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Erinnerung an die Nachkriegszeit

Elternhaus
Ich bin in einem kleinen bäuerlichen Betrieb aufgewachsen. (siehe Anlage)

Der Leser wird sich fragen, warum eine Begebenheit nach einem Ablauf von Jahrzehnten so wichtig erscheint, hierüber zu berichten.

Ich bin noch der einzige lebende Beteiligte, der in einem Alter von 8 Jahren dieses Geschehen "hautnah" miterleben mußte. Es hat mich zeitlebens immer beschäftigt, dieses für mich noch einmal aufzuarbeiten.

An einem Herbsttag im November 1947 um 19.30 Uhr, alle Familienmitglieder waren in der Wohnstube versammelt. Es klopfte laut an der Haustür. Alle hatten die Anweisung, vor Öffnung nach dem Namen zu fragen. Statt einer Antwort wurde lautstark auf Einlaß gedrängt.

Nach meiner Rückversicherung beim Vater stimmte er zu, und ich öffnete.
Eine Vielzahl von Männern stürmte ins Haus.

Begründung des "Wortführers": Dieses ist eine Hausdurchsuchung, sie haben "schwarz geschlachtet".

Dem Vorwurf der "Schwarzschlachtung" wurde zwar wahrheitsgemäß widersprochen, hat aber den Ablauf des geplanten Vorhabens der Eindringlinge nicht stoppen können.

Zu dieser Zeit wohnten ca 20 Personen im Haus. Alle, die noch "auf waren" wurden mit Nachdruck aufgefordert, sich in unserer Wohnstube zu versammeln.
Vor der Tür der Personen, die sich bereits ins Bett begeben hatten, wurden Aufpasser postiert.

Die "Durchsuchung" begann!

a) Die im Erdgeschoß befindlichen Kleider- u. Wäscheschränke wurden leergeräumt. b) Mitgenommen wurden alle Fahrräder, die auf dem Flur abgestellt waren.
c) Jetzt das Grausamste: Die meisten der im Stall befindlichen Schweine wurden mit
Äxten erschlagen.

Nicht verendete Tiere wurden, wahrscheinlich aus Zeitnot, schwer verletzt ihrem Schicksal überlassen. Der informierte Dorfschlachter nahm in der Nacht noch eine "Notschlachtung" vor und erlöste die Schweine von ihren Qualen.

Positiv ist zu erwähnen:
Alle Hausbewohner haben sich entsprechend der Situation ruhig verhalten. So hatten die Täter auch keine Veranlassung, aggresiv zu reagieren. Es gab keine Verletzten und geschossen wurde auch nicht.

Nach ca 1,5 Stunden war der Spuk vorbei.



Eine schnelle Aufklärung des Überfalls und Diebstahls folgte:

Das Diebesgut wurde auf ein Britischen Militärfahrzeug, daß bei einer Transporteinheit in Hannovoer-Stöcken stationiert war, verladen und abtransportiert.
Anmerkung:
Schweine (Blut), Fahrräder, Kleidung und Wäsche auf einer Ladefläche- wie paßt das zusammen?

Jedes Fahrzeug einer Transporteinheit hatte eine entsprechende Zugehörigkeits-Nr.
Nachbarn, die um diese Zeit beim Spazierengehen noch unterwegs waren, wurden auf das Geschehen aufmerksam und notierten sich diese Nr..
Alle Hebel wurden daraufhin in Bewegung gesetzt und der "Standort" des Fahrzeugs informiert.
Als das Fahrzeug verspätet in der Nacht auf den Hof zurückkehrte, ergab die Kontrolle Schweineblut- u. -haare.

Die in Wunstorf stationierte Englische Militärpolizei übernahm die Ermittlungen.
Einige Täter wurden dann bei Gegenüberstellungen eindeutig identifiziert.
Über den weiteren Ablauf der späteren Anklagen und Verurteilungen haben meine Eltern sich mir gegenüber bewußt eine Zurückhaltung auferlegt.

Fazit :
Profis waren hier sicherlich nicht am Werk. Im gebührendem Abstand von Jahrzenten kann ich mir die dilettantische Ausführung nur so erklären, daß viele Menschen in der Nachkriegszeit nicht das Nötigste zum Leben hatten und dadurch die Vorsicht hinten anstellten. Das rechtfertigt aber nicht die unmenschlichen Grausamkeiten gegen alle Kreaturen.

Die Person, die das räumliche Insiderwissen hatte, wurde leider nicht bekannt.

Zum Abschluß bei allem Ernst noch etwas zum Schmunzeln.
Nachdem unserem Ortsbürgermeister, auch Besitzer eines kleinen bäuerlichen Betriebes, der Überfall bekannt gemacht wurde, sah er sich in der Pflicht, den "Tatort" aufzusuchen. Der Sachstand wurde ihm erklärt.

Darauf seine Äußerung: Uns wäre das nicht passiert!
Was für ein Zufall: ca 14 Tage später wurden ihm 2 fette Mastschweine aus seinem Stall gestohlen. Ob sich hierüber im Dorf eine gewisse Schadensfreude breit machte, ist mir nicht mehr bekannt.
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1 Kommentar
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 02.01.2018 | 22:11  
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