Flucht und Heimkehr und die Goldesel-Töchter

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Elisabeth Keller im Gespräch mit der Autorin Heide Marie Zimmer

EK Guten Tag, Frau Zimmer. Unser letztes Treffen ist noch nicht sehr lange her. Wie kommt es, dass Sie in so kurzer Zeit drei Bücher auf den Markt bringen konnten?

HMZ „Das Mädchen Yvonne“ und „Flucht und Heimkehr“ hatte ich schon fast fertig liegen. „Die Goldesel-Töchter“ hatte ich seit vielen Jahren im Kopf herumgeistern. So war es nicht schwer, diese Bücher schnell hintereinander herauszubringen.

EK Über die Yvonne-Geschichte haben wir vor kurzem gesprochen. Was passiert in „Flucht und Heimkehr“?

HMZ Ein Mädchen wird von Vater und Bruder missbraucht und gequält. Sie muss arbeiten, wie eine Erwachsene, bekommt aber nur Essensreste zu essen. Ihre Mutter ist ebenfalls ein Opfer dieser häuslichen Gewalt. Als das Mädchen vom eigenen Vater schwanger wird, wird es zu einer Engelmacherin geschickt. Diese treibt nicht nur das Kind ab, sondern erkennt die prekäre Lage des Kindes und verhilft ihr zur Flucht. Sie erlebt viele Abenteuer, muss unglaubliche Torturen über sich ergehen lassen und findet ihre große Liebe. Gemeinsam kehren die beiden an den Ort der ersten Verbrechen zurück und verschaffen sich einen angenehmen Lebensabend.

EK Ich habe das Buch gelesen und mich immer wieder gefragt, wie Menschen dazu kommen, Kinder dermaßen zu traktieren.

HMZ Mit diesen Geschichten könnten wir ganze Wände tapezieren.

EK Das heißt, die beschriebenen Personen und ihre Erlebnisse entstammen der Realität?

HMZ Ich hätte mich früher niemals als Autorin gesehen. Ich hatte eine Geschichte zu erzählen, wäre aber niemals auf die Idee gekommen, diese aufzuschreiben und einem großen Publikum zugänglich zu machen. Erst durch einen Hinweis wurde ich auf einen Mann aufmerksam, der unbekannten Erzählerinnen, wie mir, die Chance gab, an die Öffentlichkeit zu treten. Er war in der Szene bekannt und hat diese Geschichten nicht nur geglaubt, sondern ist nach wie vor der Überzeugung, dass Geschichten dieser Art unbedingt veröffentlicht werden müssen.

EK Sie meinen Hans Georg van Herste?

HMZ Genau, den meine ich. Er hat selbst viele grausame Dinge erleben müssen und hat uns Autorinnen zusammengebracht. Er hatte auch die Idee, die Reihe „Starke Frauen“ auf den Markt zu bringen.

EK Gibt es eine Vorgabe? Ich denke nicht, dass ein Arztroman eine Chance hätte, in Ihre Reihe aufgenommen zu werden.

HMZ Zugrunde gelegt wird stets eine wahre Geschichte, die uns von einer Betroffenen erzählt wird.

EK Wie können Sie sicher sein, dass eine solche Geschichte stimmt?

HMZ Meistens ist die Realität grausamer als jede Fantasie. Wenn sich die Aussagen verschiedener Personen, die sich nicht kennen, stark ähneln, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie nicht ausgedacht wurden. Obendrein finden viele Gespräche mit der Betroffenen oder Hinterbliebenen statt. Da merkt man relativ schnell, ob die Frau spinnt oder nicht. Bisher haben wir das noch nicht erlebt, da Lügnerinnen sich hin und wieder selbst widersprechen oder ihre Geschichte jedes Mal ein wenig anders erzählen.

EK Werden die Opfer einer bestimmten Autorin zugeteilt?

HMZ Nein, die Geschichten, die wir aufschreiben, haben wir selbst recherchiert.

EK Das heißt, Sie kennen die Opfer?

HMZ Ja, oder ihre Nachfahren, die der Meinung sind, die Geschichte sei es wert, erzählt zu werden.

EK Das heißt, einige Opfer sind schon tot?

