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Die Rolling Stones traten vor 30 Jahren erstmalig im Niedersachsenstadion auf, und Peter Maffay erlebte dabei sein Waterloo - Wer war am 6. Juni 1982 dabei?

Schon damals eine Legende: Mick Jagger in Aktion.
 
66.000 im weiten Rund des Niedersachsenstadions, und eine fantastische Stimmung.
 
Die Stones eröffneten mit ihrer damaligen Welttournee die Ära der Stadionkonzerte.
Hannover: Niedersachsenstadion |

In den 1950er Jahren waren die Helden der Musikszene Buddy Holly, Elvis Presley und in Deutschland auch Peter Kraus. Es war die Zeit der Petticoats, der Pferdeschwänze und der Schmalzfrisuren. Anfang der 1960er Jahre jedoch änderte sich die Szene. Nun traten in erster Linie ganze Gruppen auf, die das Genre bestimmen sollten. Allen voran vier junge Männer aus Liverpool. Sie hatten Pilzfrisuren, machten eine Supermusik und füllten als erste sogar riesige Stadien. Sie wurden schnell so erfolgreich, dass ihre Musik bei ihren Livekonzerten in den Hintergrund trat. Wo sie auch auftraten: Massenhysterie, Kreischen und Nervenzusammenbrüche waren angesagt. Mit Normalität hatte das alles nichts mehr zu tun. Doch diese vier jungen Männer, die sich Beatles nannten, waren artige Jungs, fast Schwiegermuttertypen.
Dann gab es da noch eine zweite Gruppe, die völlig anders geartet war. Das waren die Rolling Stones, die nicht weit hinter den Liverpoolern auf der Ruhmesskala standen. Sie sorgten ebenfalls für Furore, wenn auch auf ganz anderem Gebiet. Sie waren die bösen Jungs, die die Rebellion der Jugend verkörperten. Sie streckten der Welt ihre Zungen raus, sorgten für Skandale und nahmen Drogen, denen Bandmitglied Brian Jones sogar zum Opfer fiel. Offizielle Todesursache: Ertrinken im Swimmingpool.
Und wo die Stones auftraten, da ging es oft hoch her. So zum Beispiel 1965 auf der Berliner Waldbühne, als die Fans nach dem Konzert das gesamte Mobiliar zu Kleinholz zerlegten.
Diese Rolling Stones also, neben den Beatles die Dinosaurier der damaligen Musikszene, sollten im Jahr 1982, als sie nun schon alte Hasen und fast 20 Jahre im Geschäft waren, auf ihrer Welttournee auch durch deutsche Stadien touren. Sie gab es tatsächlich noch, während sich die netten Liverpooler längst aufgelöst hatten und nur noch als Solisten auftraten, beziehungsweise John Lennon zwei Jahre zuvor durch die Kugel eines Verrückten sein Leben lassen musste. Und die Stones waren nach wie vor so populär, dass sie weltweit, wie damals die Beatles in nur einigen Konzerten, nun reihenweise riesige Stadien füllten, egal wo sie auf der Welt auch auftraten. Und das war damals neu. Man kann sagen, dass mit ihnen die Ära der Stadionkonzerte begann. Die Karten waren – auch ohne Internet – so schnell verkauft, dass sogar Zusatzkonzerte gegeben werden mussten. So auch in Hannover. Und welches Stadion wäre gerade für solche Open-Air-Konzerte besser geeignet gewesen als das alte Niedersachsenstadion. Es hatte auf der Ostseite eine relativ kleine Tribüne. Dort konnte eine Bühne aufgestellt werden, so dass nicht viele Sichtplätze verloren gingen. Gegenüber das riesige Halbrund der Westtribüne. Dort und auf der Rasenfläche, die mit einer dicken Plane abgedeckt war, konnten 66 000 Zuschauer Platz finden. Mick Jagger, der die Stadien, in denen er auftreten sollte, vor den Konzerten checkte, entschied sich gerade wegen dieser günstigen Gegebenheiten bei den Norddeutschlandkonzerten für Hannover und gegen das Volksparkstadion in Hamburg.
In München hatten die Stones ihre Deutschlandtournee eröffnet. Doch dann kamen sie nach Hannover, und natürlich war ich zur Stelle. Der 6. Juni war ein heißer Sommertag. So etliche Fans sollten den großen Auftritt der bösen Jungs gar nicht miterleben. Die Hitze machte ihnen einen Strich durch die Rechnung, und wohl so manchem auch der Alkohol. Und wie staunte ich, als ich damals die Riesenschüssel betrat. Zig Spiele von 96, Länderspiele, Pokalendspiele und selbst WM-Spiele hatte ich dort gesehen. Doch das war nun ein völlig anderes Bild. Nicht nur die hohen Tribünen waren mit Menschen angefüllt, sondern auch der gesamte Innenraum. Es war ein großartiges Bild, und es herrschte eine fantastische Stimmung. Menschen über Menschen, und bald sollten wir dazu Hits hören von keinem geringeren als Mick Jagger selber, der schon damals eine Legende war. Dazu die Bühne, riesig groß, wie es zuvor noch nie eine gegeben hatte. Hundert Meter lang, haushoch und schillernd bunt, Popart bunt. Darüber Tausende von Luftballons. Ein toller Anblick unter einem blauen Himmel.
