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Starke Frauen – Elisabeth Keller im Gespräch mit der Bestseller-Autorin Viktoria Grantz

    EK Ihre drei Bücher „Die verkaufte Gräfin“, „Das Ende des Jägers“ und „Denn sie schenkten mir ein zweites Leben“ sind innerhalb einer Woche erschienen. Wie kam es zu so einer Ballung?

VG Ich arbeite als Reiseverkehrsfrau und bin manchmal Monate lang nicht in Deutschland. Dann schreibe ich unterwegs im Flieger oder im Hotelzimmer und erst, wenn ich wieder daheim bin, überarbeite ich meine Aufzeichnungen und gebe sie weiter.

EK Was arbeiten Sie genau?

VG Ich bin zur Geheimhaltung verpflichtet. Grob umrissen, teste ich Hotels.

EK Und unterwegs fallen Ihnen Geschichten ein, die sie dann aufschreiben?

VG Nicht so ganz. Früher hätte ich nie gedacht, dass ich einmal Bücher schreiben würde. Schon vor vielen Jahren sind mir auf meinen Reisen immer wieder unglaubliche Geschichten zu Ohren gekommen. Hier wurde mir über Zwangsprostituierte berichtet, da über sexuellen Kindesmissbrauch und dort über Mädchenhandel, weibliche Beschneidung oder Ausbeutung und Versklavung von Frauen.

EK Wie kommen Sie an solche Geschichten?

VG Ich denke, dass viele Menschen, gerade außerhalb Europas, glauben, dass ich als Deutsche und als Frau etwas unternehmen könnte, um solche Straftaten aufzudecken. Natürlich bin ich dankbar für so viel Vertrauen, aber ich kann im Grunde genommen auch nur immer wieder – z. B. durch meine Bücher – auf diese Machenschaften hinweisen. Vor Ort kann ich kaum etwas tun. Es handelt sich ja auch nicht um Straftaten, die im Geheimen passieren. Vor Ort wissen fast alle darüber Bescheid, aber kaum jemand traut sich, etwas zu unternehmen, da in den meisten Fällen Beamte und Polizei die Hand aufhalten und eher die Menschen einsperren oder bedrohen, die es wagen, den Mund aufzumachen.

EK Und welche Reaktionen lösen Ihre Berichte in Deutschland aus?

VG Die fallen ganz unterschiedlich aus. Es gibt viele, die sagen, „Mensch, mutig! Endlich mal jemand, der das Kind beim Namen nennt.“ Auf der anderen Seite wird mir vorgeworfen, ich würde Lappalien aufbauschen, um reich und berühmt zu werden. Auch in Deutschland ist der sexuelle Missbrauch von Kindern derart verbreitet, dass natürlich auch die Medien kaum Notiz davon nehmen. Welcher Zeitungs-, Radio- oder Fernsehmann berichtet schon gern über Straftaten, die er zu Haus selbst begeht? Am Beispiel der BBC in London konnte in den letzten Wochen gut verfolgt werden, wie alles zusammenhängt, wer sich wie gegenseitig deckt und wer alles darin verwickelt war oder ist.
Oder sehen Sie sich die Odenwaldschule an. Kinder werden mit Absicht alkoholisiert und missbraucht. Diese Kinder reden darüber, versuchen Öffentlichkeit herzustellen, und was passiert? Der Bundespräsident zeichnet die Schule aus, da alle Berichte der Schülerinnen und Schüler einfach ignoriert oder unter den Tisch gekehrt werden.
Was ist aus dem Runden Tisch geworden? Was hat sich wirklich geändert? Nichts. Phrasen werden gedroschen und Ausflüchte gesucht, dass einem schlecht werden kann.
Was passiert denn mit den Priestern und Nonnen, die ihren Schützlingen nicht nur Lesen und Schreiben beibringen sollten, sondern auch die Nächstenliebe, und die nichts anderes im Kopf oder sonstwo hatten, als diese Kinder zu missbrauchen oder zu quälen? Nichts passiert.
Großherrlich wird von den Kirchen lupenreine Aufklärung versprochen, aber wehe, ein Forscher kommt der Wahrheit zu nahe, dann ist aber Schluss mit lustig.

