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Meine sozialen Leidenschaften in der neuen BRD – bis heute

 
Mein Kasper total in die Erinnerungen seiner Auftritte vertieft . . .
Mit der Wende kaufte die Firma, in der ich tätig war, ein Programmsystem eines Softwarehauses aus Kassel, bei dessen Präsentation ich mit meiner Chefin war. In Kassel wurde der Vertrag festgezurrt.

Vier Jahre danach wurde ich angerufen, fuhr nach Kassel und wechselte meinen Arbeitsplatz in eine dortige Industriefirma bis hinein ins Jahr 2005, als sie in Konkurs ging.

Wieder arbeitete ich in der Datenverarbeitung – nun mit dem selben Programm, welches wir bereits vier Jahre anwendeten, in dem ich aufgelebt war, welches ich nun mit zwei weiteren Kollegen zu dritt betreuen durfte.

Am 08.März 1994, dem Internationalen Frauentag, wechselte ich so nach Kassel.
Es war nicht einfach für mich, war ich doch dort Ossi, aus der Zone. „Hier müssen Sie wirklich echt arbeiten!“ Langsam lebte ich mich ein, fuhr anfänglich für ein Dreivierteljahr täglich nach Kassel und abends zurück nach Gotha. Dann wurde mir vom Kollegen eine Bleibe angeboten. So konnte ich schließlich auch Tage oder gar eine Woche in Kassel bleiben.

Um die Weihnachtszeit `94 fühlte ich mich seelisch irgendwie krank. Und erst im Folgejahr bemerkte ich den Grund: Die kollektiven Weihnachtsnachmittage und Feiern fehlten mir!
So bot ich an, eine Woche vor Weihnachten einen Weihnachtsnachmittag zu gestalten mit allem, was erzgebirgisch üblich ist (Pyramide / Schwibbogen / Räuchermännchen / Bergmann und Weihnachtsenge) mit Stollen und eben das, was eine solche Feier ausmacht. Wer darf kommen? Na jeder, der möchte. Donnerstag 16-18 Uhr, so dass auch Schichtarbeiter daran teilnehmen konnten.
Das erste Jahr waren es so etwa 16 Kollegen. Später wurden es bis zu 40 Mitfeiernde. Sogar Säugling und Enkel von Kollegen konnte ich begrüßen. Es war eine betriebliche kulturelle Veranstaltung, die gern genossen wurde und mir seelisch wohltat, gab, was ich schon früher liebte.

Weil die Kollegen gern auch mal den Rennsteig kennen lernen wollten, organisierte ich einen Tagesausflug. Sie kamen mit dem Auto, wurden nach einem Frühstücksimbiss mit einem Extrabus auf den Rennsteig gefahren, liefen zum Inselsberg, fuhren mit der kleinen Touristenbahn hinunter nach Tabarz zum Mittag. Danach gings weiter zur Marienglashöhle und danach mit Pferdefuhrwerken zu den Autos zurück. Alles klappte fast auf die geplante Minute. Abschließend gabs dann noch Abendessen auf der „Ruhlaer Skihütte“ für diejenigen, welche nicht gleich heimfahren wollten.

Es hatte allen so gut gefallen, dass sie mir dafür Hessen zeigen wollten. Das führte allerdings dazu, dass ich weitere drei Wandertage organisierte und die Kollegen mit Ehepartner dazu einlud.
So führte ein Tag rund um den Edersee. Alle meinten, dass sie ja alles schon kennen würden und nur meinetwegen mitgingen. Zum Schluss waren alle begeistert, so viel gesehen zu haben, was sie noch nicht kannten.

Schier ganz nebenbei entstand eine Freundschaft von vier Paaren, die wir uns bis heute nahezu jedes Jahr mindestens einmal einen gemeinsamen Abend verbrachten.
Von einer Familie wurde ich so toll aufgenommen, dass ich viele Geburtstage ihrer Kinder mitfeiern durfte.

Um wieder mal auf Frauen zurückzukommen, qualifizierte ich zwei Kolleginnen so, dass ihr Chef schon erstaunt war, welches Wissen sie hatten und ihre Arbeit wesentlich besser machten.

