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Meine sozialen Leidenschaften in Kindheit und Jugend

Aus meiner ganz normalen  Kindheit und Jugend in der DDR.
Wem's nichts gibt oder wen's nicht interessiert der kann ja wegschalten.
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In der Blindenschule von Königs-Wusterhausen geboren zogen wir schon bald (1948) nach Jena in eine kleine Wohnung mit zwei Zimmern und einer Küche (Plumpsklo auf der halben Treppe) vorn am Inselplatz Ecke-Gerbergasse.
Der herrliche Bücherschrank musste im Treppenhaus bleiben, weil er weder durch die Türen ging noch im Wohnzimmer Platz hatte.

Gern war ich auf der Straße in unserem kleinen Viertel, fanden sich schnell andere Kinder, mit denen ich wunderbar spielen konnte: Fischer, wie hoch ist das Wasser / Verstecken / Indianer – und natürlich als Gruppe immer mal an die Saale zum baden und planschen sowie auf den Gries, wenn dort Rummel war und wir Eis essen oder Kettenkarussell fahren konnten.

Als ich zu Weihnachten eine Kinder-Flachtrommel geschenkt bekam, war ich für einige Tage der Tollste und trommelte jedes Spiel ein. Lange hielt das aber keiner aus – ich auch nicht -, so dass es nur wenige Tage waren.

Besonders gern ging ich in den Kindergarten (der Friedrich-Schiller Universität). Die Vielfalt der Spiele und das Bauen von Schlössern/Burgen/Kugelbahnen mit tollen Holzklötzern begeisterte mich, wie das Indianerspielen mit Kopfschmuck und „Waffen“.
Die Geburtstagsehrungen waren stets etwas Besonderes, weil die besten der vorherigen Tage als Baustein-Violinorchester (mit summender Melodie) dem Geburtstagskind ein Ständchen bringen durften. Das Geburtstagskind selbst durfte seine große Geburtstagskerze allein ausblasen, wobei ringsum alle still sein mussten, damit es sich etwa wünschen konnte, solange der Rauch des Ausblasens noch nicht verschwunden war. Das Signal zum weiterreden können gab das Geburtstagskind- So stand jeder mal im Mittelpunkt – und alle waren mucksmäuschenstill, weil sich ja jeder mal etwas wünschen wollte.

Vom ersten Tag an ging ich gerne in die Schule. Immer gab es etwas, was man für sich aufnehmen konnte, wo einzelne Gruppen etwas gestalteten oder man ein Lied oder Gedicht aufsagen durfte.
Als alle sich einmal (in der 3.Klasse) zu Fasching verkleidet hatten, wurde ich wegen meines Umhangs und der Kappe als Faschingsprinz gewählt. Und als der Nachmittag vorbei war, forderte ich eine Reihe der Mitschüler auf, unser „Kulturprogramm“ in den Jenaer Gaststätten vorzutragen – und damit Geld für die Klassenkasse einzunehmen.
Es war eine erfolgreiche „Kneipentour“! Allerdings waren erst die Eltern beängstigt, weil wir normalzeitlich nicht heim kamen, während sie nachträglich das Geldverlangen nicht gut hießen. Wir haben beides gut überstanden.

Bei einem UKIKA (Uni-Kinder-Karneval) durfte ich als Faschingspräsident dafür sorgen, dass der Ablauf eingehalten wurde – eben alles klappte. Das nahm ich sehr ernst und war derart engagiert, dass die Erwachsenen kaum eingreifen oder gar selbst organisieren mussten. Der Dank mit dem Buch „Napoleon“ von Eugen Tarle war für mich eine riesige Freude, weil ich mich ja so für die Schlacht bei Jena und Auerstedt begeisterte, zumal ich den „Napoleon von Cospeda“ (Karl Lange) kennen lernen konnte.

Kaspertheater war meine Leidenschaft, die ich viele Jahre auslebte, nachdem wir ins Westviertel Jenas gezogen waren. Da wir Parterre wohnten, war mein Kinderzimmerfenster gleichzeitig eine gute Bühne. Märchen und eigene erdachte Geschichten umfasste mein Repertoire. Stellenweise hatte ich über 20 Zuschauer - sogar Erwachsene verweilten, um mein Spiel zu sehen.
Umd wenn es im Sommer heiß war, sorgten eine Reihe mit Wasser gefüllte Eimer und kleine Badewannen für Fußkühlung der Zuschauer.
Sollte ein Stück etwas länger dauern, baute ich nach jeweils 20 Minuten 5 Minuen sportliche Pausengymnastik ein.
Das Kaspertheaterspielen begleitete mich auch im späteren Leben (noch heute) - allerdings nicht mehr so kuntinuierlich.

Die Höhepunkte eines jeden Jahres waren für mich „Ferienlager“ und „Ferienspiele“.
Das erste Uni-Ferienlager war in einer Dresdener Villa. Wir wurden darauf aufmerksam gemacht, dass überall noch zerstörte Häuser waren, auch nichts angefasst werden durfte, weil es Waffen oder Teile davon sein konnten. Das Tollste war das Erlebnis der Pioniereisenbahn.
Und Ferienspiele gaben uns die Gelegenheit, Jena und besonders seine Umgebung näher kennen zu lernen.

