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Meine sozialen Leidenschaften: Erwachsen in der DDR

Gleich zu Beginn: Die Mathematik war es nicht, die ich studierte, von der ich als Schüler ganz andere Vorstellungen hatte, welche mir den Studienwunsch bescherten.
Allerdings zehre ich seitdem von der gelernten Herangehensweise an Problemlösungen und der Freude daran, anderen Menschen mein mathematisches aber auch anderes Wissen weiterzugeben.
Mein Vati sagte mir, als ich noch Kind war:
Du kannst alles werden – nur kein Lehrer!

Dabei war er selbst Hochschullehrer, waren meine Tante und Onkel Lehrer . . .

So kam ich nach dem Studium nach Gotha, weil mir von dort ein fester Arbeitsbereich und eine Wohnung für meine klein Familie angeboten wurde.
Um die Wohnung kämpfte ich freilich, wenngleich es mit der festen Arbeitsaufgabe nix wurde.
Im Personalbüro (damals genannt: Kaderleitung) fragten sich die beiden Mitarbeiter:
Wo können wir den einsetzen, dass er am wenigsten Schaden anrichtet?

Ergebnis: In der Datenverarbeitung, eine Tätigkeit, welche für meine Arbeitsjahre zur echten Leidenschaft und Freude werden sollte.

Als in der Datenverarbeitung von Lochkarte auf Lochstreifen umgestellt wurde, stand die Frage der Ausbildung einer Reihe von Datenerfasserinnen. Mir wurde die Aufgabe übertragen. Die Handhabung der neuen Geräte, etwas Organisation aber auch Deutsch und Mathematik umfasste mein Wirken. Die beiden letztgenannten Themen, weil einige der Frauen mit der achten Klasse abgeschlossen hatten und sich anfangs nicht die Umschulung zutrauten.
Ergebnis: Alle waren so gut, dass ich mich über ihre Leistungen nur freuen konnte – auch, weil sie nun ganz ohne mich ihre Arbeit super schaffen konnten.
Da ihr Abteilungsleiter aber damit überflüssig war, bekam ich eine Abmahnung. Hatte ich den Frauen doch mehr gezeigt, als vereinbart war und sie wissen und können mussten.

Das war der Auslöser für meine künftige Lebenseinstellung, meine Kenntnisse und Wissen weiter zu geben besonders an Frauen, von denen nicht selten als „doch nur Frauen“ gesprochen wurde/wird.

Der Männertag war in der DDR kein Feiertag. Er entwickelte sich langsam vom Marsch der Männer auf eine Trinkwanderung zu einem Familienausflug. Ich fragte meine männlichen Kollegen, ob wir den Männertag gemeinsam wohin fahren wollten? Erst wollten sie auch, dann aber nur noch ich. So fragte ich die Frauen – und wir machten per Auto eine kleine aber erlebnisfrohe „Männertagestour“.

Für Geburtstagsfrühstück im Kollektiv (Arbeitsteam) war ich immer zu haben – auch an den Arbeiten der Vorbereitung. Kollektive Kulturbesuche oder gemeinsames Ausgehen, Weihnachtsnachmittage wurden zu Ereignissen, welche mich prägten und seelisch aus meinem Leben auch nicht mehr wegzudenken waren.

Einen Schwibbogen in großer Fensterbreite sägte ich – einerseits für Weihnachten in der Familie, andererseits stand er im Schlafzimmerfenster, um auch nach draußen die Weihnachtsstimmung erstrahlen zu lassen.

Unseren beiden Jungs organisierte ich interessante Veranstaltungen im Rahen der Vorbereitung auf ihre Jugendweihe, wie den Besuch des Ekhof-Theaters mit Kennenlernen der jahrhundertalten Bühnentechnik und im Gegensatz dazu des Kulturhauses mit seiner modernen Technik.
Selbst als Junge bei den Jugendweiheveranstaltungen meines Vatis dabei gewesen, wollte ich ihnen die Vielfältigkeit ihrer Gegenwart vor Augen nahe bringen.

Gern erinnere ich mich daran, dass ich im Konsumbeirat war und extra für Geburtstage älterer Konsummitglieder einen Linolschnitt erschuf mit unserer Kaufhalle und dem Konsumsymbol.

Schließlich muss ich noch meine Arbeit erwähnen, in der ich als Programmierer für den jeweiligen Rechner programmierte, was nicht nur der eigenen Firma nutzte. Einerseits waren die Nutzungsbedingungen in einer Form, dass technisch Unbedarfte auch leicht ihre Aufgaben formulieren konnten. Andererseits wurden diese Programme auch an zahlreiche unterschiedliche Firmen verkauft. Die Namen meiner Programme waren meist ungewöhnlich aber auch pfiffig.
So hieß das Eine: DEPP (DatenEingabePrüfProgramm)
und ein anderes DAZU (DatenverarbeitungZerbstUwe).
Gerade das Letztere wurde häufig in den Mund genommen, wenn man sich beispielsweise fragte, was man noch DAZU brauchen würde.

Auch organisierte ich in der Firma eine Reihe von Veranstaltungen, zu denen ich besondere Referenten holte, wie einen Auslandsreporter, der offen davon berichten konnte, wie die DDR in der Welt tätig war und was man von ihr hielt. (Einige der vielen Veranstaltungsbesucher stammten nicht aus der Firma – kann man sich selbst denken woher – aber das störte vor allem mich nicht, war mir egal.)

Einen totalen Tiefschlag erlebte mein soziales Engagement, als ich als Vizechef der Abteilung 1990 die ersten sechs Entlassungen vornehmen musste. Darunter habe ich Tage davor, bei der jeweils einzelnen Überbringung dieser Nachricht und noch lange danach seelisch voll gelitten.

Nun folgte ein Lebensabschnitt, welcher einen ganz anderen Rahmen bieten sollte.
Doch kann ich heute mit Fug und Recht sagen, dass sich meine Leidenschaften nicht bremsen ließen – mitunter ganz im Gegenteil!
Doch ist ein anderes Thema

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Hier der Link auf meine anderen  Beiträge:

(Teil 3:) Meine sozialen Leidenschaften in der neuen BRD – bis heute

(Teil 1:) Meine sozialen Leidenschaften in Kindheit und Jugend
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Constanze Seemann aus Bad Münder am Deister | 11.07.2020 | 19:07  
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