Die unmittelbaren Jahre nach der Firmenpleite möchte ich einfach mal übergehen.

Parallel zur Arbeit in Kassel hatte ich in der Gothaer Volkssolidarität zwei Veranstaltungen ehrenamtlich und unentgeltlich eingerichtet:
„Musikalisches LiteraturCAFÉ“ - Kulturnachmittag mit immer neuen Themen, die ich oftmals erst selbst erkunden musste, in einer Café-Atmosphäre. (genau 100 Veranstaltungen jeweils einmal im Monat)
„Engagiert für Gotha . . . , einmal privat!“ - Vorstellung eben stark Engagierter in oder für Gotha.(etwa 20 Veranstaltungen vierteljährlich)

Da ich nach Kassel wieder merkte, dass mir vor Weihnachten etwas fehlte, habe ich seit Jahren in Gotha meinen Weihnachtsnachmittag, an dem ich Gedichte und Geschichten darbiete, mit den Besuchern Lieder singe und die Schüler zweier Musikschulen das Kulturprogramm ergänzen.
Für sie ist dann immer ein Korb mit einem kleinen Dankeschön vorbereitet.
Die Kosten übernehme ich selbst zur Hälfte, während seit 3 Jahren die Baugesellschaft Gotha die andere Hälfte zusteuert und meine Heide die „Dankeschön“ sponsert.

Als ich langsam Rentner wurde und die genannten zwei Veranstaltungen abgeschlossen hatte, konnte ich ja kaum „ohne was“ umher laufen.
So bot ich dem Gothaer Frauenzentrum an, PC-Kurse für Frauen zu geben, die auf diesem Gebiet totale Anfängerinnen waren – noch im Ohr habend „sind nur Frauen“, die haben ja keine Ahnung.
Von über 40 Anmeldungen begleitete ich 32 Frauen – jeden Donnerstag 2x8 – und hatte begeisterte wie auch begeisternde „PC-Schülerinnen“.

Nach einem erfolgreichen Jahr wollte ich aufhören oder vielleicht noch einmal Kurse anbieten. Denkste! Viele wollten weitermachen UND neue wollten anfangen. Also weiter!
Nun bin ich schon im siebenten Jahr meiner PC-Kurse für Frauen. Und mache sind immer weiter geblieben – die Geister, die ich rief, kriege ich nicht mehr los. Na so schlimm ist es ja nun wahrhaftig nicht. Langsam sind auch teilweise schöne Kaffeenachmittage mit PC-Hintergrund draus geworden.

Meine Heide meint zwar, dass ich unmöglich sei, weil ich all meine Kenntnisse und Tricks weitergebe. Im Kapitalismus muss man etwas haben, was kein anderer hat, damit man gefragt bleibt! Das sehe ich anders: Alles geben, so das die „Schüler“ einen danach nicht mehr brauchen, selbst alles schaffen. Denn wenn sie mal doch ein Prpblem haben, kommen sie wieder, weil sie wissen, dass ich es mit ihnen lösen werde und sie mich danach wieder los – also unabhängig – sind.

Fehlt noch das dazu entwickelte Engagement für Jugendliche.
Regelrecht dazu verführt, doch mal bei der Gothaer „Schülerhilfe“ anzuklopfen, bin ich nunmehr auch im siebenten Jahr, Schülern der 6.-12. Klassen Mathe-Nachhilfe zu geben. Eine wundervolle Arbeit – mehr ein Vergnügen – ihnen zu helfen. Viele verbesserten sich um eine und etliche sogar um zwei Noten. Kaum Einer blieb auf seiner schlechten Note – und keiner verschlechterte sich.

Nun, im Rentenalter, bin ich doch noch so etwas wie Lehrer geworden, wovon mir einst mein Vati abgeraten hatte. Und ich bin es gern – ja mit großer Leidenschaft.

Bleibt abschließend noch der Hinweis auf meine drei schon jahrzehntelangen sozialen "Macken":
### Zum Nikolaus lege ich vor jede Wohnungstür unseres Hauseingangs so viele „Nikolauszöpfe“, wie dahinter Personen wohnen.
### Zum Rosenmontag lege ich vor jede Wohnungstür unseres Hauseingangs so viele Pfannkuchen, wie dahinter Personen wohnen.
### Zum Internationalen Frauentag (08.März) stelle ich vor jede Wohnungstür unseres Hauseingangs so viele Nelken, wie dahinter Mädchen und Frauen wohnen.

