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"Der neue Bürgermeister muss seinen eigenen Weg gehen" - Ein Interview mit dem Gersthofer Bürgermeister Siegfried Deffner

Bürgermeister Deffner beim Bieranstich (Foto: Stadt Gersthofen)
 
Siegfried Deffner im Ballonmuseum (Foto: Stadt Gersthofen)
 
Neujahrsempfänger der Vereine 2007 (Foto: Stadt Gersthofen)

Seit vielen Jahren steht Gersthofen unter der politischen Führung von Bürgermeister Siegfried Deffner. Doch im Mai 2008 wird dieser seinen Abschied feiern und sich aus dem Bürgermeisteramt zurück ziehen. Grund genug für myheimat, sich mit ihm über das aktuelle Geschehen, seine politische Karriere, seine Nachfolger und seine Zukunftspläne zu Unterhalten.

myheimat: Herr Deffner, Sie sind nun seit dem Jahr 1984 erster Bürgermeister in der Stadt Gersthofen. Wie hat sich Gersthofen seit dem Beginn Ihrer Amtszeit wirtschaftlich entwickelt?
S. Deffner: Die wirtschaftliche Entwicklung während meiner Amtszeit ist außerordentlich erfreulich. Im Jahre 1984 gab es bei uns ca. 5.000 Beschäftigte, davon waren ca. 2.000 Arbeitnehmer bei der damaligen Hoechst AG tätig. Durch Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur und die offensive Ausweisung von Bauland hat sich die Zahl der Arbeitsplätze bis heute auf über 13.000 erhöht, die Zahl der Betriebe verdoppelt. Betrug die Gewerbesteuereinnahme noch 1984 knapp 10 Mio DM, beträgt sie heute mehr als 15 Mio EUR. Durch die Industriegebietausweisung hat sich die Krisenabhängigkeit der Stadt Gersthofen erheblich vermindert.

myheimat: Welche politischen Entwicklungen prägten in Gersthofen speziell das vergangene Jahr 2007?
S. Deffner: Mit das wichtigste Ereignis im Jahre 2007 war die Fertigstellung der Ortsumfahrung in Batzenhofen. Der Durchgangsverkehr in diesem Ortsteil hat sich dadurch von ca. 10.000 Fahrzeugen pro Tag auf etwa 1.000 vermindert, die Lebensqualität ist wesentlich besser geworden. Bedeutsam ist auch die Fertigstellung des Paul-Gerhardt-Hauses im Süden unserer Stadt. Nach der erforderlichen Schließung des Pflegeheims Sonnenhof in Batzenhofen ist nun die Gewähr dafür da, dass Pflegebedürftige ortsnah versorgt werden und dadurch von ihren Angehörigen regelmäßig besucht werden können. Beim Kindergarten St. Ulrich haben wir eine neue integrative Gruppe eröffnet. In dieser werden gleichermaßen behinderte und nicht behinderte Kinder pädagogisch betreut. Beim Güterverkehrszentrum im Städtedreieck Augsburg / Gersthofen / Neusäß, das unter der Federführung der Stadt Gersthofen entsteht, konnten wir im September 2007 mit den Erschließungsarbeiten beginnen. Die Grundstücksnachfrage bei diesem ökologisch für den Großraum äußerst wichtigen Projekt läuft sehr gut.

myheimat: Welche Themen sind für Gersthofen im Jahr 2008 von Bedeutung?
S. Deffner: Ich hoffe, dass wir im Jahre 2008 die Planungen für die Südumfahrung Hirblingens ein Stück weiter bringen werden. Leider gibt es hierbei durch unsinnige Anträge Widerstand. Abschließen werden wir im kommenden Jahr auch die Generalsanierung der im Eigentum der Stadt Gersthofen stehenden Kapelle St. Emmeram. Dieses Kleinod aus dem 17. Jahrhundert ist denkmalgeschützt, eines der schönsten Bauwerke in unserer Stadt und muss deshalb unbedingt erhalten bleiben. Für diese Aufgabe haben wir über 500.000 EUR eingesetzt. Weitergeführt werden soll im Jahre 2008 die Planung eines neuen Wohnbaugebietes nördlich der Thyssenstraße. Es ist richtig, dass wir zur Ideenfindung einen europaweiten Wettbewerb ausgeschrieben hatten. Da bei uns im Gegensatz zu anderen Orten die Zahl der Kinder immer noch zunimmt, werden wir eine weitere Kindergartengruppe im Elisabeth-Kindergarten einrichten.

