatter umgeben. 120 Damhirsche wurden ausgesetzt, die sich schnell vermehrten. Von da an waren die Töpfe der Schlossküche gut gefüllt. Außerdem konnten die adligen Herrschaften des Hofes einem ihrer liebsten Hobbys nachgehen, der Jagd auf die vierbeinigen Hornträger. Die adligen Männer ließen die Büchsen knallen, während die feinen Damen der Gesellschaft das Schauspiel aus sicherer Entfernung beobachteten. Es war sicherlich ein prächtiges und prunkvolles Spektakel, und wohl jeder hatte dabei auf irgendeine Art sein Vergnügen - ausgenommen die Hirsche. Als Hannover 1814 nach dem Wiener Kongress zum Königreich wurde, wurden die Hofjagden sogar zu Staatsjagden ausgeweitet.
Im hinteren Bereich des Tiergartens, zum Lönspark hin, steht etwas versteckt im Eichenwald ein Gedenkstein, der an diese Zeit erinnert. An dieser Stelle hatte seine königliche Hoheit Prinz Ernst August im Jahr 1858 seinen ersten Hirsch zur Strecke gebracht. Später sollte diesem sicherlich noch so manches prächtige Tier in die ewigen Jagdgründe folgen.

Konnten zunächst die Bauern der angrenzenden Dörfer vielleicht mal einen Blick über den Zaun auf das bunte Treiben im Eichenwald erhaschen, so ließ im Jahr 1799 Kurfürst Georg III. von Hannover, der durch eine Personalunion König von Großbritannien und Irland war und der in späten Lebensjahren auch König von Hannover werden sollte, das Gehege auch für die Bürgerschaft öffnen, die nun ebenfalls durch die parkähnliche Landschaft flanieren konnte und die dadurch zu einem beliebten Ausflugsziel wurde. Als sich Mitte des 19. Jahrhunderts das Eisenbahnnetz über das Königreich Hannover rasend schnell ausbreitete, wurde sogar eigens für den Tiergarten, der zunächst Sundern hieß, ein Bahnhof angelegt. Zumindest so lange, bis dann Anfang des 20. Jahrhunderts die Straßenbahn eingeführt wurde.

Gejagt wird im Tiergarten auch heute noch. Jedes Jahr in den Wochen vor Weihnachten wird der Park erst gegen Mittag geöffnet. Dann hört man von draußen immer mal wieder ein Knallen. Der Wildbestand muss reduziert werden. Wer möchte, kann dann an Donnerstagen an der Försterei Schlange stehen, um mit viel Geduld und etwas Glück eine Keule, ein Stück Rücken oder auch Goulasch für die Festtage zu ergattern, auch vom Wildschwein. Es lohnt sich für eine feierliche Festtafel.

Wer heute durch den Tiergarten spaziert wird ihn sicherlich nicht viel anders erleben wie die Besucher zu damaligen Zeiten. Und natürlich lohnt sich ein Besuch, denn dort kann man auf einer Fläche von 112 Hektar eine Landschaft erleben, die es heute in Deutschland sonst kaum noch irgendwo gibt. Es ist eine Mischung aus kleinen Waldgebieten und freien Wiesenflächen, auf denen nur vereinzelt Bäume stehen. Da das Gras durch die äsenden Hirsche kurz gefressen ist, hat das Gelände einen zum Teil parkähnlichen Charakter. Den Untergrund des Gebietes bildet wasserundurchlässiger Mergel, der in manchen Bereichen für feuchtes, sumpfiges Gelände sorgt. Dazu wird der südliche Bereich von einem kleinen Bachlauf durchzogen und es gibt mehrere kleine Gewässer, in denen auch immer mal ein Graureiher beobachtet werden kann. Das alles zusammen bietet ein abwechslungsreiches Gelände.
Und werden gewöhnliche Wälder durch die Forstwirtschaft geprägt, in denen Bäume nicht alt werden dürfen, da sie aus wirtschaftlichen Gründen geerntet werden müssen, so darf sich der Wald im Tiergarten frei entfalten. Er darf natürlich sein. Bäume dürfen und sollen alt werden und nur die Bäume am Wegrand müssen aus Sicherheitsgründen gestutzt werden, damit sie keine Spaziergänger gefährden. Und so gibt es in diesem Gehege einen einzigartigen Baumbestand, etwa 40 verschiedene Arten. Doch geprägt wird der lichte Wald hauptsächlich von Buchen, Hainbuchen und natürlich den Eichen, die dem Tiergarten sein charakteristisches Bild geben. Und die letztgenannten sind es, die ein hohes Alter erreichen können. So manche Eiche ist irgendwo zwischen 300 und 600 Jahre alt, und so kann man diese Bäume in allen Altersstadien bewundern. Von jungen durch Drahtgitter geschützten Sprösslingen, mächtigen Bäumen in der Blüte ihrer Jahre, bis hin zu den uralten, knorrigen Greisen, von denen schon so mancher morsche Ast abgebrochen ist oder die sogar einen hohlen Stamm aufweisen, in dem sich verschiedenste Fledermausarten ein Quartier eingerichtet haben. Andere haben dem Alter nicht mehr Stand halten können. Sie liegen zerschmettert am Boden, manchmal noch Jahrhunderte, ehe sie irgendwann vermodern und zu fruchtbarem Humus werden. Und gerade sie sind es, die einen wertvollen Lebensraum für Insekten bieten. Über 1000 Käferarten leben in und vom Totholz. Auch der seltene Hirschkäfer und der Eichenbock.

