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Der erste Schritt ist der Schwerste - 2800 km Sehnsucht, Einkehr, Fiede und Liebe

Am 4. Tag in Steinkirchen bei Biberach a. R.
 
Überquerung des Vierwaldstätter Sees
 
Schweizer Dörfer - einfach nur schön
 
Französische Dörfer - malerisch
Nach einem spanische Sprichwort beginnt der Jakobsweg bei Dir zuhause. Im Juli 2007 machte ich das Sprichwort wahr und machte mich auf den 2800 km langen Fußmarsch von Günzburg-Reisensburg nach Santiago de Compostela in Spanien.

Allerdings war "der erste Schritt ist der Schwerste", denn viele aus meinen Bekannten- und Freundeskreis wollten mich von meinen Vorhaben und Traum abhalten. Da dieser Wunsch allerdings in mir so stark brante, ließ ich das nicht zu.

Für mich war dieser Weg ein Ausstieg aus einem bisherigem Berufsleben. 13 Jahre Projektmanagement, Termindruck, Meetings und vorallem viel zu wenig Zeit für das was mich wirklich bewegt und ausmacht. Es war aber auch und vorallem die wirkliche Chance auf den Einstieg in (m)ein neues Leben.

Am 20. Juli 2007 setzte ich meinen Traum in die Tat um - natürlich mit einem mulmigem Gefühl - "wie das wohl ist mehr als 3 Monate durch halb Europa zu laufen."
Nach einem Kaffee auf dem Günzburger Marktplatz ging es an der Donau entlang erstmal nach Ulm. Nach den ersten Kilometern hatte ich bereits Knieschmerzen und dachte, das was`s wohl. Kurz danach fand ich im Auwald bei Leipheim einen Wanderstab, der zu meinem treuesten Begleiter werden sollte und mich vor weiteren Knieschmerzen bewahrte.

Die erste Tagesetape war Ulm, eine Stecke die ich normalerweise mit dem Auto in 40 Minuten inklusive Parkplatzsuche zurücklege. Schon ein komisches Gefühl einen Tag dafür zu brauchen und die gigantische Distanz von ca. 2800 Kilometer Wegstrecke vor Dir zu haben. Erst Tage später lernte ich, das ich mit vielen kleinen Etapen und langsamen Tempo diesen Ziel wesentlich näher komme als mit ich das in diesem Augenblick vermutete.

Durch Ulm verläuft der oberschwäbische Jakobsweg, dieser führt mich über Biberach, Bad Waldsee und Ravensburg an den Bodensee. In Tagesetappen von 35 bis 40 Kilometern ging ich voran, mit viel zu schnellem Schritt. Was mir nach ein paar Tagen eine Sehenentzündung in beiden Schienbeinen und eine Ruhe- und Denkepause in Sankt Gallen einbrachte.

In den ersten Tagen hatte ich neben der richtigen Einteilung meiner Engerie noch vieles mehr zu lernen. Da ich mir vorgenommen hatte mit durchschnittlich 20 bis 25 € Tagesetat nach Santiago zu kommen, musste ich lernen nach Schlafmöglichkeiten und Wasser und manchmal auch Brot bei Bauern, in Klöstern oder Privatleuten zu fragen.
Noch im Schwäbischen Kloster Reute hatte mir eine Klosterfrau den Satz "Lerne, in Demut anzunehmen" mit auf den Weg gegeben.
Durch das Fragen habe ich auf dem Weg in allen Ländern so viel Herzlichkeit, Barmherzigkeit, Liebe und Menschlichkeit erfahren, die mit Geld niemals aufzuwiegen ist. Und ich hatte immer Gefühl und oft auch die Bestätigung, das auch derjenige, der Gegeben hat auch etwas großartiges bekommen hat - tiefe Dankbarkeit und meine strahlenden Augen.