myheimat: Klimaschutz ist die zentrale Aufgabe des 21. Jahrhunderts. Was können Sie auf kommunaler Ebene bewirken?
S. Deffner: Wichtige Aufgabe ist zunächst die Einsparung von Energie bei öffentlichen Gebäuden. Diese stammen teilweise aus den 70er Jahren, als Energie noch sehr günstig war. Umweltschonendster fossiler Energieträger ist Erdgas. In Zusammenarbeit mit der Erdgas Schwaben ist es gelungen, dass die allermeisten Gebäude bei uns an das Erdgasnetz angeschlossen sind. Bei der energetischen Sanierung unserer Gebäude werden wir mit der Hauptschule und der dazugehörigen Turnhalle anfangen. Nach und nach müssen auch die zahlreichen anderen städtischen Gebäude auf Energieeinsparungsmöglichkeiten geprüft werden. Ich persönlich bin der Meinung, dass die Nutzung von Geothermie künftig große Bedeutung bekommen wird. Aufgrund der riesigen Investitionskosten können solche Untersuchungen jedoch nicht von der Gemeinde geschultert werden, sondern sind Aufgabe der EVUs. Bereits Standard darüber hinaus ist es, dass zahlreiche öffentliche Gebäude durch Photovoltaikanlagen und Solaranlagen mit Energie gespeist werden.

myheimat: Welche speziellen Klimaschutzprojekte für den Gersthofer Raum existieren bereits und welche sind noch in Planung?
S. Deffner: Neben den genannten örtlichen Maßnahmen ist Klimaschutz zu vorerst eine nationale Aufgabe mit höchster Priorität. Sie muss national angegangen und finanziert werden. Reine Insellösungen bringen hier nichts. In meiner Funktion als Mitglied des Kreistags und des Bauausschusses des Landkreises habe ich mich in der Vergangenheit dafür eingesetzt, dass in der Realschule in Zusmarshausen und dem Schulzentrum in Neusäß Biomasseheizkraftwerke gebaut wurden bzw. gebaut werden.

myheimat: Vor einigen Jahren sorgten Sie mit ihrer „Gewinnauschüttung“ von 100 DM für jeden Gersthofer für Diskussionsstoff. Auch im letzten Jahr wurden Sie augrund Ihres „Büchergeldgeschenks“ kritisiert. Der Landtagsabgeordnete Dr. Linus Forster wirft Ihnen zum Beispiel vor, dass Ihre Handlung die Geschlossenheit der Kommunen gegen das Büchergeld zerstöre und das Konnexitätsprinzip untergrabe. Wie reagieren Sie auf derartige Vorwürfe?
S. Deffner: Die Kritik dieses Landtagsabgeordneten berührt mich überhaupt nicht. Er sollte sich besser auf Augsburger Angelegenheiten und Schwächen konzentrieren.
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Abschaffung des Büchergeldes durch Ministerpräsident Beckstein auch darauf zurückzuführen ist, dass neben der Stadt Burghausen auch die Stadt Gersthofen von der Einziehung des Büchergeldes, dieses bürokratischen Monstrums, abgesehen hat. Ich habe mich in dieser Angelegenheit im Übrigen in der Vergangenheit häufig mit dem jetzigen Ministerpräsidenten unterhalten und für meine Verhaltensweise Verständnis gefunden.

myheimat: Bei der nächsten Kommunalwahl 2008 treten Sie nicht mehr als Kandidat für das Bürgermeisteramt an. Wen wünschen Sie sich als Nachfolger für Gersthofen und warum?
S. Deffner: Als Bürgermeister bin ich natürlich in der Nachfolgefrage absolut neutral. Als Privatmann Deffner mache ich aber kein Hehl daraus und habe dies wiederholt erklärt, dass mein Wunschnachfolger der CSU-Kandidat Jürgen Schantin ist. Dieser erfüllt alle charakterlichen und fachlichen Voraussetzungen, um ein ausgezeichneter Bürgermeister für die Stadt Gersthofen zu werden. Ich wundere mich manchmal schon etwas, wer alles meint, die vielfältigen Aufgaben eines Bürgermeisters bewältigen zu können und sich zur Wahl stellt.

myheimat: Welche Ratschläge geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?
S. Deffner: Keine; der neue Bürgermeister muss seinen eigenen Weg gehen.

myheimat: Was würden Sie im Rückblick auf ihre Amtszeit anders oder besser machen?
S. Deffner: Gott sei Dank bin ich von gravierenden Fehlentscheidungen während meiner Amtszeit verschont geblieben. Alles was ich in der Vergangenheit getan habe, wurde von mir nach bestem Wissen und Gewissen entschieden. Erfolge oder Misserfolge während meiner Amtszeit mögen andere beurteilen.

myheimat: Haben Sie schon Pläne für die Zukunft nach dem Ablauf der Wahlperiode?
S. Deffner: Nach Eintritt in den Ruhestand am 1. Mai 2008 werde ich eine Auszeit von einem halben Jahr, ein sog. halbes „Sabbat-Jahr“ nehmen. Dies soll meiner Selbstfindung dienen. Mit meiner Familie werde ich im August drei Wochen nach China zu den olympischen Spielen fliegen und anschließend eine Chinarundreise machen. Nach dem „Sabbat-Jahr“ werde ich mich ohne Druck entscheiden, ob, was, wie viel ich arbeiten werde. In diesem Zusammenhang gibt es bereits einige sehr interessante Angebote.

myheimat: Was wünschen Sie sich und den Gersthofern für das Jahr 2008?
S. Deffner: Gesundheit, Frieden, Optimismus und Mut.

myheimat: Herr Deffner, vielen Dank für das Gespräch.
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