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„Heute ist bereits Reflexion politisch“ – Ein Interview mit Die Türen

Die Türen
 
Die Türen
 
Die Türen im Konzert
 
Die Türen im Konzert
 
Die Türen beim Konzert in München
„DGB-Sound“, „Hier rockt das Prekariat“, „Manifest“. Über kaum eine andere deutsche Band werden heute so viele politische Schlagworte ausgeschüttet wie über Die Türen. Aber wie sehen sich Die Türen selbst? Warten sie mit einem neuen politischen Manifest auf? Sind sie die Stimme der Unterdrückten? Oder stillen sie nur die Sehnsucht der deutschen Presselandschaft nach mehr Politik im deutschen Pop? Sänger Maurice Summen und Bassist Ramin Bijan standen vor ihrem Konzert in München Rede und Antwort.

Der Spiegel hat über Euch geschrieben „Hier rockt das Prekariat“. Nun ist Prekariat ein sehr politisch besetzter Begriff. Fühlt Ihr Euch dem Prekariat zugehörig?
Maurice Summen: Ich denke, dass sich die Schreiber vielleicht selbst in der Prekariatsrolle wieder gefunden haben, denn der freie Schreiber muss ja auch aufs Zeilenhonorar schauen. Wir fühlen uns aber letztlich nicht mehr in der Rolle der kulturell direkt ausgebeuteten Praktikanten, sondern eher in der sich selbst ausbeutenden, wenn es darum geht, dass die Arbeit, die man macht, nicht bezahlt wird. Interessant wird es aber dann, wenn es zu einem Thema auf einer Platte und damit auch zum Produkt wird. Dann ist es schon wieder Kunst und auch schon wieder spannend.
Ihr beschäftigt Euch ja mit dem Spannungsverhältnis zwischen den Lebensbereichen Freizeit und Arbeit, wie ihr selber sagt. Das ist eigentlich ein sehr sozialdemokratisches Thema.
Maurice Summen: Das stimmt. Wir sind ja aber keine Politiker, sondern bringen nur ein Lebensgefühl rüber. Wir legen keinen Masterplan vor, wie die Gesellschaft sich zu verändern hat. Wir haben natürlich, wie viele andere Menschen auch, Ideen, was man ändern könnte, aber die sind auf der Platte eigentlich gar nicht drauf.
Der einzige wirkliche Protestslogan auf der Platte ist „Die Könige zu stürzen, wäre das nächste große Ding...“
Maurice Summen: Ja, das ist eine Kampfansage bzw. wäre eine Kampfansage. Denn die Zeile lautet ja „Die Könige zu stürzen, wäre das nächste große Ding“. Aber aus der eigenen Lebenserfahrung heraus gesehen, ist es das ja nie. Aber vielleicht wäre es das eigentlich immer gewesen.
Im Spiegel wurde Eure Musik auch „DGB-Sound“ genannt. Es gibt wohl im Moment nichts unsexieres als Gewerkschaften. Damit kann man niemanden mehr hinterm Ofen hervorlocken.
Maurice Summer: (lacht) Das stimmt auf jeden Fall. Aber das finden wir auch ganz sympathisch, weil wir auch nicht die hipsten musikalischen Verwalter sind. Wir fanden das ganz amüsant. Es ist aber ein Missverständnis, denn wir stellen uns ja nicht hin und fordern Lohnarbeit für alle. Die Idee an sich finde ich sowieso nicht sehr reizvoll. Die Formen der Lohnarbeit können sehr schnell öde und trist sein.
Dann bleiben wir mal bei politischen Fragen: Was haltet Ihr denn von einem bedingungslosen Grundeinkommen?
Maurice Summen: Könnte ich mir im ersten Moment vorstellen.
Man könnte auch den Song „Ehrliche Arbeit“ für ein Plädoyer für ein Grundeinkommen sehen.
Maurice Summen: Ja, im Grunde schon.
Das Dilemma der Gewerkschaften ist ja, dass es aufgrund der immer weiter fortschreitenden Individualisierung schwer wird Leute hinter sich zu scharen. Nun wurde über Euch geschrieben, dass Ihr eine Band seid, die nirgendwo dazu gehört, sondern wenn, dann nur zu ihrem eigenen Projekt. Das klingt auch sehr individuell.
