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Radverkehr in Bemerode: Verschlimmbesserung in Serie

Brabeckstraße Ende Februar 2020. Die vielen Poller waren neu, die Beschilderung gewohnt. Seit Jahren durften aus gutem Grund Fahrräder auf dem Gehweg fahren.
 
Brabeckstraße Ende April: Wieder ohne Poller. Auch das Schild "Fahrrad frei" wurde entfernt. Auf der Straße dürfen die Autos 50 km/h fahren und drei Buslinien führen hier entlang. Der Radverkehr soll sich dazwischen irgendwie einreihen.
Hannover: Bemerode |

Die Stadtverwaltung der LHH hat 62 Poller an der Brabeckstraße in Bemerode eingesetzt und acht Wochen später wieder entfernt. Jetzt schickt sie den Radverkehr jetzt trotz Tempo 50 zwischen die Autos.

So plötzlich wie es aufgetaucht war, ist es wieder verschwunden: Das rotweiße Poller-Meer auf den Fuß- und Radwegen entlang der Brabeckstraße in Bemerode. Erst Mitte Februar waren sie an einem Freitag und Samstag eingesenkt worden: 62 hüfthohe Stangen vor dem ‚Rembetiko‘, entlang der vom Radverkehr viel genutzten Einmündung Alte Bemeroder Straße und auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Weder Anwohnende noch Bezirksrat wussten, warum und von wem das angeordnet worden war.

Ende April waren die Poller plötzlich wieder weg. Letzte Erinnerung sind die andersfarbigen Steine im Pflaster, die die entstandenen Löcher verdecken. Fast als wäre nie etwas gewesen.

Auf Anfragen aus dem Bezirksrat hatte die Verwaltung im März mitgeteilt, die Poller seien nach Prüfung vor Ort errichtet worden. Verwaltung und Polizei hätten den Bereich auf Grund von Beschwerden begutachtet. „Es wurde festgestellt, dass insbesondere in den Abendstunden und an Wochenenden auch bereits in der Mittagszeit in dem Bereich rund um die Gaststätte Rembetiko massive Parkverstöße vorlagen und die Gehwegbereiche dadurch teilweise so zugestellt waren, dass Fußgänger*innen, Menschen mit Kinderwagen oder in Rollstühlen auf die Fahrbahn ausweichen mussten, um den Bereich zu passieren.“ Die Verwaltung habe den Bereich „weiträumig mit Pollern und Fahrradbügeln ausgestattet, damit die Flächen auch tatsächlich nur den Berechtigten und uneingeschränkt zur Verfügung stehen“.

Gut gemeint – aber das Gegenteil von gut. Denn von „uneingeschränkt“ konnte leider nach der laut Verwaltung 7.000 Euro teuren Aktion nicht die Rede sein. Die Poller waren nämlich so montiert worden, dass sie den Rad- und Gehweg um gut 30 Zentimeter beschnitten - wohl um die Seitenspiegel vorbeifahrender SUVs vor einer Begegnung mit ihnen zu schützen. Aber auch Radfahrerinnen und Radfahrer können nicht ganz abstandslos an Pollern vorbei fahren. So wurde der ohnehin schmale Weg für sie real um noch etwa 50 Zentimeter schmaler. Und die zusätzlich platzierten Fahrradbügel machten die Sache nicht besser.

Der Komplett-Rückbau aller Poller ist wohl auf das Verlangen des Bezirksrates zurückzuführen, die Situation neu zu prüfen – und leider auch nicht schlau. Denn intelligenter platziert wäre ein Teil dieser Poller zur Abwehr der Falschparker hier durchaus sinnvoll gewesen.

Zynisch und gefährlich


Und nun? Warten wir darauf zu, dass an dieser Gefahrenstelle die vorprogrammierten Unfälle passieren? Oder fällt den Verkehrsplaner*innen der Stadt vielleicht vorher etwas ein? Zwingend ist hier sofort eine deutliche Temporeduzierung für Autos. Auch eine signalrote Radspur auf der Fahrbahn könnte als Notlösung kurzfristig helfen. Baldmöglichst müssen die Bürgersteige für die Nutzung auch durch den Radverkehr baulich verbreitert werden. Und gefährliche Hindernisse wie die hineinragende Treppenstufen zu einem seit 5 Jahren nicht genutzten Lädchen sind dort zu entfernen.

Doch die Verwaltung hat jetzt ganz anders entschieden. Sie hat nicht nur die Poller entfernt. Verschwunden sind jetzt auch die Schilder, die dem Radverkehr jahrelang die Nutzung des Bürgersteigs erlaubt hatten. Radfahrerinnen und Radfahrer sollen nun zwischen den Autos auf der Fahrbahn ihr Glück versuchen. Zur Erinnerung: Hier gilt Tempo 50. Autos fahren deswegen oft mit 70 km/h um die Kurve. - Zynischer hätte der Eingriff an dieser Stelle nicht ausfallen können.

Zumindest am Tag 1 bemerkten die allermeisten Radler*innen die veränderte Beschilderung nicht, fuhren wie gewohnt auf dem Jetzt-Nur-Fußweg weiter - und begingen so nichts ahnend eine Ordnungswidrigkeit (Bußgeld: 55 Euro). Eine Seniorin auf dem Rad allerdings lenkte noch schnell auf die Fahrbahn um - und wurde dort fast von einem PKW erfasst. Eine wahre Geschichte. Und es wird an dieser Stelle in Zukunft nicht immer gerade noch mal gut ausgehen.
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1 Kommentar
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Jost Kremmler aus Potsdam | 23.05.2020 | 21:24  
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