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Fototipp: Das Teleobjektiv holt nicht nur Fernes nah heran

Das Tele rafft den Raum. Weit entfernte Objekte scheinen dich hintereinander zu liegen
Wer eine Systemkamera besitzt, hat die Möglichkeit, das mitgelieferte „Kit-Objektiv“ – früher war das ein 50mm Normalobjektiv, heute ist es meistens ein einfaches, lichtschwaches Dreifach-Zoom – durch andere Linsen zu ersetzen. Der Markt hält ein reichhaltiges Angebot dazu parat, genug, um fast jeden Geldbeute zu leeren. Deshalb sollte das erste Zusatzobjektiv mit Bedacht gewählt werden. Wie wäre es mit einem Tele?

Weil die Fotoszene nach meinem Geschmack bei myheimat etwas zu kurz kommt, will ich ab und zu mit Beiträgen zu Fotothemen den Fokus auch mal auf dieses schöne Hobby richten. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, heute über meinen Besuch einer Fotoausstellung im Sprengelmuseum in Hannover zu berichten. Das Thema ist gestrichen. Nicht, dass es mir etwas ausmachen würde, in einschlägigen Kreisen nun als Kunstbanause dazustehen. Dies ließe sich verkraften. Aber ich fürchte auch Post vom Anwalt des Museums oder des Bildautors. Die Ausstellung läuft noch einige Zeit. Jeder, der möchte, kann sich ein eigenes Bild von der Bilderschau machen. Tipp: Freitags ist der Eintritt ins Museum frei. Wem die ausgestellten Bilder gefallen, kann sich dann über ein Schnäppchen freuen. Wen es wir mir geht, kann sich immerhin damit trösten, kein Geld dafür ausgegeben zu haben.

Bei der Frage "über was könnte man denn dann nun stattdessen schreiben", stieß ich auf Berichte der Fotogruppe Döhren, die diese Anfang der 80iger Jahre in einem örtlichen Anzeigenblatt, den Maschseeboten, veröffentlichte. Mitbürger wollte man für die Fotografie begeistern und natürlich sollte daneben etwas Eigenwerbung für die Gruppe betrieben werden. Auch ich verfasste in diesem Rahmen ab und zu einige Artikel zu fotografischen Themen. Der Döhrener Fotoclub ist zwar längst Geschichte, doch die alten Fototipps halte ich nach wie vor für interessant. Zumeist beschäftigte ich mich seinerzeit mit Grundlagenthemen. Im Zeitalter von Motivprogrammen und Programmautomatiken kann es aber nichts schaden, sich ab und zu noch einmal das Fundament des ganzen fotografischen Schaffens in Erinnerung zu rufen. Deshalb hier nun der Text, den ich damals zu Teleobjektiven schrieb.

Da die Zeiten sich rasant geändert haben, hier ein paar notwendige Anmerkungen. Alle Brennweitenangaben beziehen sich auf das Kleinbildformat, im digitalen Zeitalter sagt man dazu nun „Vollformat.“ Für Kameras mit kleinerem Sensor muss ein entsprechender Verlängerungsfaktor berücksichtigt werden, die Telewirkung fällt hier also stärker aus (der umgekehrte Effekt tritt bei Kameras mit Mittelformatsensor auf, aber wer kann sich solche Boliden als Hobbyfotograf schon leisten?). Als der Artikel erschien, kaufte der Fotoamateur eigentlich zunächst einen Kamerabody mit Normalobjektiv von 50 mm Brennweite. Die Ausstattung mit kleinen Zoomobjektiven, die die 50mm-Linsen weitgehend verdrängten, wurde erst später marktüblich. Aber alle Überlegungen gelten natürlich auch für Zoomobjektive in entsprechender Telestellung. So mag der Beitrag letztendlich auch für Besitzer von heutigen Kompakt- und Bridgekameras interessant sein, die zwar das Objektiv an ihrem Apparat nicht austauschen, aber immerhin die Brennweite verändern können.

Damals empfahl ich als Anfang für den Einstieg in den Telebereich eine Festbrennweite von 90 bis 135mm. Für den, der auch heute noch auf Festbrennweiten setzt (die Optiker müssen hier weniger Kompromisse schließen, die Dinger sind letztendlich damit einen Tick besser als Zoomobjektive), ist das nach wie vor die erste Wahl. In diesem Brennweitenbereich lassen sich Porträts besonders natürlich wiedergeben. Denn sie ermöglichen eine Aufnahmeentfernung, die die perspektivische Verzerrung (Dinge, die näher am Objektiv sind, werden größer abgebildet, als Dinge, die weiter entfernt sind) vermindert.

