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Der Fall Pola Kinski – sexuelle Missbrauch in Promi-Familien

Elisabeth Keller im Gespräch mit dem Lebensberater und Buchautor Hans Georg van Herste

Pola Kinski, die Tochter des Schauspielers Klaus Kinski, hat ein Buch veröffentlicht, in dem sie beschreibt, wie sie vom eigenen Vater missbraucht wurde.
Hans Georg van Herste hat daraufhin sehr viele Anfragen bekommen. Man bat ihn um eine Stellungnahme. Da es ihm unmöglich ist, jedem einzelnen eine persönliche Antwort zu schicken, habe ich ein Interview mit ihm geführt, in dem ein Querschnitt der Anfragen beantwortet werden konnte.

EK Herr van Herste, schön, dass Sie doch noch mit mir sprechen wollen. Warum haben Sie sich anfangs geziert?

vH Ich habe überlegt, ob ich diesen Missbrauchsfall kommentieren soll oder nicht, da ich weiß, dass mir dann wieder vorgeworfen wird: der hängt sich überall dran und will nur seine Bücher verkaufen.

EK Und was hat Sie dazu veranlasst, jetzt doch etwas dazu zu sagen?

vH Jedes dritte Mädchen wird sexuell missbraucht, jeder fünfte Junge. Der größte Teil unserer Bevölkerung weiß davon, da es in der eigenen Familie passiert oder passiert ist, oder in der Nachbarschaft oder im Sportverein oder in der Schule. Und da selbst Opfer schweigen, weil sie Angst vor dem Täter oder den Reaktionen ihrer Familie haben, oder weil sie – wie leider sehr häufig anzutreffen – der Meinung sind, dass Papi das nur getan hat, weil er das Opfer so sehr liebt, gibt es viel zu viele Schweiger.
Wenn ich etwas erzähle, bekomme ich Ärger mit dem Täter oder dessen Familie oder der Ernährer fällt aus, was Einkommenseinbußen nach sich ziehen kann. Also halte ich lieber meinen Mund. Leider sind diese Denkweisen – aus welchen Gründen auch immer – weit verbreitet.

EK Und da wollten Sie nicht auch noch schweigen?

vH Da ich aufgrund dieser Kinski-Geschichte viele Mails bekommen habe, habe ich mir gedacht, dass nicht auch ich noch schweigen sollte. Denn jeder, der schweigt, unterstützt den Täter. Der „Fall Pola Kinski“ ist ein Paradebeispiel dafür. Und wer meint, ich müsste mich an dem Fall nur hochziehen, der muss das eben meinen. Wenn nicht dieser Grund konstruiert wird, um mich negativ darzustellen, dann wird eben etwas anderes zusammengebastelt. Meine lieben Freunde sind da schon immer sehr kreativ gewesen.

EK Was ist Ihnen denn gerade am Kinski-Fall aufgestoßen?

vH Klaus Kinski war weder als Mensch, noch als Schauspieler – meiner Meinung nach – ein Guter. Ich kenne ihn seit Kindertagen aus dem Fernsehen und es hat mich immer gegruselt, wenn er auftrat. Er war eigentlich kein Schauspieler, da Schauspieler eine Rolle spielen. Er hat immer nur sich selbst gespielt. Er war dermaßen durchgeknallt, dass Unwissende ihm unterstellten, er sei genial. Er war nicht genial, sondern ausschließlich er selbst, mit all seinen Abgründen.

EK Was hat sie an ihm so abgestoßen?

vH Zuallererst seine Augen. Diesen irren Blick kannte ich von meinen eigenen Tätern her. Auch andere Täter, die ich kennen lernte, hatten solche Augen. Dazu gesellte sich seine Unberechenbarkeit. Auch das kenne ich von meinen Tätern. Diese Leute haben zwei Gesichter. In Gegenwart von Leuten, die ihnen nützen könnten oder vor denen sie Angst haben, sind Täter dieser Kategorie nett und freundlich, ja, manchmal sogar untertänig.
Bei allen anderen kommt die wahre Natur ans Tageslicht. Da wird psychisch terrorisiert, gedemütigt, missbraucht oder gar gefoltert. Diese Leute sind im Grunde Feiglinge, da sie nur mit Untergebenen oder Schwächeren so negativ umgehen. Vor allen anderen haben sie Angst.

