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Warum Kulturarbeit für Gersthofen ein verfassungsmäßiger Auftrag ist - Interview mit Kulturreferent Helmut Gieber über das Jahr 2012

Helmut Gieber vor seinem Arbeitsplatz - für das Gersthofer Jahrbuch zog er Bilanz über das kulturelle Leben 2012 in Gersthofen
 
Die CubaBoarischen begeistern seit fünf Jahren das Gersthofer Publikum und kommen jedes Jahr wieder
 
Die vier Musikerinnen von Salut Salon verbinden klassische Musik mit Entertainment (Foto: Thorsten Wingenfelder)
 
Das Highlight 2012 war Annett Louisans Auftritt
mh bayern: Wenn Sie auf das ablaufende Jahr zurückblicken: War 2012 ein erfolgreiches Jahr für die Stadthalle? Welche Veranstaltungen bzw. welches Genre fanden besonders großen Anklang und gibt es umgekehrt Aufführungen mit einer negativen Bilanz?

Helmut Gieber: Endgültige Zahlen liegen jetzt Ende November zwar noch nicht vor, aber unter dem Strich können wir auch 2012 mit der Auslastung und dem Publikumszuspruch sehr zufrieden sein. Ganz besonders hohen Anklang fand das Konzertangebot einschließlich der bis Mitte des Jahres angebotenen Konzerte des Philharmonischen Orchesters Augsburg. Unsere ohnehin erfreulich hohen Theater-Abonnentenzahlen haben in der zweiten Jahreshälfte einen weiteren Zuwachs erfahren. Etwas zurückgegangen ist leider das Interesse an unserem Kindertheaterangebot.

mh bayern: 2011 wurde die Kongresshalle in Augsburg umgebaut, viele Veranstaltungen fanden daher in Gersthofen statt und bescherten der Stadthalle ein Rekordjahr, allerdings wurden die Kapazitäten der Stadthalle damit fast überschritten. Ist die von Ihnen erwähnte „Gesundschrumpfung“ mit der Wiedereröffnung der Kongresshalle in diesem Jahr aufgetreten oder trauern Sie den Besucherströmen im letzten Jahr hinterher?

Helmut Gieber: Durch die Wiedereröffnung der Kongresshalle hat sich der rund eineinhalb Jahre andauernde Überdruck, der langfristig ohne Veränderungen der Betriebsstrukturen nicht zu bewältigen gewesen wäre, erwartungsgemäß wieder entspannt. Wir haben uns schon vor der temporären Schließung der Kongresshalle knapp 15 Jahre als erfolgreiches Veranstaltungszentrum behauptet und werden dies auch künftig tun. Die Zusammenarbeit mit dem Philharmonischen Orchester Augsburg mit seinem sympathischen Publikum hätten wir gerne fortgesetzt.

mh bayern: Die Finanzlage für die Stadthalle nach dem ersten Halbjahr 2012 war durchaus solide, das Defizit hält sich im Rahmen. Sie kündigten an, künftig verstärkt bei der Auswahl der Veranstaltungen dem Kulturauftrag Rechnung tragen zu wollen. Werden 2013 vermehrt kulturell anspruchsvollere Produktionen in der Stadthalle präsentiert?

Helmut Gieber: Die wirtschaftlichen Ergebnisse der Stadthalle sind über die Jahre gesehen im Vergleich zu vielen ähnlichen Einrichtungen in Bayern bzw. Deutschland mehr als wettbewerbsfähig. Selbstkritisch räume ich ein, dass ich als gelernter Diplom-Finanzwirt gerne zu einer sehr ergebnisorientierten, betriebswirtschaftlichen Betrachtung neige, was die Erfüllung eines gewissen kulturellen Auftrages durchaus behindern kann. Ich bin den Mitgliedern des Kulturausschusses dankbar, dass sie meinem Wunsch der reinen Kommerzialisierung des Programmangebotes zum Zwecke der Ergebnisoptimierung eine Absage erteilten und dies auch in der Bemessung und Gewichtung des Budgets Niederschlag fand.

mh bayern: Erstmals wurde für die Stadthalle eine Kosten-Leistungs-Rechnung aufgestellt. Kurz zusammengefasst: Wie ist diese ausgefallen und welche Schlüsse ziehen Sie daraus? Und - ganz provokant gefragt - macht sich Kultur bezahlt?

