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Menschen im Hotel

Auch 2016 war ich mal wieder viel unterwegs und habe in dem einen oder anderen Hotel gewohnt. Da ich mir im letzten Jahr etwas mehr Zeit eingeräumt hatte – man kann ja nicht nur arbeiten –, konnte ich mich hin und wieder in einem Biergarten oder auf einer Außen-Terrasse aufhalten. Ein paar Erlebnisse möchte ich hier jetzt schildern. Jede und jeder mag sich seine eigenen Gedanken dazu machen.

Hotel 1 liegt nahe an der Altstadt einer norddeutschen Großstadt. Nachmittags trudeln einige Damen und Herren zwischen fünfzig und siebzig ein. Nachdem alle ihre Zimmer eingerichtet haben, trifft man sich auf der Außen-Terrasse. Anhand der Gespräche, die ich, aufgrund der Lautstärke, mitanhören muss, wird mir schnell klar, dass es sich um ein Gynäkologen-Treffen handeln muss. Alle sind freudig und schwatzen laut durcheinander. Nach etwa einer halben Stunde verschwinden alle im Hotel.
Abends sitze ich erneut auf der Außen-Terrasse, um zu Abend zu essen. Gegen zehn strömen die Ärztinnen und Ärzte nach draußen und verteilen sich auf die freien Tische. Schon nach wenigen Minuten wird Hochprozentiges in sich hineingekippt, das schnell seine Wirkung verbreitet.
Die Stimmen werden mit zunehmendem Alkoholkonsum immer lauter. Viele reden durcheinander, ohne dem anderen zuzuhören. Rechts von mir sitzen drei Männer und drei Frauen am Tisch.
Einer der Gynäkologen erklärt lallend: „Ich kann die alten Weiber mit ihren Ackerfurchen nicht mehr sehen!“
Sein neben ihm sitzender Kollege fragt: „Warum machst du es dann?“
Der erste grinst nur und zeigt den Geldzählgriff, reibt also Daumen und Zeigefinger aneinander. Beide brechen in lautes Gelächter aus. Die Kolleginnen am Tisch, weit weniger betrunken, schauen sich irritiert an, sagen aber nichts.
Auf der anderen Seite meines Tisches wird es ebenfalls lauter. Ein völlig betrunkener Arzt scheint den Tränen nahe.
„Mein Kollege aus dem Nachbarort hat sich eine neue Jacht gekauft. Und stell dir vor, die ist ein gutes Stück länger, als meine. Das kann ich doch nicht auf mir sitzen lassen oder?“
„Bleib locker. Du wirst das schon hinkriegen.“
„Na gut, dann gebe ich meine alte Jacht halt in Zahlung. Und wenn ich noch fünfzig Weiber klarmache, wird das schon reichen.“
„Das ist ´ne gute Idee. Was wollen die alten Muttis auch noch mit ihren Gebärmüttern?“
Auch die an diesem Tisch sitzenden Frauen äußern sich nicht dazu.

Hotel 2 liegt im Zentrum einer norddeutschen Stadt. Nachdem ich nachts die Toilette aufgesucht habe, schaue ich aus dem Fenster auf die Lichter unter mir. Als ich ganz nach unten schaue, sehe ich Licht in einem wartenden Taxi. Als ich genauer hinsehe, erkenne ich, dass der Fahrer ein spezielles Heftchen auf sein Lenkrad gestellt hat, in dem sich noch speziellere Bildchen befinden. Während er die Fotos anstarrt, erleichtert er sich zuckend. Na ja, jeder braucht eben seinen Spaß.

Hotel 3 liegt am Rande einer sächsischen Großstadt. Als ich vom Frühstück komme, wird gerade ein roter Teppich zum Parkplatz hin ausgerollt. Schon kurze Zeit später hält eine Stretch-Limousine vor dem Eingang. Der Fahrer steigt aus und öffnet die hintere Tür. Ein Mann steigt aus, dreht sich um und küsst einen anderen Mann, der sich daraufhin wieder in die Polster fallen lässt. Wie mir der Hotel-Portier steckt, handelt es sich um den Sohn eines russischen Milliardärs. Na, wenn das der Pope wüsste…

