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Wer es sandig mag, muss nicht unbedingt in die Sahara reisen – In Polen und Frankreich kann man die größten Wanderdünen Europas erleben

Riesige Sanddünen faszinieren. Der Wind ist die Energie, die sie unaufhörlich wandern lässt.
 
Danzig ist ein guter Stützpunkt. Von dort aus kann die polnische Ostseeküste erkundet werden.
 
Vom kleinen Touristenort Leba kann man einen besonders schönen Strandabschnitt rund 10 Kilometer nach Westen entlang wandern.
Łeba (Polen): Slowinski-Nationalpark | Die einen Urlauber mögen eher eine wildzerklüftete Felsküste, die anderen lieber endlose Sandstrände. Beides kann man in Deutschland haben, und beides ist auf seine Art reizvoll. Die weißen Kreidefelsen auf Rügen, oder aber 30 Meter hohe Sanddünen auf Sylt. Beide Inseln haben ihre eingeschworenen Fans. Wer allerdings das Sandige bevorzugt und wirklich einmal große Dünenlandschaften erleben möchte, derjenige muss dann doch Deutschland verlassen und kann dabei in Europa zwischen zwei Himmelrichtungen wählen. Nach Osten hin liegt etwa 60 Kilometer von Danzig entfernt die „Polnische Sahara“, nach Westen an der französischen Atlantikküste bei Arcachon, unweit von Bordeaux, die größte Wanderdüne Europas. Sie ist zwar riesig, wirkt im Vergleich zu den weltgrößten Sanddünen der Namibwüste aber eher bescheiden. Doch da wir nicht in die Namibwüste kommen, beschränken wir uns auf den Sand, der annähernd vor unserer Haustür liegt, und das ist allemal eindrucksvoll.

Nordwestlich von Danzig beginnt der schönste Abschnitt der polnischen Ostseeküste. Ein bekanntes und beliebtes Touristenzentrum dort ist der kleine Ort Leba. Ihn wählt man als Stützpunkt für die Erkundung der Wanderdünenlandschaft aus, die im Slowinski-Nationalpark auf einer Nehrung zwischen einem riesigen See und dem Meer liegt. Schon 1977 wurde dieses eindrucksvolle Gebiet von der UNESCO zum Biosphärenreservat ernannt. Erreichen kann man es zum Beispiel mit einem Leihfahrrad, oder, was wir bevorzugt haben, durch eine knapp 10 Kilometer lange Strandwanderung, bei der man nicht viele Menschen antrifft. Dabei kann man dann mal ins kühle Nasse springen und in den anlaufenden Wellen auf und ab dümpeln.

Es war um die Mittagszeit, als wir den Nationalpark bei hochstehender Sonne erreichten. Weißer Sand, gleißendes Licht und eine gnadenlose Hitze. Die „Polnische Sahara“ machte ihren Namen gerade in diesem außergewöhnlichen Sommer alle Ehre. Das wusste während des Zweiten Weltkriegs auch Wüstenfuchs Rommel, der die deutschen Soldaten dort im Sand für Afrika trainieren ließ. Auch erinnert im nahen Wald eine Abschussrampe der V 2 an diese Zeit. Doch das war einmal. Über 70 Jahre liegen diese schlimmen Zeiten inzwischen zurück.

Natürlich erstiegen wir, mühsam durch den tiefen Sand watend, die größte Düne, die Lackzka Gora. Einst hat sie das gleichnamige Dorf überrannt, wandert sie doch durchschnittlich 12 Meter pro Jahr weiter. Dabei bläst der Wind die feinen Körner nicht durch die Luft, sondern rollt sie die Düne hinauf, bis über deren Kamm hinüber. So wandert sie ständig weiter.
Vom höchsten Punkt blicken wir mit vielen anderen Touristen, die von der Landseite gekommen sind, über die weite Landschaft. Um uns herum und nach Westen hin breitet sich diese Wüste auf einer Fläche von fünf Quadratkilometern aus. Nach Norden hin sehen wir einen riesigen Süßwassersee von der doppelten Größe des Steinhuder Meeres, dessen Wasserfläche einst vom Meer durch entstehende Sandbänke abgetrennt wurde. Nach Norden blicken wir auf die Ostsee, deren nächstes Land sie etwa in 400 Kilometer Entfernung bei Stockholm erreicht. Nur 150 Kilometer weiter östlich, jenseits der Bernsteinküste, liegt übrigens ein zweites Wanderdünengebiet ähnlicher Art. Irgendwo auf der Kurischen Nehrung, die allerdings zu Russland gehört und damit für uns nicht ohne weiteres erreichbar ist. Auch dort werden die Dünen um die 50 Meter hoch, und auch dort erinnert noch etwas an die Krieg. Die schmale Nehrung war damals ein Weg für Flüchtlingstrecks. Und so legt der Wind im Sand heute noch immer mal wieder menschliche Knochen frei.