Am Bodensee gibt es zwei Möglichkeiten zu laufen. Die populäre Variante über Konstanz oder den noch unbekannteren Weg über Rohrschach. Ich habe zweiteren gewählt, da er mir bergiger und ruhiger erschien. Dieser Weg führte mich über Sankt Gallen nach Kloster Einsiedeln, einem bekannten und großen Wallfahrtsort in der Schweiz.
Die Schweiz war für mich ein Laufgenus - Berge, Seen, grüne Wiesen und Ruhe. Genial um zur inneren Ruhe zu kommen und in mich hineinzuhören.

In der Schweiz bin ich meistens alleine gelaufen. Zum einen weil es auf der Strecke sehr wenig Pilger hat und zum anderen weil ich diese Ruhe brauchte und wollte. Einfach einem Zeit für mich, meine Gedanken - einfach meinen Rhytmus finden.

Nach Einsiedeln ging es über den Brünigpass nach Schwyz, weiter entlang am Vierwaldstätter-See über Füheli-Ranft zum Brienzer-See über Interlaken am Tuhnersee unterhalb von Jungfrau und Mönch vorbei, nach Freibourg
Ab Friebourg sprechen die meisten Menschen kein Deutsch mehr, ab jetzt hörte ich nur noch französisch. Eine Sprache in der ich nur ein paar Brocken konnte.
Mir blieb nichts anderes übrig diese Sprache zu lernen, um ein Nachtlager, Brot und Wasser zu bekommen. Und in dieser Situation lernte ich die Sparche sehr schnell.

Von Freibourg ging der Weg über Roumont nach Lusannen. Hier einschied ich mich für eine alte Pilgertradition, die "Heilige Schifffahrt" über den Genfer See nach Genf.

Gleich hinter Genf beginnt Frankreich. Ein Volk mit vielen Pilgerfreunden und einer langen Pilgertradition. Gleich hinter der Grenze wurde das uns, einer kleinen Pilgergruppe, der ich an diesem Tag angehörte, deutlich gemacht. Auf der Straße an der liefen hielt neben uns ein Auto, der Fahrer sprang heraus, umarmte uns und beglückwünschte uns zu unserer Pilgerreise. Schöner kann man in einem Land nicht aufgenommen werden.

Der Weg von Genf nach Le Puy ist gut ausgebaut und es stehen ein paar Herbergen, sie sogenanten Gíte´s zur Verfügung. Neben den Gíte´s gibt es eine vielzahl von Privatleuten die Ihre Wohnung, Gartenhaus oder Scheune etc. für Pilger, nach den Prinzip "nimm was du brauchts - gib was du kannst" zu Verfügung stellen.
Ein Gastfreundschaft, Offenheit und Vertrauen die mich heute noch nachhaltig und tief beeindruckt.

Le Puy ist der Ort an dem die erste Pilgerreise nach Santiago begonnen wurde. Hier liegt somit der Grundstein für die Jakobswege, die ganz Europa durchziehen und dem einen Ziel - Santiago entgegen streben. Druch diese Historie ist dieser Wallfahrtsort ein beliebter Startpunkt für Pilger.
Ab Le Puy sind es ca. 1600 Kilometer auf der Via Podiensis und dem Camino de France nach Santiago. Zusammen mit ca. 150 Pilger erhielt ich in Le Puy den Pilgersegen in der Morgenmesse und wurde auf den Weg geschickt.
Nach Le Puy wartet das Zentralmassiv auf den Pilger. Ein bizare eingenwillige Hochebene in der sich eine vielzahl von Vulkankegeln in den Weg stellen will durchschritten werden. Eine Gegend die mich ein eine andere Zeit entführte, eine Epoche mit einem anderen Zeitgefühl und anderen Werten.
Hier kamm unwilkürlich die Frage auf - "Warum leben wir so schell?" - "Was oder Wem rennen wir so schell hinter her?" - "Für was ist aller unser tun?" - Fragen die jeder für sich selbst Beantworten sollte, möglichst bevor er dem nächsten Ziel nach rennt.

Nach dem Zentralmassiv geht es durch Mittelgebirge und Flußebenen immer weiten den mächtig vor mir aufwachsenden Pyrennen entgegen. Die Pyrennen ist die französisch spannische Grenze und auch das Baskenland.