HMZ Ja, in einigen Büchern wird die Geschichte von Personen beschrieben, die nicht mehr leben. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Eine Frauen-Quälerei, die von Nazis verübt wird, kann man schlecht in den Jahren des Dritten Reiches veröffentlichen. Manchmal werden von den Erben Tagebücher entdeckt, von deren Existenz niemand etwas wusste.

EK Wie gehen Sie weiter vor, wenn Ihnen eine Geschichte zu Ohren gekommen ist?

HMZ Ich recherchiere z. B. im Internet. Gibt es Berichte von Opfern oder Tätern? Was wurde mit den Opfern angestellt? Aus welchem Umfeld stammten sie? Wenn ich eine Geschichte aufschreibe, möchte ich, dass die Leser sich ein Bild von der Zeit, von den Lebensbedingungen der Opfer machen können. Wie viel Geld hatten die Opfer oder ihre Familien zur Verfügung? Lebten sie in einem eigenen Haus oder in einer Mietwohnung? Welchen Beruf übten die Täter aus? Was tat die Mutter? Wer wusste von dem Missbrauch? Ich möchte das Opfer in seine Umwelt einbetten, das Drumherum beschreiben, Realität dokumentieren.

EK Schreiben Sie dann die Geschichte, die Ihnen erzählt wurde, eins zu eins auf?

HMZ Ich bleibe so nah an der Wirklichkeit, wie möglich. Allerdings muss ich, um Opfer oder deren Familie zu schützen, die Namen, Orte und auch manche Familienkonstellation verändern, um ein Wiedererkennen zu verhindern. Natürlich geht es um eine wahre Geschichte, aber ob das Opfer nun Berta oder Josephine heißt spielt keine Rolle, ob der Täter nun Kartoffel- oder Gemüsebauer war ebenfalls nicht. Wichtig ist nur, dass die Geschichte stimmig rüberkommt, dass die Leser verstehen, was ich sagen will, dass die Leser über die Vielfalt des Grauens, über die Häufigkeit informiert werden.

EK Manche Passagen kann man fast nicht glauben.

HMZ Natürlich gibt es nicht nur positive Reaktionen auf unsere Bücher. Das bleibt nicht aus. Das war mir auch schon vor meinem ersten Buch klar. Ich stach, genau wie die anderen „Starken Frauen“ in ein Wespennest. Und welcher Täter, welche Prinzessin, welche Mutter, die Bescheid wusste, ohne ihrem Kind zu helfen, kann es gut finden, wenn plötzlich ihre oder eine ähnliche Geschichte veröffentlicht wird?
Obendrein gibt es natürlich viele Menschen, die sich in ihrem Kopf eine heile Welt gebastelt haben, die in der Realität nie bestanden hat. Diesen Menschen sind derartige Geschichten natürlich ebenfalls ein Dorn im Auge, da sie ihr Wunschdenken ankratzen. Ich denke, in der Hinsicht habe ich ein echtes Kindheitstrauma.

EK Was meinen Sie damit?

HMZ Ich hatte ein paar Frauen in der näheren Verwandtschaft, die sich ausschließlich über die neuste Mode und über Promis ausgetauscht haben. Ihre ganze, kleine, beschränkte Welt drehte sich um Rock oder Kleid, dunkelroten oder hellroten Lippenstift, weiße oder grüne Pumps oder die neuste Robe von Königin XY. Sie waren täglich bei Königs zu Haus, kannten sämtliche Familienmitglieder und echauffierten sich darüber, wenn eine Prinzessin mit einem Bürgerlichen ein Verhältnis hatte. Es war zum Kotzen und ich floh regelmäßig, wenn diese Themen in meiner Nähe diskutiert wurden.
Ich konnte das Desinteresse an wirklich wichtigen Begebenheiten, dieses Suchen nach Schuldigen, denn Irgendwer musste ja schuld sein, nur nicht sie selbst natürlich, nicht nachvollziehen. Die Ignoranz gegenüber Andersdenkenden, Anderslebenden fand ich nur schlimm. Lesben und Transsexuelle waren pervers und der Untergang des Abendlandes. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass eine Tante mal sagte, Priester sind doch auch nur Menschen, als ich sie auf einen sexuellen Missbrauch im kirchlichen Umfeld ansprach. Und der Bundeskanzler musste natürlich ein Mann sein, der in väterlicher Art und Weise sein Volk beschützt und regiert.

