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Soziale Krise wird zu humanitärer Krise

DGB-Jugend zu Besuch im Komitee „Solidarität für alle“ (Foto: Ulrike Eifler)
Gewerkschaftsjugend zu Besuch in Griechenland

Ein Bericht von Ulrike Eifler


„Aus der Finanzkrise ist eine soziale Krise geworden und aus der sozialen Krise wird eine humanitäre Krise. Den Menschen in Griechenland fehlt es an allem“. So lautet das Fazit der DGB-Jugend, die Mitte April mit 15 jungen Kollegen zu einer Bildungsreise nach Athen aufgebrochen war. Die Gießener Gewerkschaftssekretärin Ulrike Eifler war dabei und schildert die die Eindrücke ihrer Reise.

Nach Ansicht der DGB-Jugend spüren etwa 80 Prozent der Bevölkerung die Krise unmittelbar. Jeder dritte Grieche ist ohne Arbeit. Damit übersteigt die Zahl der Menschen ohne Arbeit zum ersten mal die Zahl derjenigen, die Arbeit haben. Besonders betroffen sind junge Menschen und unter ihnen vor allem Frauen. Fast zwei Drittel aller jungen Frauen sind arbeitslos. „Wer den Job verliert, verliert alles“, sagt Eifler. „Nach zwölf Monaten Arbeitslosigkeit gibt es keine Unterstützung mehr. Die Menschen verlieren ihre Wohnungen. Junge Erwachsene ziehen zurück zu ihren Eltern. Der Krankenversicherungsschutz erlischt“.

Vor allem im Gesundheitsbereich habe es massive Kürzungen gegeben. Gummihandschuhe, Katheter, Verbandsmaterial – wer im Krankenhaus behandelt werden möchte, muss vorher in der Apotheke einkaufen, was für die Behandlung notwendig ist. Häufig müssten die Menschen in Vorleistung treten, wenn sie behandelt werden wollen. „Wir haben uns ein großes Krankenhaus angesehen. Auf den Toiletten gibt es nicht einmal Seife“, sagt Eifler. Besonders dramatisch aber sei die Situation für chronisch Kranke, Drogenabhängige, Behinderte oder Menschen mit psychischen Erkrankungen. Wer die Medikamente oder Therapien nicht bezahlen kann, bleibt sich selbst überlassen. „Dazu kommt, dass internationale Pharmakonzerne die Lieferung bestimmter Medikamenten nach Griechenland gestoppt haben, weil die griechischen Krankenhäuser nicht mehr dafür zahlen können. Bestimmte Medikamente gibt es also einfach nicht mehr in Griechenland“.

Auch im Bildungsbereich seien die Kürzungen massiv. So seien im letzten Jahr 2.000 Schulen in Griechenland zusammengelegt oder geschlossen worden. In diesem Jahr sollen noch einmal 2.000 weitere Schulen geschlossen werden. „Eine Lehrerin erzählte uns, dass viele Kinder längst nicht mehr zur Schule gingen, weil der Schulweg inzwischen zu lang und das Fahrgeld nicht zu bezahlen sei. Das schlimmste aber ist der Hunger. Es gibt inzwischen zahlreiche Beispiele von Kindern, die während des Unterrichts vor Hunger in Ohnmacht fallen“, berichtet Eifler. „Da werden die Träume und Lebensentwürfe einer ganzen Generation von der Troika kaputt gespart“.

Die Not der Menschen sei so groß, dass sie anfangen, sich selbst zu organisieren. „In sogenannten Stadtteilkomitees organisieren sie Volksküchen. Sie organisieren Nachhilfe für die Kinder ihres Stadtviertels und errichten sogenannte medizinische Stützpunkte. Hier arbeiten Ärzte in ihrer Freizeit und stellen die medizinische Erstversorgung auch für Menschen ohne Krankenschutz sicher“. Für die junge Reisegruppe war es überaus interessant, zu sehen, wie am unteren Ende der Gesellschaft völlig neue, solidarische Strukturen entstehen. Mehr als 240 Stadtteilgruppen gibt es mittlerweile in Athen und täglich kommen neue dazu. „Wir waren zu Besuch bei dem Komitee ‚Solidarität für alle’. Eine Aktivistin sagte zu uns: ‚Du kannst entweder versuchen, mehr schlecht als recht zu überleben. Oder du versuchst Widerstand zu leisten. Wir haben uns für Widerstand entschieden und organisieren die Solidarität untereinander“.

Für die jungen überwiegend mittelhessischen Gewerkschafter ist klar, dass man die Augen vor den Nöten der griechischen Kollegen nicht verschließen dürfe, sondern die Stadtteilkomitees aktiv unterstützen müsse.
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