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Hebammen am Limit? Ein Text zum Nachdenken...

 

Es ist der 07.10.2017, als ich mit einigen anderen frischgebackenen und werdenden Müttern und Vätern um 9 Uhr im Kurs “Notfälle im 1. Lebensjahr” in der Hebammenpraxis “Vita Nova” in Großaitingen sitze, wo uns Susanne Spengler (die Leiterin der Hebammenpraxis) mit Bedauern mitteilt, dass sowohl sie, als auch ihre Kollegin Sandra Hanselka nach einigen Jahren ihre Arbeit als Beleghebammen in der Wertachklinik in Schwabmünchen zum 01.01.2018 aufgeben werden. Der Grund? Eine Schiedsstelle, die zwischen den Hebammenvertreterinnen und den Gesetzlichen Krankenkassen vermitteln sollte, hat am 5. September 2017 in Berlin weitreichende Einschnitte in die Berufsausübung von freiberuflichen Hebammen beschlossen. Was dahinter steckt, wird nachstehend näher erläutert.

Zukünftig sollen Beleghebammen nur noch die Betreuung von zwei Frauen gleichzeitig abrechnen können, ungeachtet der aktuellen personellen Situation in der jeweiligen Klinik. Bei jeder weiteren Frau, die mit Problemen oder einer bevorstehenden Geburt ins Krankenhaus kommt, wird den Hebammen lediglich noch eine Stunde Betreuung bezahlt. Das bedeutet, man hat als Beleghebamme nur noch eine Stunde Zeit, sich ein Bild vom Zustand der Frau zu machen, bevor man sie in ein anderes Krankenhaus überweist. Die Arbeit der Hebamme, welche über diese Stunde hinausgeht, wird somit ehrenamtlich getätigt (es sei denn die Patientin ist privatversichert). Somit hat jede dritte Frau “Pech gehabt”. Bei einem ohnehin großen und steigenden Hebammenmangel könnte dies fatale Folgen haben, da manchmal schnell gehandelt werden muss und eine Überführung in ein anderes Krankenhaus schlichtweg nicht mehr möglich bzw. nicht mehr zu verantworten ist. Die Hebamme kann sich nun entscheiden, ob sie die Frau “umsonst” behandelt, oder ob sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren kann, die werdende Mutter weg- bzw. weiterzuschicken. Da sich die meisten Hebammen vermutlich für die Behandlung der Frau entscheiden würden, bedeutet dies im Klartext: weniger Geld für mehr Arbeit.
Hinzu kommt, dass Hebammen von Haus aus sehr hohe Berufshaftpflichtversicherungsbeiträge stemmen müssen. Diese können sich durchaus auf bis zu knapp 8.000 Euro im Jahr summieren.
Die neue Regelung mag auf den ersten Blick gut aussehen, da einzelnen Frauen mehr Betreuung zugesichert wird, allerdings bleiben bei hohen und wahrscheinlich sogar steigenden Geburtenraten etliche andere Frauen “auf der Strecke” und müssen im schlimmsten Fall ihr Kind sogar auf dem Weg in ein anderes Krankenhaus entbinden.

In großen Kliniken mit angestellten Hebammen kann es gelegentlich vorkommen, dass eine Hebamme drei oder sogar vier bis fünf Frauen in einem Dienst betreut und entbindet. Dies könnte künftig zum Normalfall werden. Ein weiteres Problem wäre somit die Anzahl der Kreißsäle. Die große Frage ist, ob für die vielen Frauen genug Kreißsäle zur Verfügung stehen, ohne dass eine Geburt im Kreißsaal ein “schnelles Durchschleusen” der Frauen wird.

Eine weitere Neuerung ist auch eine durchschnittliche Erhöhung der Vergütung für freiberufliche Hebammenleistungen von 17 Prozent. Bis 2020 sind keine weiteren Steigerungen mehr möglich. Da die Grundvergütung von Hebammen bisher gering war, hat diese Erhöhung nach Meinung des DHV (Deutscher Hebammenverband) zu wenig Wirkung.

Eine Geburt ist etwas wunderschönes und als frischgebackene Mutter kann ich behaupten, dass die Begleitung einer Hebamme vor, während und nach der Geburt immens wichtig und der Beruf der Hebamme somit auch für die Zukunft unabkömmlich ist.
Bleibt nur zu hoffen, dass sich trotz der erschwerten und finanziell unattraktiven Bedingungen in der Geburtenhilfe noch Frauen für den Beruf der Hebamme entscheiden.

Ich würde mir wünschen, dass es den Hebammen nicht so schwer gemacht wird und dass sie für die Arbeit, die sie mit vollem Einsatz machen (nämlich die Arbeit am Menschen!) angemessen bezahlt werden.

Silke Meitinger

Quellen: www.hebammenverband.de und Gespräch mit Susanne Spengler
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