Helmut Gieber: Die Kosten-Leistungsrechnung (KLR) wurde für die Stadthalle in einem ca. anderthalbjährigen Pilotprojekt entwickelt. Die ersten Ergebnisse konnten dem Kulturausschuss im Halbjahresbericht präsentiert werden. Meine bisherigen, auf vereinfachten Deckungsbeitragsrechnungen beruhenden Aussagen und Einschätzungen wurden durch die KLR aussagekräftig und detailliert unterstrichen. Die wesentlichen Erkenntnisse lauten: 1. Stadthallen sind geborene Verlustbetriebe. 2. Unter Berücksichtigung der Ausrichtung der Gersthofer Halle zum einen als Kulturbetrieb und zum anderen als kommerzielles Veranstaltungszentrum werden sehr gute Ergebnisse erzielt und 3. der Teilbereich „eigenes Kulturprogramm“ ist nicht der vielleicht vermutete unverhältnismäßige Verlustbringer.

Ich wiederhole mich, aber der Wert von Kulturarbeit ist nicht allein über betriebswirtschaftliche Kennzahlen und in Euro und Cent zu messen. Kulturarbeit von Kommunen ist meines Erachtens nicht das Sahnehäubchen der freiwilligen Leistungen sondern, gerade bei finanzkräftigen Gemeinden verfassungsmäßiger Auftrag. Das Kulturamt und die Stadthalle werden den Kulturstaat Deutschland nicht alleine erhalten, aber wir können einen wertvollen Beitrag dazu leisten.

mh bayern: Zusammen mit den Gumboots Corroboration Dancers kam Michael Well in die Stadthalle. Lobende Worte fand er für Ihre Offenheit gegenüber diesem ungewöhnlichen Aufritt der bayerischen und afrikanischen Tänzer. Denn laut Well sei „die Risikobereitschaft beim Publikum in den letzten 30 Jahren gesunken.“ Teilen Sie Wells Meinung und wie fanden Sie den Auftritt?

Helmut Gieber: Die Einschätzung der zurückhaltenden „Risikobereitschaft“ des Publikums teile ich uneingeschränkt. Aber auch die bereits angesprochenen ökonomischen Zwänge führen bei den Veranstaltern zu einem Rückzug aus dem Bestreben Neues zu wagen. Dank des erfreulichen Zeichens aus dem Kulturausschuss werden wir künftig wieder verstärkt mit Produktionen wie den Gumboot Dancern dem städtischen Kulturauftrag Rechnung tragen. Alle Beteiligten, von den Gästen aus Südafrika, den Well-Kindern bis hin zu unseren „eingebauten“ Goaßlschnoizern und Tänzern des Volks- und Trachtenvereins Gersthofen hatten alle Mitwirkenden und Besucher riesigen Spaß an dieser kulturellen Begegnung der besonderen Art.


mh bayern: Viel Lärm um nichts? Laute Veranstaltungen wird es wohl künftig nach 22 Uhr aufgrund von Anwohnerbeschwerden auf der Freilichtbühne Augsburg nicht mehr geben. Der Veranstalter Hello Concerts will künftig auf das Umland ausweichen und zieht auch Gersthofen in Betracht. Gibt es schon konkrete Pläne?

Helmut Gieber: Der Rathausplatz Gersthofen ist eine nicht ganz uninteressante Location für Open-Air-Veranstaltungen. Jedoch gelten auch hier die gesetzlichen Bestimmungen in Bezug auf Häufigkeit und Lärmrichtwerte. Im Rahmen dieser Vorgaben prüfen wir auch hier interessante Möglichkeiten und halten Kontakt zu entsprechenden Anbietern, z.B. zu Hello Concerts aus Augsburg.

mh bayern: Die Stadtbibliothek Gersthofen feierte in diesem Jahr ihr 75-jähriges Bestehen. Welcher Stellenwert nimmt das Buch als Medium in unserer heutigen Zeit Ihrer Meinung nach ein? Sind Gersthofens Bürger belesen und lesen Sie persönlich selbst gerne?

Helmut Gieber: Obwohl wir seit kurzer Zeit erfolgreich die sogenannte Onleihe anbieten, ziehe ich als haptischer Mensch nach wie vor das gedruckte Buch dem E-Book oder dem iPad vor. Meine Lebenspartnerin, eine Vielleserin, versorgt mich regelmäßig mit „Stoff“ aus der Bibliothek. Gerade habe ich den „Zahir“ von Paulo Coelho gelesen. Ich denke, dass die Gersthofer Bürger mit dem hervorragenden Angebot „ihrer“ Bibliothek sehr zufrieden sind und davon regen Gebrauch machen, was die in den vergangenen Jahren stetig steigenden Ausleihzahlen eindrucksvoll beweisen.

mh bayern: Das Ballonmuseum verzeichnete im ersten Halbjahr 2012 rund 30 Prozent weniger Besucher als im gleichen Zeitraum 2011. Gibt es dafür Gründe?