Hier in mitten der Pyrennen ist einer der berümtesten Pilgerorte auf dem Jakobsweg und der beliebste Ausgangsort für eine Jakobspilgerschaft, St. Jean Pie de Port.
Von hier aus geht auf die letzten 800 Kilometer durch Spanien. Für mich war es "Ein wahrer Schock nach den einsamen Wegen durch Frankreich", eine wahre Pilgerscharr machte sich mit mir auf den Weg über die Pyrennen und durch Spannien.

Ich brauchte zwei Wochen um meinen Weg in der Pilgermasse zu finden. Für mich war diese Situation, wie das zurückfinden in den Alttag nach zwei Monaten Einsamkeit und Ruhe.

Spanien ist ein Land, dass landschaftlich alles zu bieten hat, Berge, Weite, Übiges Grün, Dürre...
Psychisch schwer zu verarbeiten war die Weite Spaniens mit den unendlichen Weizenfeldern, "nach drei Stunden Wandern sieht alles immer noch gleich aus" und Du glaubst Du gehst auf der Stelle.
Spanien, das ist eine alte Kirchen, die zu Herbergen umfunktioniert wurde, gelbe Pfeile als Jakobswegmarkierungen, eisige Kälte an Septembertagen, Wind und herrlich dicke Kartoffelomeletts mit Cáfe con letche zum Frühstück.

Und dann endlich das Ziel in Galicien: Die Kathedrale in Santiago de Compostela mit dem Apostelgrab. Ein Gefühl das sich niemals beschreiben lassen wird. Eine Glücksgefühl das ganz von innen kommt und sich allein durch den Gedanken an diesen Tag wieder in mir entzündet.

Doch mich zieht es noch weiter nach Westen. Ich wandere die letzten drei Tagesetappen nach Finisterre an den Atlantik: "Das Ende der Welt".

Mein letzter Tagesbucheintrag:
Eine lange Reise zu mir selbst geht zu Ende, und sie beginnt zugleich.

"Tu was Du kannst,
mit dem was Du hast,
wo immer Du bist!"

Nach fast 20 h Zugfahrt bin ich auf dem Weg in die andere Welt zurück. Ich fühle mich müde, leer und doch bereit für ein neues, tiefes, liebevolles, intensives, naturverbundenes Leben.

Den Tag geschehen lassen und jeden Morgen aufzustehen um ein Stück nach "Westen", meinem Ziel entgegen zu gehen.
Doch was ist der Westen, das Santiago, das Sternenfeld meines Lebens?
Ein erfülltes, gutes, "reiches" Leben zu führen. Für dieses Ziel lohnt es sich jeden Tag aufzustehen, zu gehen, Entbehrungen zuerfahren, Tränen zu weihnen, los zu lassen, den nächsten Hügel zu erklimmern und Ungewissheit zu ertragen.
Den Tag geschehen lassen, bedeutet offen zu sein für das Leben, offen für die Wunder auf dem Weg. Geschehen lassen, heist auch, nicht alles zu verplanen und flexibel auf das Leben zu reagieren - nein flexibel im Strom des Lebens zu schwimmen.

"Geniese jeden Tag, als wäre es das erste mal."

Was hat mir der Weg gebracht? Respekt vor jedem einzelnem Menschen und Offenheit für das Leben und Vertrauen in das Leben und Gott.
Jetzte habe ich den tiefen Wunsch, die erfahrene Menschlichkeit weitergeben zu können.
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8 Kommentare
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Julia Fink aus Aichach | 30.05.2008 | 16:22  
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Matthias Möller aus München | 04.06.2008 | 16:18  
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Bernd Hödl aus Günzburg | 25.07.2008 | 18:45  
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Bernd Hödl aus Günzburg | 03.08.2008 | 13:05  
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János Balog aus Günzburg | 07.08.2008 | 13:16  
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Bernd Hödl aus Günzburg | 11.08.2008 | 08:05  
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Peter Gnau aus Kirchhain | 12.11.2008 | 14:54  
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Thomas Bröckl aus Günzburg | 24.12.2008 | 15:20  
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