Hotel 4 liegt am Rande einer Kleinstadt in Nordhessen. Ich sitze abends im Biergarten, um ein köstliches Schnitzel zu essen. Gegen neun Uhr abends wird ein langer Tisch ein paar Meter weiter von einer kleinen Schar Menschen in Beschlag genommen. Es scheint sich um das Ende eines Betriebsausfluges eines Kleinunternehmers zu handeln, da die etwa fünfzehn Personen schon einiges getankt zu haben scheinen. Es wird in großen Mengen Bier und Korn in sich hineingeschüttet. Das hat zur Folge, dass die Gespräche an Lautstärke zunehmen. Der Chef tut sich da besonders hervor.
„Den Ewald habe ich nicht eingeladen! Ich will ja schließlich meinen Ruf nicht kaputtmachen!“
„Ja, recht so! Der hat hier auch nix verlor´n, die olle Schwuchtel!“
„Das blöde ist ja, dass ich den nicht rauswerfen kann. Da gibt’s ja so´n blödes Gesetz. Da hab´ ich keine Chance. Dann kann der mich verklagen. Gleichstellung oder so! Das ich nicht lache!“
„Ja, das ist schon lustig, wenn der in Weiberklamotten rumläuft und dann mit seiner tiefen Stimme spricht. So was sollte verboten werden.“
Die Frauen am Tisch kreischen vor Vergnügen.
Langsam steigt Zorn in mir auf und ich überlege, ob es Sinn macht, diese völlig besoffene Bande aufzuklären. Als dann der Chef laut von sich gibt, bei Adolf hätte man diese perversen Kreaturen vergast, reicht es mir, und ich gehe an den Nachbartisch.
„Sehr verehrte Damen und Herren!“
Sofort verstummt das Geschrei.
„Wenn jemand unwissend ist, kann man Abhilfe schaffen.“
„Wieso?“
„Transsexualität ist angeboren, wie die Haarfarbe. Wussten Sie das nicht?“
„Nee! Und, was geht Sie das an? Waren wir zu laut?“
„Sie sind offenbar der Chef hier oder?“
„Ja.“
„Was meinen Sie, was Ihre rothaarige Mitarbeiterin dazu sagen würde, wenn Sie sie aufgrund ihrer roten Haare nicht zu einer Feier einladen?“
Die Rothaarige meldet sich lautstark zu Wort: „Dann wär ich dir aber bitterböse, Chef.“
„Sehen Sie. Und, finden Sie es nicht ungerecht, ihre transsexuelle Mitarbeiterin außen vor zu lassen, nur weil sie transsexuell ist?“
„Wir sind jetzt leiser.“
„Ich berate und begleite Transsexuelle seit über dreißig Jahren und ich finde es schlimm, dass Leute, wie Sie, so über eine Sache ablästern, ohne die geringste Ahnung zu haben. Sie sollten sich schämen!“
Alle blicken betreten vor sich hin. Ich setze mich wieder an meinen Tisch. Ab jetzt wird nebenan nur noch geflüstert. Obwohl wir im 21. Jahrhundert leben, ist die Angst vor Homo- und Transsexualität noch immer weit verbreitet – leider. Aber die Unwissenden, die unwissend bleiben wollen, um ihre Vorurteile weiterhin schüren zu können, sterben wohl nie aus.

Hotel 5 liegt im Zentrum einer süddeutschen Großstadt. Ich stehe an der Rezeption und schaue mir die Werbeblättchen an. Plötzlich rauscht eine Frau heran.
„Wieso ist in der Minibar kein Champagner?“
Die junge Auszubildende hinter dem Tresen ist irritiert.
„Champagner müssen Sie extra ordern.“
„Wo sind wir denn hier? Wenn ich in einem Haus absteige, hat Champagner in der Minibar zu sein.“
„Soll ich Ihnen welchen nach oben schicken?“
„Nein! Jetzt habe ich keinen Appetit mehr auf Champagner. Sie haben mir den Appetit mit ihrem billigen Getue versaut.“
Die Mitarbeiterin läuft rot an.
„Ja, ja, das liegt alles an der blöden Merkel.“
Ich frage sie, was Frau Merkel damit zu tun haben könnte. Sie blickt mich amüsiert an.
„Sie haben keine Ahnung oder?“
„Nein.“
„Wir sind damals aus Russland gekommen, weil man uns dort nicht mehr haben wollte. Jetzt haben wir uns hier etwas aufgebaut und werden überall von Schwulen, Lesben und sonstigem Gesocks verfolgt. Das ist doch eine Schande, finden Sie nicht auch? Und dann gibt’s noch nicht mal Champagner in der Minibar dieses scheißteuren Hotels. Ja, wenn der Putin erst hier regiert, dann wird sich das schnell alles ändern.“
„Warum gehen Sie dann nicht nach Russland zurück?“
„Nein, das ist mir da zu dreckig. Ich würde es lieber sehen, wenn der Putin das hier alles übernimmt. Dann wäre die blöde Merkel abgemeldet und wir hätten zumindest Champagner in der Minibar.“
Ich lächele die junge Dame hinter der Theke an und verabschiede mich.

Hotel 6: Ich sitze auf der Außenterrasse eines guten Hotels in der Nähe der Innenstadt einer Schwarzwälder Großstadt. Am Nachbartisch sitzen zwei Ehepaare und unterhalten sich. Einer der Männer erzählt: „Ja, und dann habe ich dem Klausen erklärt, dass wir den Karpaltunnel operieren, das rechte Schultergelenk gegen eine Prothese austauschen und eine Bandscheiben-OP im Nacken machen müssen, da er sonst seine Schmerzen niemals los werden würde.“
Die anderen drei nicken eifrig.
Da ich gerade bezahlt habe und begriff bin, zu gehen, halte ich kurz am Nachbartisch inne und sage: „Deblockieren Sie doch einfach C4 und C5 (das sind die Halswirbel, die durch einen Schiefstand Schmerzen in Schulter, Nacken und Hand auslösen können), aber das bringt nicht genug Geld ein, nicht wahr?“
Die vier sehen mich erstaunt an. Ich wünsche ihnen einen schönen Tag und gehe.

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