EK Was ärgert Sie gerade an diesem Fall?

vH Dass niemand etwas getan hat. Wo waren denn all die Busenfreunde, die alles mit Klaus Kinski teilten? Weder Herr Herzog, noch sonst wer hat eingegriffen. Und es soll mir niemand erzählen, die hätten das alles nicht mitbekommen. Auch die Verwandtschaft hat den Mund gehalten, während Vater und Großvater das Mädchen missbrauchten. Und ich denke, dass der „liebe Klaus“ bestimmt nicht nur Pola beglückt hat.

EK Das heißt, Sie plädieren dafür, dass sich noch mehr Prominente zu Wort melden?

vH Natürlich! Namen wie z. B. Pola Kinski oder Wolfgang Niedecken erregen Aufmerksamkeit bei den Medien, die sonst lieber zu diesem Thema schweigen. Ich denke, wenn alle Promis den Mut hätten, ihre wahre Geschichte zu erzählen, könnte viel Aufmerksamkeit erzeugt werden. Und dann könnten sich auch die Medien nicht mehr davor verstecken.

EK Aber die haben doch schon oft berichtet.

vH Ja, aber wie? Um die Auflage zu steigern, wird alles hochgekocht, um dann wieder zur Tagesordnung überzugehen. 2010 kamen viele Missbrauchsfälle ans Tageslicht, die über Jahrzehnte in kirchlichen Heimen oder Internaten stattfanden. Täglich wurde darüber berichtet. Hier ein Skandal und da ein Skandal. Und heute? Hin und wieder ein paar Zeilen, aber zum Aufmacher taugt es nicht mehr.

EK Ist Ihnen diese Ablehnung seitens der Medien auch schon widerfahren`?

vH Mehrmals. Nur eine einzige Reportage, die ich angestoßen habe, ist jemals ausgestrahlt worden. Alle anderen wurden abgelehnt. Ein Radiomann sagte mir einmal in einem Telefonat: „Ach Herr van Herste! Ist ja schön, dass Sie sich da so stark machen, aber, wissen Sie, das Thema ist mir langsam zu abgegriffen.“
Und sagen Sie mal ehrlich, Frau Keller: wie kann ein solches Thema jemals abgegriffen sein? Es passiert rund um uns herum und zwar täglich, stündlich, jetzt in diesem Moment.
Aber wie können Missbrauchsopfer von den Medien nur erwarten, dass ihre Geschichten wertvoller sind, als das Hinterteil einer Hotelerbin oder die Schwangerschaft einer englischen Prinzessin? Da können wir nicht mithalten.

EK Was müsste sich ändern?

vH Jeder, der etwas weiß, muss es ansprechen. Unsere Gesetze müssen den Opfern helfen und nicht die Täter schützen. Nur jeder 1000. Täter wird angeklagt und wenn es zu einer Verurteilung kommt, fällt die oft lächerlich gering aus.

EK Ist das in anderen Ländern anders?

vH Vor gar nicht so langer Zeit wurde im Internet ein Mädchen versteigert. Ein deutscher Arzt bekam den Zuschlag. Ihm wurde daraufhin mitgeteilt, er könne das Mädchen in New York missbrauchen und solle dazu nicht nur das Geld mitbringen, sondern auch alle Utensilien, die er für nötig hielte. Daraufhin ist der Mann – wahrscheinlich voller Vorfreude – nach New York geflogen. Allerdings wurde er dort nicht von einem kleinen Mädchen erwartet, sondern von der Polizei. Er wurde auf der Stelle festgenommen. In seinem Koffer fand man Betäubungsspritzen, Dildos, Handschellen und Ähnliches. Resultat: achtzehn Jahre Haft.
Ein paar Monate später fiel erneut ein deutscher Arzt auf diesen Trick herein und wurde ebenfalls in New York zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt. So etwas würde es in Deutschland nicht geben. Selbst die von RTL2 ausgestrahlte Serie „Tatort Internet“ wurde schnell wieder eingestellt, weil man die Privatsphäre der Täter als gefährdet ansah. Obwohl in diesen Beiträgen die Schuld und die kriminelle Energie der Täter ganz klar bewiesen werden konnte, kam es zu keiner Anklage. In einem Land, in dem die Privatsphäre eines Täters mehr wiegt, als die Unversehrtheit des Opfers läuft doch irgendetwas schief, meinen Sie nicht auch?

EK Vielen Dank für das offene Gespräch, Herr van Herste. Ich wünsche Ihnen und Ihren Mitstreitern von TransBorderLes e.V. weiterhin viel Erfolg.


Infos:
www.van-herste.de
www.transborderles.de
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