EK Und wie sind Sie auf Hans Georg van Herste gestoßen?

VG Eigentlich wollte ich während meines Besuches auf der Buchmesse in Leipzig nur seinen Vortrag über seine Reisen nach Fernost und seinen Weg zum Ayur Veda hören. Da er seinen Vortrag sehr gut rüberbrachte und mich richtig fesselte, schlug ich im Messekatalog nach und fand noch mehr Vorträge von ihm. Dadurch bin ich erst dahintergekommen, was der alles macht. Nach mehreren Gesprächen mit ihm, in denen ich ihm von den Geschichten erzählte, die mir zugetragen werden, kam er auf die Idee, diese zu veröffentlichen. So, nun bin ich also eine weltberühmte Autorin geworden.

EK Was ist schlimm daran?

VG Nichts, aber ich hätte nie gedacht, was es heißt, sich näher mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Geschichten zu hören und sich zu gruseln, ist das eine. Wenn frau aber dann tiefer einsteigen muss, um gut zu recherchieren, wird’s schon manchmal mehr als spannend und manchmal sogar gefährlich. Ich musste mich an Orte begeben, die ich freiwillig früher niemals aufgesucht hätte. Ich musste mit Leuten reden, denen ich lieber aus dem Weg gegangen wäre. Aber es hilft ja nichts. Entweder ich mache das richtig oder ich lasse es bleiben.

EK In „Die verkaufte Gräfin“ schildern sie, wie ein junges Mädchen aus dem Adel schon von Kindesbeinen an aufs Heiraten getrimmt wird. Das war in der Vergangenheit sicherlich gang und gäbe. Aber gibt’s das heute auch noch?

VG In Deutschland kommt das eher selten vor. Aber in manchen Adelskreisen wird es nach wie vor so oder zumindest in abgemilderter Form praktiziert. Während ein junger Mann eine Frau aus dem Volke heiraten darf, ist das umgekehrt eher schwierig, wenn nicht gar unmöglich.
Und in vielen Ländern dieser Erde ist die Zwangsverheiratung weit verbreitet. Eine Frau ist eine Ware und wird vom Vater an den Ehemann verkauft. Das Mädchen, die Frau wird nicht nach ihrer Meinung gefragt und wenn sie zufällig auch noch lesbisch ist, hat sie eben doppelt Pech gehabt.

EK In „Das Ende des Jägers“ erzählen Sie die Geschichte von zwei Personen, die sich irgendwann in Thailand begegnen.

VG Ein Mädchen wird von ihrer Mutter an eine Schlepperin verkauft, die ihr verspricht, ihrer Tochter einen Job in einem Haushalt zu verschaffen. Obwohl die Mutter skeptisch ist, lässt sie sich durch die Zahlung von fünfzig US-Dollar überreden. Die Kleine wird natürlich niemals in einem Haushalt arbeiten, sondern sofort als Kinderprostituierte eingesetzt.
In diesem Fall träumt ein begüterter Pädokrimineller, der in Deutschland alles erlebt hat, was er erleben wollte, von einem thailändischen Kleinkind. Noch besser wäre ein Baby. Mit viel Geld und guten Kontakten kommt er in Bangkok fast ans Ziel. Aber eben nur fast. Starke und mutige Frauen machen ihm einen gehörigen Strich durch die Rechnung.
Das Leid dieser Mädchen ist unbeschreiblich, aber nicht außergewöhnlich. Das gibt’s auch in Deutschland. Nur dass die Pädophilen nicht verreisen, sondern die Mädchen angeliefert werden. In einigen osteuropäischen Staaten, wie z. B. Rumänien, gibt es Dörfer, in denen Sie kaum noch Kinder finden. An so genannten Herrenabenden wird dann das eine oder andere Mädchen verspeist.

EK Das hört sich ganz nach „Denn sie schenkten mir ein zweites Leben“ an.