Nun kommen wir zu dem nächsten Wanderdünengebiet, das weit im Südwesten Europas liegt, nicht weit entfernt von Bordeaux entfernt an der französischen Altlantiküste der Biscaya.
Dort bei Arcachon hat sich nach der letzten Eiszeit vor 18.000 Jahren Schotter und anderes Gestein angelagert. Vom Meer herantransportiert kam Sand dazu, baute immer mehr Schichten auf, und so konnte die Grand Dune du Pilat entstehen, eine Wanderdüne von riesigen Ausmaßen. Fast drei Kilometer ist sie lang, etwa 500 Meter breit und bis 110 Meter hoch. Das sind für europäische Verhältnisse gewaltige Dimensionen. 60 Millionen Kubikmeter Sand sollen diesen einzigen Berg bilden. Die Anzahl der Sandkörner können wir uns nicht vorstellen. Etwa vier Meter wandert die Grand Düne por Jahr, erobert ein Stück Land und gibt ein anderes wieder frei. So rückt sie in einem Jahrhundert um die 400 Meter weiter.
Nun ein Tipp für diejenigen, die die Düne einmal besuchen wollen. Als wir uns am frühen Abend dorthin auf den Weg machten, kamen uns Autoschlangen ohne Ende entgegen. Natürlich ist die Düne in Frankreich eine Touristenattraktion, und so sollte man, wenn man es denn ruhiger haben möchte, diese in den frühen Morgen- oder den Abendstunden besuchen. Es lohnt sich, zumal dann die schönsten Lichtstimmungen vorherrschen. Wir wollten jedenfalls keinen Rummel, und so begegneten wir nur noch wenigen Menschen. Zum Übernachten rollten wir dann unter einem funkelnden Sternenhimmel, bei Picknick mit Rotwein und Baoguette und die Brandung des Meeres als Hintergrundrauschen, unsere Schlafsäcke im Sand aus. Es wäre die perfekte Nacht gewesen, wären wir nicht inmitten dieser von einem heftigen Gewitter überrascht worden.
Es macht jedenfalls eine Menge Spaß, barfuß durch den Sand zu stapfen, der auf der einen Seite des Dünenkammes fest, auf der anderen locker und tief ist. Mit Tempo kann man die steilen Hänge hinunterrennen, oder muss sie andererseitss mühsam ersteigen. Von oben geht der Blick über den ganzen, langen Kamm, der parallel zum Meer verläuft. Zur Landseite dichter Kiefernwald, in dem sich Feriensiedlungen verstecken. Zur Rechten auf den weiten Atlantik. Und natürlich beobachteten wir von dort oben später auch einen schönen Sonnenuntergang direkt über dem Meer.

Wer es also sandig mag, der befindet sich an den beschriebenen Orten am richtigen Fleck eindrucksvollster Natur. Schönere Berge dieser sandigen Art kann er in Europa nicht finden. Und dabei muss ich auch daran denken, wie ich vor 40 Jahren am frühen Morgen im Erg Chebbi in Marokko auf einer 150 Meter hohen Düne stand, und mit einigen anderen den Sonnenaufgang beobachtete, wie der glutrote Ball über den unendlichen Weiten der Algerischen Wüste aufging. Das sind Erlebnisse im Sand, die man nie vergisst.
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3 Kommentare
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Romi Romberg aus Berlin | 10.08.2018 | 17:02  
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Kurt Battermann aus Burgdorf | 10.08.2018 | 18:35  
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Hartmut Stümpfel aus Sarstedt | 10.08.2018 | 19:23  
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