Ferienlager gehörten wie selbstverständlich zu meiner Kindheit und Jugend. Viel gab es zu lernen und vor allem das Miteinander, sich einreihen oder durchsetzen, gewinnen und verlieren.
Einmal war ich in Zillbach, einem Objekt der Bereitschaftspolizei. Ein Ferienlager, in dem wir Feuerwehr und Kriminaltechnik erleben konnten. Da ich einen Arm in Gips hatte, durfte ich das große Geländespiel nicht mitmachen. Dafür jedoch nahm mich ein Polizist mit zur Vorbereitung und der Ausschilderung der Laufrouten. Auch durfte ich mit aufnehmen, welche Punkte die einzelnen Gruppen sammelten. Es war eine Lehre, welche ich später noch oft nutzen konnte.

Als es mit 14 für mich kein Ferienlager mehr geben sollte, drängelte ich solange meine Vati, bis es doch noch ein Jugendferienlager in Trassenheide (Insel Usedom) gab. Dort lief ich dann zur Höchstleistung auf, wollte, dass allein wir Jugendlichen das Lagerleben organisieren und durchführen. Da keiner so echt wusste, wie das zu machen sein könnte, ließ ich mich zum Lagerratsvorsitzenden wählen und organisierte mit den Gruppenvorsitzenden ein echt tolles Jugendleben: Federball / Tischtennis / Vorgartengestaltung der Bungalows / Schach / Skat – wurden als Turniere durchgeführt oder für die jeweilige Gruppe bewertet. Die Erwachsenen waren regelrecht übrig und konnten einen herrlichen Zusatzurlaub genießen.
Morgens sollte ein Trompetensignal den Tag einleiten. So suchte und fand ich eine Trompete, ging etwas weiter weg in den Wald, übte – aber schaffte es nicht, einen richtigen Ton geschweige denn ein Signal heraus zu bekommen Na, musste es eben ohne gehen.
Berg- und Abschlussfest waren echte Höhepunkte. Zum Tanz spielte, sang und summte unsere Band, in welcher ich das Zweite Waschbrett spielen durfte. (Musste ja da und dort immer mal zwischendurch nach dem Rechten sehen.)
Es war das Größte bis dahin, was ich erleben und ja auch mitgestalten durfte!

Nach einer Zeit mit ohne Ferienlager, bewarb ich mich als „Junghelfer“ für ein Kinderferienlager von „Jenapharm“ nach Bad Saarow an den Scharmützelsee und wurde angenommen. Im Kreis der Pädagogikstudentinnen war ich wahrlich ein Außenseiter. Doch das störte mich rein gar nicht.
So dachte ich mir für meine Jungengruppe viel aus, um ihnen ein erlebnisreiches Ferienlagerleben zu gestalten, wie ich es ja all die Jahre selbst erlebt hatte.
So nahmen wir früh alle Ruderboote und ein aufgeblasenes Gummiboot für Proviant und ruderten zu einer kleinen Insel. (Nur ein Boot blieb im Lager für den Rettungsschwimmer der Badenden.)
Schließlich bereitete ich mit meinen Jungs ein Lager-Geländespiel vor, lief die Laufrouten ab und hatte alles mit ihnen so organisiert, dass sie beim Nachtgeländespiel auch mit auf die Sicherheit achteten. Es wurde ein Riesenerlebnis. Das Nicht-Mitmachen, dafür aber alles zu organisieren und zu überwachen, hatte sie alle begeistert.
(Die Begeisterung der anderen Gruppenleiter und Lagerleitung war allerdings mehrfach stark angegriffen - doch ich tat ja nix Schlimmes sondern nur, was sich Kinder eben wünschen konnten.)

Ein Jahr später war ich wieder Gruppenleiter in dem gleichen Ferienlager. Der damalige Höhepunkt war, dass ich mich verlobte und dies das ganze Lager mit dem Sammeln von Pfennigen für die Hochzeitsschuhe diese Verlobung zum Lagerhöhepunkt machte.
Ein Jahr später wäre ich soooo gern wieder in dieses Ferienlager gefahren, um dort diese Verlobte zu heiraten – ein gewiss seltenes Erlebnis für ein Ferienlager. Doch die Schwiegereltern machten einen Strich durch die Rechnung.

So verliefen Kindheit und Jugend in voller Freude und riesigem Genuss des Miteinander und Füreinander mit anderen Gleichaltrigen und später eben für die Jüngeren.

Schließlich darf ich auch meine Tanzleidenschaft nicht vergessen, durch welche ich an einigen Volksfesten teilnehmen oder bei Veranstatungen mit vortanzen konnte.

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Mit wachsendem Alter wurde es "schlimmer":

(Teil 3:) Meine sozialen Leidenschaften in der neuen BRD – bis heute

(Teil 2:) Meine sozialen Leidenschaften: Erwachsen in der DDR
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4 Kommentare
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Constanze Seemann aus Bad Münder am Deister | 10.07.2020 | 19:07  
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Karl-Heinz Mücke aus Pattensen | 10.07.2020 | 19:22  
10.908
Uwe Zerbst (Thüringen) aus Gotha | 10.07.2020 | 20:25  
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Uwe Zerbst (Thüringen) aus Gotha | 10.07.2020 | 22:17  
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