Als ich dies das erste Jahr tat, wunderten sich alle und wollte man gerne wissen, wer das gemacht hatte. Doch auch vor unserer Wohnungstür lag, was die anderen hatten. Erst im zweiten Jahr wurde ich als Täter herausgefunden.

Vor wenigen Jahren fragte ich einen Mitbewohner, ob wir nicht zur Weihnachtszeit einen Hausnachmittag im Trockenraum machen könnten?
Da meinte er: „Gute Idee! Aber das mit den ‚Nkolauszöpfen` bleibt!“
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Freilich gibt es da noch mehrere ungenannte meiner sozialen Leidenschaften, von denen eine nicht unerwähnt bleiben darf:

Seit 2008 schreibe ich ins Internet.
Zuerst als „Tagebuchschreiber“ in das Internet-“Tagebuch der TA“ (Tagespresse„Thüringer Allgemeine“) von 2008 bis 2011.
Danach gings weiter bis 2017 im „allgemerAnzeiger“.
Seit 2011 schreibe ich im „lokalkompass“ und ab 2012 auch und vorwiegend hier in „my-heimat“.
Mein Schreiben ist Werbung für mein Gotha, den Landkreis und Thüringen gewidmet Das errsicht man über den Einstieg „Google“ weiter über „Gotha einladend“ und dann den ersten Eintrag
„Gotha einladend / ist immer einen Besuch wert“.

Ein wesentlicher Gedanke war und ist mir stets, dass sich die BürgerReporter echt kennen lernen, mehr von dem Anliegen der Anderen verstehen und deren Beiträge so auch mehr beachten und achten können.

So organisierte ich bis 2011 zwei Tagebuchschreiber-Treffen in Gotha, welche großen Anklang fanden.

In der Startzeit des „allgemeierAnzeiger“ lud ich die BürgerReporter nach Gotha ein. Auch weitere BR-Treffen iniziierte ich in all den Jahren danach bis hinein ins Frühjahr 2019, als wir uns in Weimar trafen.
Mein Interesse am gegenseitigen Kennen lernen ist ungebrochen, auch wenn stets mit höchstens zehn BR zu rechnen ist, weil ich diesen Grundgedanken so wunderbar finde.

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Das letzte Wort möchte ich meinem Kasper widmen, einer Dresdner Handpuppe, welche ich mir in meiner Jugend erspart und gekauft hatte.
Mancheiner mag den Kaspoer als alberne Puppe betrachten und das Kaspertheater dazu. Der sieht es garantiert falsch.
Für mich und besonders Kinder ist der Kasper ein lebensfröhlicher ernsthafter Kerl, dessen Auftritte das Leben widerspiegeln mit all seinem Freud und Leid – stets mit dem Ziel, das Gute im Menschen hervorzuheben und zu unterstützen. Wer den Kasper und seine Aufgabe in unser aller Leben wirklich sieht, wird auch meine immerwährenden sozialen Leidenschaften etwas verstehen:
Es ist das FÜR, was den Kasper und mich alle Jahre geleitet und letztendlich geprägt hat!

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Wer sich fragt, wie das früher mit meinen sozialen Leidenschaften war, der sei verwiesen auf:

(Teil 2:) Meine sozialen Leidenschaften: Erwachsen in der DDR

(Teil 1:) Meine sozialen Leidenschaften in Kindheit und Jugend
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6 Kommentare
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Constanze Seemann aus Bad Münder am Deister | 12.07.2020 | 11:05  
11.330
Uwe Zerbst (Thüringen) aus Gotha | 12.07.2020 | 11:14  
18.697
Karl-Heinz Mücke aus Pattensen | 12.07.2020 | 11:20  
11.330
Uwe Zerbst (Thüringen) aus Gotha | 12.07.2020 | 11:32  
64.260
Constanze Seemann aus Bad Münder am Deister | 12.07.2020 | 11:36  
2.183
Joachim Kerst aus Erfurt | 15.07.2020 | 08:46  
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