Doch wie üblich bei solchen Veranstaltungen gab es einen Vorsänger, und dieser war in Hannover Peter Maffay. Nun war der Peter damals in Deutschland schon sehr populär und erfolgreich. Doch eigentlich auf einem anderen Musikgebiet, nämlich dem der Schlager. Doch er hatte schon immer ein Herz für die Rockmusik, und so begann er sich gerade in dieser Zeit zum Rocksänger zu wandeln. Doch für die Hardcorefans der Stones war Peter Maffay alles andere als ein Rocksänger, und ihrer Meinung nach war er nicht würdig, den Giganten des Rock`n Rolls und des Rhythmen-Blues den Weg zu ebnen und einzustimmen. So hallte ein gellendes Pfeifkonzert durch die Riesenschüssel. Gnadenlos wurde er von Tausenden ausgepfiffen, und nicht nur das. Südfrüchte, Eier und andere Gegenstände flogen auf die Bühne. Doch tapfer hielt der Peter dagegen und spulte trotz allem, und dafür bewunderte ich ihn, sein Programm herunter. Auch wenn ich kein Maffay-Fan war, so tat mir der Peter doch leid. Das hatte er nun wirklich nicht verdient. Doch die Stones-Fans kannten kein Mitleid. Peter Maffay hat später Jahre gebraucht, um dieses, sein Waterloo, zu überwinden. Doch viele Male sollte er danach noch nach Hannover kommen und große Hallen füllen. Und dann wurde er auch, nun wirklich zum Rocksänger gereift, und das zu Recht, enthusiastisch gefeiert.
Doch dann, als sich die Sonne so langsam dem Horizont zuneigte, betraten nach einer Pause die Hauptakteure die Bühne. Betraten? Nein, das ist nicht der richtige Ausdruck. Sie sprangen auf die Bühne und legten los wie die Irrwische. Mick Jagger und Keith Richard, die ob ihres ausschweifenden Lebenswandels schon damals die Gesichtsältesten waren. Dazu Ron Wood und Schlagzeuger Charlie Watts. Sie schlugen in die Saiten, dass es nur so krachte. Und dann spulten sie routiniert ihr Programm runter: Honky Tonk Woman, Brown Sugar, Jumping Jack Flasch, Angie, natürlich Satisfaction und all die anderen. Es war einfach riesig, bei diesem Auftritt dabei sein zu können. Gänsehautatmosphäre pur. Jeder, der Fan von irgendeinem Sänger, wer auch immer es sein mag, ist, kann das wohl nachvollziehen.
Bei diesem Konzert hatte ich eine Karte für den Innenraum. Damals war es ohne weiteres möglich, von dort auch auf die Tribüne zu gehen. Doch sitzen bei einer solchen Veranstaltung, das geht meiner Meinung nach gar nicht. Starr ist man an seinen Sitz gefesselt. Ganz anders ist es, wenn man im Innenraum steht. Dort kann man die Musik ganz anders genießen, sie anders miterleben. Wesentlich intensiver. Man kann sich bewegen, mitwippen, mitklatschen. Das alles geht im Sitzen kaum. Deswegen sind die Stehplätze bei solchen Ereignissen eindeutig die besseren Plätze.
Und noch einen Vorteil haben sie. Natürlich kann man der Bühne viel näher kommen und seine Stars aus der Nähe anschauen. Videowände gab es damals noch nicht. So schob ich mich dann langsam durch die Menge und es gelang mir, bis zur Bühne vorzudringen. Und natürlich war das grandios diese Heroen der Musikszene nicht nur ohrenbetäubend zu hören, sondern sie auch aus unmittelbarer Nähe zu erleben. Und das lohnte natürlich besonders bei Mick Jagger. Wie ein Marathonläufer fegte und sprang er über die Bühne und konnte dabei sogar noch singen. Eine erstaunliche Leistung. Trotz des Drogenkonsums, oder vielleicht gerade deswegen?, so fit zu sein, das hatte meine vollste Hochachtung.
So war also das Stones-Konzert ein Riesenerfolg. Eben auch deswegen, weil diese Stadionkonzerte damals etwas Neues waren. Natürlich waren auch die Medien voll davon. Fernsehen und Zeitungen hatten genug Stoff zum Senden und Berichten und überschlugen sich in ihren Schlagzeilen. Und wer an diesem 6. Juni 1982 vor 30 Jahren dabei war, der wird diesen Tag wohl nicht vergessen haben: Die Stones wohl nicht, die Zuschauer nicht und auch Peter Maffay nicht. Es war für fast alle ein toller Tag.

Siehe auch: Supertramp und Chris de Burgh im Dortmunder Westfalenstadion

- Paul Simon & Sting in der Lanxess-Arena in Köln
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7 Kommentare
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Karl-Heinz Mücke aus Pattensen | 03.06.2012 | 20:05  
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Kurt Wolter aus Hannover-Bemerode-Kirchrode-Wülferode | 03.06.2012 | 20:10  
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Reinhold Peisker aus Burgdorf | 11.09.2012 | 08:25  
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Kurt Wolter aus Hannover-Bemerode-Kirchrode-Wülferode | 25.11.2013 | 20:51  
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Kurt Wolter aus Hannover-Bemerode-Kirchrode-Wülferode | 18.12.2013 | 20:01  
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adⓕc Langenhagen - rauf aufs Rad! aus Langenhagen | 26.07.2018 | 07:57  
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Kurt Wolter aus Hannover-Bemerode-Kirchrode-Wülferode | 20.12.2018 | 19:58  
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