Maurice Summen: Das stimmt insofern, dass unser eigenes Projekt ein Pool ist, in den alles einfließt. Dadurch, dass wir keiner anderen Gemeinschaft explizit angehören außer den „Türen“ und unser eigenes Label haben und uns selbst produzieren, haben wir eine Unabhängigkeit, die uns – um es mal ein bisschen abgeschmackt zu sagen – so „open minded“ sein lassen kann, wie es gerade geht. Würden wir uns irgendwo zugehörig fühlen, dann würden wir uns sofort verschließen. Ich glaube wir sind alle Typen, die nicht sehr ignorant sind. Und wenn wir ignorant sind, dann ist es eine Masche, bei der wir versuchen der Ignoranz mal als Idee etwas nachzukommen. Aber im Prinzip versuchen wir möglichst offen zu sein und lassen das in die Texte und Musik einfließen. Deswegen auch das Genre-Hopping und die fehlenden Berührungsängste vor schlageresken Harmonien oder die Angst, dass die Lieder sich nach Garagenrock und Punk anhören. Alles andere wäre zu engstirnig.
Fühlt Ihr Euch dann als Sprachrohr für irgendjemanden oder nur für Euch selbst und eure Lebensumstände.
Ramin Bijan: Um ein Sprachrohr zu sein, muss ja auch ein Inhalt vermittelt werden. Dadurch, dass wir aber nichts Ideologisches mit an Bord haben und kein Parteiprogramm, sind wir auch kein Sprachrohr. Wir schauen nur in diesen dunklen Tunnel, in dem man sich selbst immer sieht, aber wir wissen nicht, wen oder ob das irgendjemanden interessiert.
Maurice Summen: Deswegen bewegen wir uns auch in der Kunstform der Musik. In der Musik geht es ja in erster Linie um Emotionen und um ein Lebensgefühl. Uns geht es vor allem darum ein Lebensgefühl rüberzubringen. Mir ist es persönlich wichtig, dass man keine Angst vor Dingen hat, die einem Angst machen sollen. Das klingt vielleicht jetzt etwas verschwörungstheoretisch, aber wir wollen, dass man dem Schreckgespenst der Arbeitslosigkeit und dem Druck, dem man ausgesetzt ist, etwas gelassener begegnet, um in seinen Entscheidungen nicht so verkrampft zu sein. Viele Menschen landen nach vielen Jahren im totalen Irrgarten und in einer Lebenssituation, die sie gar nicht entworfen haben. Sie haben sich an ganz entscheidenden Kreuzungen immer für das Falsche entschieden, weil immer so eine große Drucksituation herrschte. Ich fände es wichtig, dem ganzen Leben mit einer gewissen Gelassenheit und auch mit Humor zu begegnen. Es stellt sich natürlich die Frage, ob man Humor auf dem Arbeitsamt finden kann, denn das ist ja schon kafkaesker Wahnsinn dort. Aber obwohl es dort zu geht wie bei Kafka, kann man Menschen damit immer wieder Angst machen. Diesem Angst-Film versuche ich mich einfach zu verweigern. Ich mag den Gedanken ganz gerne, dass dann beispielsweise Inspektor Clouseau durch das geistige Bild hüpft oder mir vielleicht sogar als mein Arbeitsberater oder –manager, oder wie man das nennt, gegenüber sitzt. Nur so als Bild. Wir spielen gerne mit dem Absurden. Denn teilweise ist das alles ja auch eine große Farce.
Die Platte ist ja sehr deutsch und dreht sich u. a. um das typisch deutsche Angstthema der Arbeitslosigkeit. Habt ihr auch globale Themen im Auge?
Maurice Summen: Auf unserer Platte „Unterwegs mit Mother Earth“ hatten wir globalere Themen behandelt. Das sagt ja schon der Titel der Platte. Dieses Mal stand irgendwie das Dörfliche im Vordergrund. Deshalb gibt es ja auch am Schluss noch das Stück „Indie Stadt“. Das Dörfliche habe ich absurderweise am greifbarsten in Berlin erfahren. Eigentlich komme ich ja aus einem Dorf, aber trotzdem ist mir die ganze dörfliche Struktur und wie das so zusammenhängt zum ersten Mal in Berlin richtig bewusst geworden. Die Platte könnte theoretisch auch in einem 200-Seelen-Dorf spielen. Die Ängste sind in diesem Dorf im Vergleich zu den globalen Ängsten vielleicht recht klein. Aber das ist ja auch der Grund warum wir diesen Problemen mit Humor begegnen können. Wir wissen, dass das gar nicht die eigentlichen Probleme sind, sondern hinter denen liegen noch komplexere Probleme. Ja fast schon Problemaggregate.
Eine Lösung wäre also den Problemen mit einer Prise Humor zu begegnen, um den Menschen ein bisschen vom alltäglichen Druck zu nehmen...
