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Jakobsweg - schon wieder?

Blick über den Thuner See auf den Eiger
 
Interlaken
Jakobsweg – schon wieder?
Mit dieser Frage werden wir häufig konfrontiert, wenn wir wieder zu einer Etappe auf dem Jakobsweg aufbrechen. Auf unser be-geistertes „Ja“ folgt manchmal ein etwas ent-geisterter Blick unseres Gegenübers. Auf die Frage „Warum?“ könnten wir auch einfach nur antworten: Weil es so schön ist! - oder auch: Wenn man erst einmal damit angefangen hat, dann will man mehr, dann will man sich immer wieder auf den Weg machen. Es ist wie ein positiver Bazillus. Hat man sich erst einmal infiziert, kommt man nicht mehr davon los. Schöne, einzigartige Erlebnissen haben durchaus ein gewisses Suchtpotenzial.

Doch was ist es konkret, was gerade in jüngster Zeit immer mehr Menschen zu Pilgern werden lässt? Sicherlich suchen viele Menschen die Ruhe, die Begegnung mit sich selbst und – so man nicht allein aufbrechen musste - dem eigenen Partner auf dem Pilgerweg. Manchmal führen persönliche Anliegen und Sorgen dazu, aus dem Alltag aus-zu-brechen und neu auf-zu-brechen, auf den Pilgerweg oder auch auf den Lebensweg.

Nicht jeder hat die Gabe, das was ihn bewegt, in einem Gebet auszudrücken und dem Herrn vorzutragen. Manchmal fehlen die Worte, man ist ohnmächtig und irgendwie blockiert. Eine Pilgerin hat mir einmal gesagt, auf dem Jakobsweg zu gehen sei "beten mit den Füßen". Statt eines selbst formulierten oder vorgegebenen Gebetes bringt man Gott den guten Willen, die Strapazen, die Ungewissheit, das Vertrauen in seine Führung und Begleitung als Bitte um Erhörung dar.

Es ist auch eine bewusste Aus-Zeit aus dem gewohnten Luxus, den Annehmlichkeiten und dem Überfluss des täglichen Lebens. Das kann sich darin äußern, weite Strecken zu Fuß statt mit dem Auto oder dem Flugzeug zu bewältigen, in einfachen Herbergen zu schlafen und das Pilgeressen mit anderen teilen, so dass alle in etwa gleich satt werden, manchmal auch gleich hungrig zu bleiben. Nach einer anstrengenden Wanderung ist man so froh und dankbar über einen Schluck Wasser, da braucht es keinen Champagner. Indem man sich sich bei einer Rast mit Brot und Käse, vielleicht noch mit ein paar Tomaten stärkt, lernt man den Geschmack der einfachen Lebensmittel wieder zu schätzen.

Es tut not, auszubrechen aus der Hektik des Berufslebens und des Alltags, wo man irgendwie nie fertig wird mit dem, was erwartet wird und was man noch alles erledigen sollte: Entschleunigung statt Burn-Out.
Endlich ist Pause mit dem "mehr erreichen müssen", mehr sein und haben müssen, als man ist oder schon hat. Auszubrechen aus einer Gesellschaft, in der manchmal der An-Schein wichtiger zu sein scheint als das Sein. Ehrlichen Menschen zu begegnen.

Oder abends stolz sein zu können, auf das was man geleistet oder geschafft hat. 20 km zu laufen, bepackt mit einem 10 – 15 kg schweren Rucksack, ist durchaus eine Leistung für Menschen, die sonst den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen und – so wie wir – nicht unbedingt in dem Verdacht stehen, besonders sportlich zu sein.

Beeindruckt haben uns die Begegnungen mit den Menschen. Die Güte und Freundlichkeit unserer Herbergsleute, die Hilfsbereitschaft der Einheimischen, die uns den Weg gewiesen und uns so manch kleinen oder großen Liebesdienst erwiesen haben, die Demut der Pilger auf dem Jakobsweg, die Bereitschaft zu teilen. Jeder erkennt die Leistungen des anderen an, ist dankbar dafür und zeigt dies auch. Es ist eine Freude, wenn man Menschen wieder begegnet, mit denen man ein Tage zuvor bei einer Rast oder in einer Herberge zusammen gesessen und sich unterhalten hat. Die Menschen die uns begegnet sind, waren alle irgendwie gebildet – ausgestattet mit Herzensbildung und –Wärme, die Abwesenheit von lärmenden großspurigen Leuten war wohltuend. Jeder darf so sein, wie er ist.

Manchmal ist uns auch völlig unerwartete Hilfe zu teil geworden. Ich will ein paar Beispiel anfügen. Beim Startpunkt unserer Etappe, in Interlaken angekommen, haben wir verzweifelt nach einem Parkplatz gesucht, auf dem wir das Auto für 1 – 2 Wochen bis zu unserer Rückkehr abstellen konnten. Doch in den Bergtälern der Schweiz ist Platz ein knappes Gut und es gab allenfalls Parkplätze mit Parkuhren für ein paar Stunden.

Bei unserem Orientierungsspaziergang durch den Randbezirk der Stadt hat es auch noch angefangen zu regnen und unser Regenequipment war natürlich im Auto. Da ist uns eine Dame mit dem Fahrrad begegnet und hat gefragt, ob sie uns einen Schirm leihen solle, wir würden ja ganz nass. So sind wir ins Gespräch gekommen und haben von unserer erfolglosen Suche berichtet, mit der einzigen Alternative, für 120 Schweizer Franken pro Woche im Parkhaus einen Platz anmieten zu können. „Ach, das ist ja eine Unverschämtheit, die Leute so abzuzocken“ hat sie ganz entrüstet ausgerufen und uns spontan angeboten, unserer Auto bei ihr im Hof abzustellen.

Tiefe Ruhe haben wir gefunden, wenn wir in Klöstern übernachten konnten. In der Abtei Fille de Dieu (Tochter Gottes) haben wir an den Stundengebeten teilgenommen. Dabei habe ich ein altes Gebet aus meinen Kindertagen neu entdeckt – das Salve Cistercien (den Gruß der Zisterzienserinnen). Meine Oma hat ihn täglich gebetet. An den deutschen Wortlaut kann ich mich nur ungefähr erinnern. Aber vielleicht kennen Sie ihn noch. Übersetzt lautet er in etwa:
Gegrüßet seist Du Königin – Mutter der Barmherzigkeit.
Du unser Leben, unsere Hoffnung, unsere Zunkunft – sei gegrüßt.
Zu Dir rufen wir vertriebene Kinder Evas – seufzend und weinend in diesem Tale der Tränen.
Du unsere milde Fürsprecherin, wende uns Dein barmherziges Angesicht zu.
Und nach dieser Verbannung zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht Deines Leibes,
oh gütige, oh milde, oh überaus sanfte Jungfrau Maria.
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