VG Genau. In diesem Buch erzählt die Betroffene, wie sie als Kind durch Alkohol gefügig und abhängig gemacht wurde. Waren anfangs nur die Eltern involviert, so erweiterten diese den Kreis der Täter immer mehr. Nicht nur Onkel und Tante vergnügten sich mit der Kleinen, sondern irgendwann auch eine Lehrerin, die obendrein dafür sorgte, dass das Mädchen, ohne aufzufallen, die Schule besuchen konnte. Andere Lehrer, denen eine ständig volltrunkene Schülerin hätte auffallen müssen, taten nichts. Alle waren feige und wollten Ärger vermeiden. Später wurde das Mädchen sogar auf speziellen Partys vermietet und zum Schluss sogar versteigert.

EK Gibt’s denn wenigstens ein Happy End?

VG Ja, alle meistern durch ihren eigenen Mut oder durch die Hilfe starker Frauen ihr Schicksal und alles wendet sich zum Guten.

EK Wie sind die Bücher bei Lesern angekommen?

VG Alle drei Bücher standen schon nach wenigen Tagen in den Top 100 bei Amazon, dann sogar in den Top 10. Das hat mich natürlich selbst überrascht, zeigt aber auch, dass die Themen ankommen.

EK Wie fielen die Kritiken aus?

VG Überwiegend positiv. Natürlich gibt es immer Menschen, die schreiben, sie könnten nicht glauben, was sie da lesen. Frau sollte sich mal langsam aber sicher von dem Gedanken lösen, wir würden in einer friedlichen Welt leben, in der nur überall Blümchen wachsen. Und, natürlich kosten meine Bücher – wie alle anderen Bücher, Zeitungen etc. auch – Geld. Es geht mir allerdings nicht darum, reich zu werden. Ich habe auch so mein gutes Auskommen. Es geht mir um die Sache. Auch Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehmacher verdienen ihr Geld mit den Gräueltaten, die jeden Tag auf der Welt passieren. Meine Recherchen kosten Geld. Die Buchherstellung kostet Geld. Eine Zeitung druckt sich auch nicht kostenlos.
Ich wäre dafür, dass z. B. eine Volksmusiksendung ohne Ankündigung für nur zehn Sekunden unterbrochen wird. In der Zeit sollte ein Kurzfilm laufen, in dem zu sehen ist, wie ein kleines Mädchen missbraucht oder bei lebendigem Leibe beschnitten wir. Das Ganze nicht nur in Farbe, sondern auch mit Ton. Ich denke, dann würden auch die letzten Blümchenanbeter aufwachen oder aufwachen müssen.
Ich habe festgestellt, dass nur ein richtiger Schock die Menschen aufrüttelt. Und das wäre ganz bestimmt einer. Bilder und Töne dieser Art brennen sich tief ein.

EK Was verstehen Sie unter einer starken Frau? Sind das welche, die sich im Fitnessstudio starke Muskeln antrainieren?

VG Nein, das hat mit Muskeln nichts zu tun, sondern eher mit Rückgrat. Starke Frauen sind für mich Frauen, die z. B. vor sich selber zugeben, dass sie sexuell missbraucht wurden, die einsehen, dass Papi das nicht getan hat, weil er sie liebt, sondern sie nur benutzt hat. Das sind Frauen, die ihre Opferrolle verlassen haben, und nicht, wie leider die Mehrheit, in ihr verharren, jegliche Verantwortung anderen zuschieben und weiterhin bemitleidet werden wollen.
Starke Frauen leben ihre Träume, leben z. B. ihr Lesbischsein. Sie hören hin, wenn eine andere Frau in Not ist, und greifen helfend ein, ohne ihren eigenen Vorteil in den Vordergrund zu stellen. Sie sprechen über Themen, die ihnen am Herzen liegen. Sie laufen nicht weg, wenn´s mal brenzlig wird, und lassen sich durch Lügen oder gar Drohungen nicht von ihrem Weg abbringen.

EK Warum gibt es eigentlich kein Foto von Ihnen?

VG Ich arbeite für große Reiseunternehmen, die überwiegend von Männern geleitet werden. Wie lange, glauben Sie, hätte ich meinen Job noch, wenn herauskommen würde, wer da für diese Leute arbeitet? Ohne diese Diskretion wäre ich nicht nur meine Jobs los, sondern könnte wohl kaum noch recherchieren. Wie heißt das so schön im Geheimdienstjargon? Ich wäre verbrannt.

EK Liebe Frau Grantz! Vielen Dank für die offenen Worte.
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