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Bewegte Zeiten für eine junge Stadt

Wolfgang Pepper, ehemaliger Oberbürgermeister der Patenstadt Augsburg, überreichte beim Festakt am 07. Juni 1969 an Gersthofens Bürgermeister Karl J. Weiß als Gastgeschenk eine Silberglocke für die Sitzungsleitung (Foto: Archiv Stadt Gersthofen)

Nach der Stadterhebung vor 50 Jahren entkam Gersthofen der Eingemeindung nach Augsburg nur knapp

Die Stadt Gersthofen richtet sich mit einem großen Festprogramm auf ein ausgiebiges Feiern ein. Anlass zum Jubilieren ist ein würdiges Erinnern an die Stadterhebung vor 50 Jahren. Auf dem Weg durch die fünf Jahrzehnte Stadtgeschichte ab dem Jahr 1969 befindet sich eine Vielzahl von Ereignissen.

Auch an ein weniger angenehmes Ereignis erinnert sich der langjährige Stadtrat Karl-Heinz Wagner. So waren die ersten Jahre der jungen Stadt keineswegs sorgenfrei. Das Damoklesschwert einer drohenden Eingemeindung nach Augsburg schwebte über den Köpfen der Stadt und ihren Bürgern. Auch die für das Gemeinwesen Verantwortlichen, voran der damalige Bürgermeister Karl J. Weiß, erlebten unter dem Reizwort „Gebietsreform“ eine nervenaufreibende Zeit. Die Feststellung in der Gersthofer Festhymne vom Jahr 1969, „Schicksal ward Dir Augsburgs Nähe“, wäre für Gersthofen fast bittere Wahrheit geworden.

Rückblickend weiß man, dass das Versprechen des damaligen Augsburger Oberbürgermeisters, Wolfgang Pepper, beim Festakt am 7. Juni 1969, die Stadt Augsburg sei ehrlich bereit, „das Eigenleben und die Eigenständigkeit der Nachbarn zu achten“, nur für die nächsten drei Jahre galt. Bereits 1972 verloren die Städte Göggingen und Haunstetten ihre Selbstständigkeit. Nur Gersthofen konnte sich gegen die Patenstadt Augsburg erfolgreich behaupten.

Der Traum von einem „Groß-Augsburg“ veranlasste Oberbürgermeister Pepper dazu, die Selbstständigkeit von 35 Gemeinden in Frage zu stellen. Augsburg sollte mit einem Bevölkerungszuwachs von 150.000 Einwohnern viereinhalbfach größer werden.

Die Stadt Augsburg wollte ihr jüngstes Patenkind Gersthofen zuerst ganz, dann zumindest teilweise in ihre große Stadtteilfamilie aufnehmen. Der Stadtentwicklungsplan des Münchner Professors Dr. Gottfried Müller sah Eingemeindungen in einer Entfernung von sieben Kilometern von Augsburg-Mitte aus gemessen vor. Die Eingemeindung von Gersthofen sprach das Gutachten „mindestens teilweise, wenn nicht ganz“ an. Der Vorschlag von Wolfgang Pepper zur Gebietsreform gegenüber der Regierung von Schwaben im Februar 1971, „die Grenzen im Norden und Nordwesten Augsburgs neu zu ordnen“, verursachte in Gersthofen große Empörung und regte sofort zu starkem Widerstand an.

Die Befürchtung des Verlustes der Selbstständigkeit veranlasste Bürgermeister Karl J. Weiß eilends zur Einberufung einer Sondersitzung des Stadtrates. Am 9. Februar 1971 gab es dann eine einmütige Bekundung des gesamten Stadtrates. Die Franktionsvorsitzenden Erich Schreiber für die SPD/HV-Fraktion und Markus Deffner für die CSU/FW-Fraktion verteidigten in Grundsatzreden mit größter Leidenschaft unter Herausstellung aller Vorteile für Gersthofen die Eigenständigkeit. Es wurde dabei auch gemutmaßt, dass im Falle einer Eingemeindung Gersthofen Augsburgs Nachholbedarf mitfinanzieren müsste. Es wurde auch davor gewarnt, dass man das in Generationen gewachsene, ausgeprägte Eigenleben im gesellschaftlichen und kulturellen Bereich in der „Zeit der heillosen Vermassung“ nicht zerschlagen darf. Bürgermeister Karl J. Weiß zeigte sich in der Sondersitzung dennoch zuversichtlich. Er berief sich dabei auf ein Gespräch mit Regierungspräsident Frank Sieder, der ihm gesagt habe, dass die Eingemeindung Gersthofens nach Augsburg indiskutabel sei.

Obwohl oder gerade weil die Karten noch nicht offen auf dem Tisch lagen, rief Karl. J. Weiß am Ende der Stadtratssondersitzung dazu auf, auch weiterhin in Sachen Eingemeindung auf der Hut zu bleiben. Das bewies die Gersthofer Bevölkerung dann in einer Bürgerversammlung am 26. Februar 1971. In der TSV-Turnhalle dokumentierten über 600 Bürger ihren Willen, die seit Juni 1969 junge, aufstrebende und leistungsfähige Stadt in ihrer bisherigen Form zu erhalten.

Erst gegen Ende des Jahres 1971 traute man sich aufgrund der noch immer vorhandenen Unsicherheiten in der noch nicht abgeschlossenen Gebietsreform der Stadt Gersthofen zur vorsichtigen Einschätzung, dass die Gefahr eines möglichen Verlustes der Selbständigkeit gebannt sei. Der steinige Weg war jedoch nicht restlos durchschritten. Vor allem die Bevölkerung von Gersthofen-Süd befürchtete noch längere Zeit, die Autobahn würde, so wie Augsburg es wünschte, als die natürliche Grenze angesehen. Letztlich wurde doch klar gegen die irrige Auffassung entschieden, nachdem zwischen Gersthofen-Süd und der Stadt Augsburg keine unmittelbare Verbindung bestehe. Erst mit der zwischen Augsburg und Gersthofen ab dem 1. Juli 1979 vereinbarten Grenzbegradigung waren damals die letzten Zweifel bezüglich der Eingemeindung beseitigt.

Zur Gersthofer Selbstständigkeit, so später eine Begründung, habe das Interesse von nördlich der Autobahn gelegenen Landkreisgemeinden im Zuge der Gebietsreform, mit Gersthofen eine Verwaltungsgemeinschaft einzugehen, eine nicht unwesentliche Rolle gespielt. Die Gemeinden Achsheim, Lützelburg, Gablingen, Batzenhofen, Rettenbergen, Edenbergen und Hirblingen waren damals im Jahr 1971 die interessierten Gemeinden. Die westlichen Stadtteile, Hirblingen – ab dem 1. Januar 1975 – sowie Batzenhofen, Edenbergen und Rettenbergen – ab dem 1. Januar 1978 – vollzogen dann auch freiwillig die Eingemeindung nach Gersthofen.

Text: Karl-Heinz Wagner (Stadtrat in Gersthofen seit 1972)
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