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Figaro legt die Schere weg

Der Abschied fällt schwer
 
Von links: Carina Zettl, Claudia Ammon und Christa Schmidmeir verschönern Gerhard Schmidmeir
Es ist ein kleiner unscheinbarer Friseurladen an der Ecke Bauernstraße/Schiller- Straße in Gersthofen. Ein Betrieb, der seit 60 Jahren sich in der Welt der Gersthofer Haarkünstler behauptet hat. Im Jahr 1950 vom damaligen Inhaber Raut gegründet, übernahm Friseurmeister Gerhard Schmidmeir am 1. April 1971 den Betrieb. Die Geschäftslage war nicht die beste; trotzdem entwickelte sich Salon „Die Frisur“ zu einer guten Adresse. Schmidmeir, samt Ehefrau Christa und Mitarbeiterinnen, verschönerten mit Kamm und Schere viele Gersthofer Bürger(innen), die sich beim abschließenden Blick in den Spiegel über ein „passables“ Konterfei freuten. Es gab keine spektakulären „Events“ zu verzeichnen, auch fanden keine „Promis“ den Weg zu ihm. Schmidmeir nannte sich schlicht und einfach „Friseur“ und überzeugte seine Kundschaft durch gute, solide Arbeit. Auch der myheimat-Mann wusste seine Kunst zu schätzen, begleitet von anregenden Gesprächen.

Nun heißt es taggenau nach 50 Berufsjahren Abschied zu nehmen. „Mit 64 Jahren ist es an der Zeit, den Betrieb in jüngere Hände zu legen“, stellt Schmidmeir nüchtern fest. Doch der Schein trügt. „Mein Herz blutet“, erklärt er offen. Der Laden war -neben Familie- sein Leben. Es gab zwischen Chef und den zwei Friseusen, Simone und Brigitte, ein fast familiäres Verhältnis. Ehefrau Christa bestätigt dies: „wir lebten mit unseren Personal mit. Höhen und Tiefen wurden gemeinsam getragen.“ Aber auch seine Kunden fanden bei ihm ein offenes Ohr für persönliche Angelegenheiten, ohne Gefahr zu laufen, dass diese ausgeplaudert werden. Er musste ein bisschen „Seelenklempner“ spielen. „Das geht aber nur wenn man die Menschen mag“, verrät Schmidmeir. Dieses „Menschen mögen“ zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Beinhaltet aber auch, das Zeitgeschehen mitzuverfolgen, um mit den Kunden „über Gott und die Welt“ reden zu können – falls gewünscht.

Zeitgeschehen. Wie war das in der „guten alten Zeit“ vor ca. 50 Jahren? War sie wirklich so gut? Der Friseurmeister erinnert sich. Die Barbiere trugen einen weißen Mantel und hatten so fast ein medizinisches Flair an sich. Kleine Kinder hatten oft Horror vor dem Haareschneiden – manchmal zurecht, wenn sie infolge Nichtstillhaltens gezwickt wurden. Telefonische Voranmeldung gab es nicht; man ging einfach in den Laden und gesellte sich zu den bereits Wartenden. Ein abgegriffener Lesezirkel verkürzte die Wartezeit. Haarpflege geschah meist mittels Fasson-Schnitt. Es gab nur wenige experementierfreudige Kunden. Weihnachten und Ostern kündigten sich mit einem Run auf die Friseurgeschäfte an; es war schon fast Christenpflicht mit einer „anständigen“ Friseur in die Kirche zu gehen.

Und heute? Die Jugend ist mehr modebewusst, anspruchsvoll und verfolgt die neuesten Trends. Die Konkurrenz ist größer geworden. Gab's früher nur einige Friseursalons in Gersthofen, so sind es heute ca. 20 Geschäfte Hat er früher schon mal ans Aufhören gedacht, z. B. infolge starken Konkurrenzdrucks? „Nein, niemals“ erklärt er bestimmt. „Ich konnte mich auf meine Stammkundschaft verlassen“. Und: „Ich würde jederzeit wieder diesen Beruf ergreifen, bin mit Leib und Seele Friseur.“

Ein Beruf, der auch etliches abverlangt. Eine 50-Stundenwoche ist keine Seltenheit. Dazu die Verantwortung für die Mitarbeiter, vertraut machen mit neuen Trends, individuelle Kundenberatung lassen keinen 8-Stunden Arbeitstag zu. Trotzdem fand Schmidmeir noch Zeit für seine ehrenamtliche Tätigkeit als BRK-Sanitäter. Seit 35 Jahren ist er dabei um zu helfen. Passt gut zur Einstellung „man muss die Menschen mögen“. In den letzten Jahren hat er seine Einsätze etwas verringert. „Ich werde älter und brauche mehr Zeit für mich“, begründet er. Trotzdem -und immer noch- ist er den Besuchern der Stadthalle Gersthofen ein vertrautes Gesicht; sie können auf ihn rechnen bei plötzlich auftretenden gesundheitlichen Beschwerden. Bei dieser Gelegenheit erfährt der myheimat-Mann, dass Friseurmeister einen 1. Hilfe-Kurs nachweisen müssen.

Schmidmeir nahm sich viel Zeit und Mühe, einen entsprechenden Nachfolger für sein Geschäft zu finden. „Das bin ich meinen Kunden schuldig“. Die „Neue“ heißt Claudia Ammon und bringt viel Jahre Erfahrung mit; sie wurde groß im Friseursalon ihrer Mutter. Sie wird unterstützt von Carina Zettl, die ebenfalls am 1. September beginnt. Wird der Ruheständler noch ein Auge auf sein Geschäft werfen? „Ich lasse die Finger davon“, lautet die bestimmte Antwort. Aber die Hände in den Schoss zu liegen ist nicht sein Ding. Er freut sich auf das „Erfahren“ des Landkreises Aichach-Friedberg mit Ehefrau Christa per Fahrrad. Später wird er vielleicht seine Radtouren auf ganz Bayern und weiter ausdehnen. Daneben will er sich mehr der Literatur widmen, darunter auch solcher philosophischer Art. Für einen Mann, der sich auf den Tag mit einem Bibelspruch einstimmt, eine Hilfe für sein Lebensmotto „die Menschen zu mögen“. Und dann gibt es noch drei Enkel, die sich auf den Opa in Anwalting freuen.

Das Interview geht dem Ende zu, die Arbeit ruft. Es werden noch einige Fotos gemacht, dann verabschiedet sich der Pressemann von Schmidmeir. Die Stimmung ist etwas bedrückt, man merkt, wie schwer es ihm fällt, sich von seinem Geschäft zu trennen. Bevor er geht, ist dem Pressemann noch eine Frage eingefallen. Nicht nur ihn, sondern viele andere Männer wird sie interessieren. Hat der Friseur einen Geheimtipp gegen lichter werdendes Haar? Immerhin ist er haarmäßig noch „gut drauf“. Nein, hat er nicht. Haarausfall sei zumeist genetisch oder hormonell bedingt. Hier könne vielleicht der Arzt helfen. Der Pressemann ist skeptisch: er denkt an seinen Hausarzt, dessen Haare der blanken Kopfhaut gewichen sind. Ist das nicht zum Haare raufen – sofern noch vorhanden?
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Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Stadtmagazin gersthofer | Erschienen am 24.09.2010
2 Kommentare
9.302
Hans-Christoph Nahrgang aus Kirchhain | 09.09.2010 | 19:14  
4.735
Gerhard Fritsch aus Gersthofen | 09.09.2010 | 19:52  
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