EK Ja, das kenne ich. Es gibt nicht wenige, die nicht verstehen, wie ich die Pressesprecherin solcher Autoren sein kann. Ich denke aber, dass genau diese Leute, die mutig genug sind, sich dieser Themen anzunehmen, jede Unterstützung brauchen.

HMZ Es gibt viel zu wenige, die aufstehen und über das laut reden, was ihnen passiert ist. Wie viele Promis sind Opfer gewesen und halten lieber den Mund? Gerade diese Menschen könnten mit gutem Beispiel vorangehen, aber sie schweigen, da sie um ihre Karriere fürchten.

EK In Ihrem Buch „Die Goldesel-Töchter“ beschreiben Sie das Leben einer Frau namens Rita.

HMZ Rita wird gezeugt, um Geld zu verdienen, mit ihrem Körper. Sie wird in eine Kinderschänder-Dynastie hineingeboren, in der seit Generationen nichts anderes praktiziert wird. Ihre Mutter, ihre Großmutter, ihre Urgroßmutter wurden bereits als Kinder konditioniert, um später missbraucht zu werden, um wiederum Töchter zu gebären, die man benutzen kann.

EK Interessant fand ich, wie diese Übergriffe getarnt wurden.

HMZ Man redete den Mädchen schon in frühster Kindheit ein, dass alle Väter mit ihren Töchtern schlafen. Das sei ein Liebesbeweis. Man nannte es niemals beim Namen, sondern umschrieb es mit irgendwelchen Fantasiebezeichnungen. Man redete den Mädchen ein, ein Vater, ein Opa müsse das tun, um eine richtige Frau aus ihnen zu machen. Man sperrte sie ein und folterte sie, um sie gefügig zu machen.
Und es funktioniert bis heute reibungslos. Es gibt hunderte Opfer von rituellem Missbrauch, aber nur wenige, die bereit sind, darüber zu reden. Eine Konditionierung solcher Art ist sehr nachhaltig. Den Kindern wird durch Gehirnwäsche eine dermaßen große Angst eingejagt, dass sie auch im Erwachsenenalter nichts preisgeben. Wenn obendrein noch Würdenträger, wie z. B. Polizisten in Uniform oder Priester in kirchlicher Kleidung mitmachen, wird dem Kind klar, dass es kein Entrinnen gibt. Egal, an wen es sich wendet, es könnte sich immer um einen Täter handeln.
Und die Täter-Seilschaften funktionieren prima. Ich kann mich noch an die Geschichte des Kinderbordells in einer ostdeutschen Großstadt erinnern. Über Jahre hinweg gingen dort Würdenträger ein und aus, ohne dass etwas an die Öffentlichkeit kam. Hinweise wurden ignoriert, Opfer erpresst oder gar mit dem Tode bedroht, ermittelnde Beamte behindert oder gar versetzt, wenn sie der Wahrheit zu nahe kamen.
Und das passiert mitten unter uns, jeden Tag an jedem Ort der Welt. Es ist nicht nur die perverse Lust, die das ermöglicht. Es ist das große Geld, das lockt. Schätzungen zufolge steht der Frauen- und Mädchenhandel und alle Geschäfte, die damit zu tun haben, nach Erdöl- und Pharmaindustrie an dritter Stelle der weltweit größten Umsatzrenditen.

EK Haben Sie es je bereut, diese Bücher geschrieben zu haben?

HMZ Na ja, anfangs war ich schon etwas erschrocken über manche Negativreaktion, die allerdings selten etwas Konstruktives an sich hatte. Heute bin ich mir sicher, dass es nicht bei drei Büchern bleiben wird. Sobald mir wieder mal eine Geschichte zu Ohren kommt, die zu den „Starken Frauen“ passen könnte, werde ich sie aufschreiben.
Ich finde, diese Themen können niemals genug auf den Tisch kommen. Wenn eines Tages der sexuelle Missbrauch von Kindern, die Gewalt gegen Frauen, die Abwertung oder Verfolgung von Homo- und Transsexuellen ausgerottet sein sollten, werde ich nur noch Bilder malen. Aber ich denke, das wird noch einige Zeit dauern.

EK Frau Zimmer, vielen Dank für das Gespräch.

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Bürgerreporter:in:

Elisabeth Keller aus Gnarrenburg

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