Helmut Gieber: Ohne attraktive Sonderveranstaltungen ist es schwer die gelegte Messlatte von rund 10.000 Besuchern pro Jahr zu erreichen. Im zweiten Halbjahr fanden wieder die mittlerweile traditionellen Kinderkulturtage statt. Auch das sehr ansprechende Programm zum 75. der Bibliothek im Ballonmuseum wurde insgesamt rege besucht, so dass wir auch 2012 die gesetzte Marke erreichen werden. Für 2013 ist die Beteiligung an der großen Paul-Klee-Ausstellung in Augsburg mit einem eigenen Beitrag geplant.

mh bayern: Auch außerhalb der Stadthalle war (kulturell) viel geboten in Gersthofen: Oldtimer-Rallye durch den Landkreis mit Endstation in Gersthofen, die zweite Auflage von Kulturina, das Bezirksmusikfest in Hirblingen, 75 Jahre Stadtbibliothek Gersthofen mit Lesungen namhafter Autoren…. Welche der genannten Veranstaltungen hat Ihnen am besten gefallen und warum?

Helmut Gieber: Bei Oldtimer-Rallye und Programm Stadtbibliothek waren wir selbst Veranstalter, insoweit bin ich hier befangen. Kulturina hat in seiner zweiten Auflage bewiesen, dass der Ersterfolg von 2011keine Eintagsfliege war. Respekt und Anerkennung für die Mannschaft der Kulturina-Macher. Und was die Hirblinger beim Bezirksmusikfest anlässlich des 50. Geburtstags der Schwäbischen Trachtenkapelle auf die Beine gestellt haben, verdient besondere Anerkennung.

mh bayern: Ihr Amt als Projektleiterin des Kunstpreises legte Susanne Niemann Anfang des Jahres nieder. Steht ihr Nachfolger bereits fest und gibt es durch die personelle Veränderung auch andere Erneuerungen?

Helmut Gieber: Mit dem Wechsel des Kooperationspartners von der Kreissparkasse zur VR Bank Handels- und Gewerbebank wurden die organisatorischen Aufgaben für den Kunstpreis beim Kulturamt gebündelt. Für den Kunstpreis Musik im Jahr 2013 konnten wir als Berater und voraussichtlich auch als Jury-Mitglied Herrn Prof. Christian Pyhrr, den ehemaligen Leiter des Leopold-Mozart-Konservatoriums Augsburg gewinnen. Auch der Leiter der Gersthofer Musikschule, Herr Kraus, ist mit im Boot. Weitere Unterstützung des Kunstpreises der Stadt erfahren wir durch den örtlichen Kulturkreis, vertreten durch Frau Öttl und Herrn Utz. Neu war beim Kunstpreis –Bildende Kunst 2011 – der erstmals vergebene Publikumspreis, bei der jeder seine persönliche Wertung vornehmen konnte.

Der VR Bank Handels- und Gewerbebank danken wir ganz besonders für die Aufstockung des Preisgeldes für den Kunstpreis Musik auf 3.500,- Euro und die Vergabe eines zusätzlichen Sonderpreises von 500 Euro.

mh bayern: Die Stadtmitteentwicklung in Gersthofen ist nach wie vor ein „heißes“ Thema. Im November stellten fünf Planungsbüros ihre Vorschläge zur neuen Gersthofer Mitte aus. Gibt es einen Entwurf, der Ihnen aus Sicht des Kulturamtsleiters besonders zusagt?

Helmut Gieber: Als verbeamteter Kulturamtsleiter halte ich mich mit einer öffentlichen Wertung bedeckt.
Persönlich freue ich mich sehr über den Erhalt der Strasser-Villa im Zentrum der Stadt. Gerne würden wir die Villa auch künftig als Kulturamt nutzen. Auch als Symbol dafür, dass Kulturarbeit in Gersthofen nicht am Rande, sondern im Mittelpunkt steht.

mh bayern: Herr Gieber, vielen Dank für das Interview.

Fotos: Stadt Gersthofen
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Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Stadtmagazin gersthofer | Erschienen am 19.12.2012
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