Maurice Summen: ...und natürlich ein Stück weit uns selbst. Wenn man das dann in die Welt posaunt, indem man es textlich verdichtet und eine passende Komposition dazu findet, dann hofft man natürlich, dass man das Lebensgefühl auch transportieren kann. Das ist das, was die Musik will und auch kann.
Wenn man über Euch liest, dann werdet Ihr als die politische Band bezeichnet. Könnt Ihr mit dem Prädikat „Politische Band“ leben?
Maurice Summen: Wenn man eine politische Band im Sinne von anarchistisch versteht, dann könnte ich damit leben. Wenn man es aber im eigentlichen Sinne versteht, dann müsste ich mich ja politisch definieren und einer bestimmten Strömung zugehören. Dazu ist mir die Situation in der Politik zu durcheinander. Denn ich finde im Moment dort draußen – sei es in den Feuilletons oder sonstigen Medien – keine Idee, hinter die ich mich stellen könnte. Selbst innerhalb unserer kleinen Gruppe stehen wir mit verschiedenen Meinungen da. Deshalb könnte ich mich jetzt nicht hinstellen und den Menschen ein politisches Konzept verkaufen.
Aber Ihr werdet nun mal als politische Band gesehen.
Maurice Summen: Lustigerweise hat sich durch dieses Label „DGB-Sound“ auch schon der Deutsche Gewerkschaftsbund gemeldet und angefragt, ob wir nicht bei einer Kundgebung gemeinsam mit Konstantin Wecker spielen wollen. Ich finde das merkwürdig, denn wir sind eigentlich sehr anarchistisch im Sprachwitz und in der Durcheinanderbringung von Codes. Wenn unsere Musik den Menschen für ihr eigenes Leben etwas gibt und sie meinen, dass sie in ihre eigene politische Ideologie oder zu ihrem politischen Soundtrack passt, dann können sie sie gerne annehmen. Es kann von mir aus aber auch beim Kaminabend mit Rotwein sein.
Können sich Die Türen dann vorstellen bei Wahlkampfkundgebungen zu spielen? Ton, Steine, Scherben haben zum Beispiel Wahlkampf für Die Grünen gemacht.
Ramin Bijan: Es gibt sicher Bands, für die das in Frage käme, aber momentan geht bei uns eher die Tendenz dahin, das nicht zu machen, weil es für uns gar keinen Sinn machen würde. Vermutlich würden wir uns während des Konzerts die ganze Zeit fragen, was wir hier tun. Das denke ich ja jetzt schon. Insofern glaube ich nicht, dass man sich vor irgendeinen politischen Karren spannen lassen sollte. Es macht auch deshalb keinen Sinn, weil ich bei uns auch überhaupt nichts Politisches raushöre. Wer aus unseren soziologischen Beobachtungen etwas Politisches ableiten will, der ist herzlich dazu eingeladen, aber da ist nichts Politisches drin. Wir haben keine Ideologie, die wir vertreten, sondern wir haben nur unser Leben und beobachten das. Wir geben das wieder und stellen fest, dass nebenan das vielleicht ähnlich gesehen wird.
Maurice Summen: Mir fällt zudem auf, dass auch in den politischen Diskursen Ideologie oft leider Mangelware ist. Wir spiegeln das ja nur. Auf einmal sagt dann jeder, dass das total politisch sei.
Ramin Bijan: Mit anderen Worten: Heute ist bereits Reflexion schon politisch.
Wenn man aber über Euch Berichte liest, dann fallen Marx-Begriffe en masse...
Ramin Bijan: ...das liegt auch daran, dass sich Marx sehr viel mit Arbeit beschäftigt hat.
Maurice Summen: Lustig war beim Entstehungsprozess der Platte, dass wir das Thema Arbeit einfach so haben reinfließen lassen. Das hat sich irgendwie so aufgedrängt und wir haben uns dem auch nicht verschlossen. Plötzlich fiel dann immer wieder das Wort „Arbeit“. Wir hätten auch Synonyme finden oder das anders textlich lösen können, aber diese ständige Wiederholung hat dann auch irgendwie Spaß gemacht. Scheinbar muss man nur über Arbeit singen und schon gehen die Fäuste hoch.
Ramin Bijan: Ich finde, dass das auch nichts in der Poplandschaft zu suchen hat. Mir ist nichts mehr zuwider als essentielle Problematiken der Gesellschaft und der Menschheit in dieser klassischen Popschleife zu vermarkten.