Das Teleobjektiv (Tele stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie weit, fern) ist ein vielseitiges Zubehör. Es bringt erst einmal ferne Gegenstände groß ins Bild. Überall da, wo der Fotograf nicht nah an sein Motiv herankommt, ist es unentbehrlich. Schon ein relativ kleines Tele von 135mm hat bereits eine 2,7fache Vergrößerung gegenüber dem 50-Millimeter. Wer sich spezialisiert – etwa wildlebenden Tieren nachpirscht – benötigt allerdings schon wesentlich längere „Kanonen“.

Direkt mit der Vergrößerungswirkung hängt ein weiterer Effekt zusammen. Da der Film (bzw. heute der Sensor) nicht größer wird, kommt letztendlich weniger aufs Bild. Der Bildausschnitt wird enger, Überflüssiges oder Störendes bleibt außen vor. Als Fotograf kann – und muss – man sich auf das Wesentliche konzentrieren. Für mich war früher es immer eine gute Übung, bewusst nur das Tele anzusetzen und Weitwinkel und Normalobjektiv zu Hause zu lassen. Da musste man sich wirklich gut überlegen, wie man das gewünschte Motiv im engen Bildausschnitt trotzdem wirkungsvoll in Szene setzte. Ich empfand solche Fotoexkursionen als sehr lehrreich.

Mit der Vergrößerungswirkung geht aber auch ein bedeutender Nachteil einher. Jede Bewegung der Kamera wird mitvergrößert, schnell ist die Aufnahme verwackelt. Eine Faustregel besagte seinerzeit, die Belichtungszeit (als Bruchteil einer Sekunde) sollte die Brennweite nicht überschreiten. Wer also mit einem 100-Millimeter-Objektiv fotografierte, sollte aus der Hand nie länger als mit 1/100 belichten. Für längere Zeiten war (und ist) ein Stativ anzuraten. Erschwerend kommt übrigens hinzu, dass preiswerte Teles auch noch lichtschwach sind. Denn gut korrigierte Teleobjektive mit großer Blendenöffnung sind ziemlich teuer. Heute allerdings im Zeitalter der Bildstabilisatoren lässt sich manchmal dadurch noch etwas Belichtungsspielraum gewinnen; gleichwohl, ein Stativ ist nach wie vor ein nützliches (wenn auch gewichtiges und unhandliches) Zubehör.

Für die Bildgestaltung ist ein weiterer optischer Effekt des Teles wichtig. Ein Objektiv mit langer Brennweiter scheint den Raum zu „raffen“. Motivdetails in unterschiedlicher Entfernung erscheinen näher an einander dran. Umgekehrt streckt ein Weitwinkel den Raum. Allerdings verändern die Objektive selbst die Perspektive nicht (blenden wir hier Fischaugenobjektive einmal aus). Vom selben Standpunkt aus fotografiert, weist ein Bild immer die gleiche Perspektive auf, egal, ob es eine Weitwinkel- oder eine Teleaufnahme ist. Bei der Weitwinkelaufnahme ist der Bildwinkel nur größer, es ist im Zweifel mehr auf dem Bild drauf. Aber durch eine Standortveränderung in Verbindung mit einem Teleobjekt (Beispiel: wir gehen vom Motiv zurück, durch das Tele bleibt der Bildausschnitt aber trotzdem der gleiche) können wir mit der Perspektive spielen und die für unser Motiv optimale Gestaltung suchen. Probiert es einmal aus. Fotografiert mehrere hintereinander liegende Gegenstände einmal mit Weitwinkel- oder Normalbrennweite und dann mit einer Telebrennweite, achtet aber durch vor und zurückgehen darauf, dass der Bildausschnitt bei allen Aufnahmen ungefähr gleich ist. Voila, der Raum wirkt jeweils ganz anders.

Ein weiterer Vorteil des Teles: Die Schärfentiefe ist geringer, das Spiel mit Schärfe und Unschärfe gelingt leichter. Gerade im Zeitalter kleiner Bildsensoren eine durchaus nützliche Eigenschaft.
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4 Kommentare
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Erwin Zimmermann aus Bad Kösen | 17.03.2013 | 10:29  
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Katja W. aus Langenhagen | 17.03.2013 | 10:30  
16.659
Fred Hampel aus Fronhausen | 17.03.2013 | 11:17  
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Gaby Floer aus Garbsen | 19.03.2013 | 08:23  
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