Und dann ist es natürlich das Wild, dass den Reiz dieser Landschaft ausmacht. Etwa 120 Damhirsche können sich darin - ausgenommen ein jüngerer abgetrennter Waldbereich - frei bewegen. So gibt es immer wieder romantische Szenen anzusehen, wenn sich ein Hirschrudel auf einer Wiese aufhält, oder Junghirsche vor uralten Eichen ihre Kräfte messen und ihre Geweihschaufeln gegeneinander stoßen. Von den Besuchern gefüttert, wie in früheren Zeiten, dürfen die Tiere aber schon lange nicht mehr. Das falsche Futter kann sie krank machen. So ist es den Wildpferden ergangen, die bis in die Neunzigerjahre in einem abgetrennten Bereich nach Anderten hin lebten. Sie mussten deswegen abgeschafft werden. Seitdem leben in dem Gehege Rothirsche, die bedeutend größer sind als das Damwild und fast das doppelte Körpergewicht erreichen.

Nur ein Stück davon entfernt findet man das Wildschweingehege. Das ist besonders bei Familien mit kleinen Kindern beliebt. Und es ist schon eindrucksvoll, wenn ein mächtiger Keiler mit seinem Rüssel den Boden tief durchpflügt, um nach Leckereien zu suchen. Mehrmals im Jahr können sich die Besucher an nur wenige Tage alten Frischlingen erfreuen, die neben ihrer Mutter durch das Gehege wuseln. Und auch ein Nilganspaar, das im letzten Jahr, wenn ich mich nicht verzählt habe, sieben Junge hatte, hält sich gern bei den Wildschweinen auf. Manchmal sieht man die beiden Altgänse auch hoch oben im Geäst einer alten Eiche sitzen.
Auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Tiergarten bei Kindern besonders beliebt. Wie mir eine alte Anwohnerin erzählte, wurde er zu ihrer Kinderzeit in den Dreißigerjahren oft zu Schulfesten genutzt. Es wurde dann um die uralte Eiche nahe dem Haupteingang ein Reigen getanzt, oder es wurden nach Einbruch der Dämmerung Fackelzüge veranstaltet. Damals befand sich bis in die Fünfzigerjahre, wo heute das Leonardo-Hotel steht, eine Gastwirtschaft mit Kaffeegarten, die auch ich noch in Erinnerung habe. Daneben gab es vor dem 2. Weltkrieg eine Süßigkeitenbude und einen Schießstand, an dem auf vorbeilaufende Wildschweine geschossen werden konnte.

Ein Fest gibt es im Tiergarten auch heute noch. Alljährlich zur Herbstzeit sammeln die Kinder Kastanien, die sie bei der Försterei abgeben können. Dafür erhalten sie eine Baumscheibe und freien Eintritt zum Tiergartenfest. Dann herrscht überall im Park ein buntes Treiben, bei dem für den Nachwuchs viel geboten wird. Vom Ponyreiten über Nägel einschlagen bis zu interessanten Informationen und noch viel mehr. Um die 20.000 Besucher bevölkern dann die Wege. An anderen Tagen ist der Eintritt aber frei.

Gerade wir Kirchröder und Anderter sind natürlich froh, dass wir dieses schöne Tiergehege direkt vor der Haustür haben. Doch auch für andere Hannoveraner ist es immer wieder ein beliebtes Ausflugsziel, das man auch mehrmals im Jahr besuchen kann. Ob nun bei frischem Frühjahrsgrün, bei buntem Herbstlaub oder an verschneiten und frostigen Wintertagen, egal zu welcher Jahreszeit. Immer hat diese alte Kulturlandschaft mit ihren eindrucksvollen Eichen und dem Wildbestand ihren besonderen Reiz. Und deswegen lohnt sich ein Besuch immer mal wieder.
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2 Kommentare
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Romi Romberg aus Berlin | 02.04.2018 | 23:31  
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Karl-Heinz Mücke aus Pattensen | 03.04.2018 | 10:38  
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