Maurice Summen: Da fällt mir zum Beispiel der G8-Gipfel ein...
Ramin Bijan: ...da wird einem richtig schlecht.
Maurice Summen: Diese demokratisierte Gegenbewegung oder Vernunftsbühne wenn man so will, die fand ich schon immer merkwürdig.
Ihr hättet da also nicht gespielt.
Maurice Summen: Nein, auf keinen Fall! Das kann man so nicht so bringen.
Ramin Bijan: Das Problem ist – wie, glaube ich, auch schon Adorno gesagt hat – dass, wenn ein Protestsong am Lagerfeuer gespielt wird, dadurch nichts anderes passiert, als, dass die Kritik dadurch wieder vermarktbar gemacht wird. Und dadurch zerstörst du sie. Pop ist einfach nur Pop. Das höchste, was man machen darf, ist beobachten.
Maurice Summen: Man darf natürlich auch erleben. Nimm beispielsweise den Blues. Dessen Themen, keine Arbeit, keine Kohle, ich weiß nicht, wie ich die Miete zahlen soll, ist so ein alter Schuh. Bei uns wird das jetzt als total neu hochgejazzt, obwohl wir eigentlich über nichts anderes singen. Das zeigt für mich wie Popkultur in Deutschland funktioniert. Es gibt eben sehr viele Analphabeten.
Aber wie geht man als Band damit um? Nimmt man die Welle, die einen trägt gerne an und reitet auf ihr?
Ramin Bijan: Man kann sich dem nicht verschließen, denn ansonsten würden wir auch dieses Interview jetzt nicht geben. Aber wir leben ja nicht von irgendeiner Mainstreamwelle. Wir sind so was von abseits vom Mainstream.
Maurice Summen: Man darf aber auch nicht vergessen, dass man als Band auch erst einmal sein Programm abfahren muss. Man bringt ne Platte raus, spricht mit Leuten und geht auf Tour. Und dann wird es interessant, zu sehen, was live passiert und wie die Leute das verstehen. Oft verstehen sie das einfach durch eine Haltung, die man auf der Bühne einnimmt auch anders, als wenn die Leute sich das in der gewohnten Umgebung anhören. Das ist spannend zu sehen, wie das mit den Leuten live funktioniert. Im Moment ist das schwer zu sagen, denn wir sind ja gerade erst beim fünften oder sechsten Gig.
Funktioniert Euer Songwriting immer noch wie früher, d. h. ihr trefft euch, redet über das was so geschehen ist und schreibt die Texte und Musik gemeinsam.
Ramin Bijan: Früher war es schon sehr konstruiert, weil wir so herangegangen sind, dass wir Texte extra zerstückelt haben. Wir haben zu dritt simultan an den Texten geschrieben über ein Thema, zu dem wir vorher wie durch einen Trichter gekommen sind und haben das dann zerstückelt und dann wieder dadaistisch zusammengesetzt. Inzwischen ist es so, dass viele Texte von einer Person alleine geschrieben wurden. Maurice hat zum Beispiel viele Textanteile. Die sind aber nie komplett. Da fehlt dann zum Beispiel eine Strophe, die man dann zusammen macht oder man verändert gemeinsam ein paar Sätze an einem Text. Im Großen und Ganzen ist es aber immer noch ein recht demokratischer Prozess. Es ist nicht so, dass einer die Texte vorgibt und dann ist da nicht mehr daran zu rütteln.

Interview: Leo Maier und Sven Mesch
Bilder: Pressephotos Die Türen, Leo Maier und Sven Mesch

Das komplette Album "Popo" als Stream kann man hören auf: http://www.staatsakt.com/tueren/

Die Türen auf MySpace: http://www.myspace.com/dietueren

"Hier rockt das Prekariat" auf Spiegel Online: http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,518609,0...

Ein Streitgespräch zwischen Maurice Summen und Dieter Gorny in Die Zeit: http://www.zeit.de/2008/41/Popmusiker

Musikvideo: Im Norden ist der Süden am schönsten



Musikvideo: Drinnen ist wie draußen



Die Türen auf watch berlin



Musikvideo: Das Ende der Woche
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M Huber aus Augsburg | 07.01.2008 | 10:08  
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