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Bedürftigkeit hat viele Gesichter: Friedberger Tafel hilft nun schon seit 6 Jahren

Die ehrenamtlichen Helfer der Friedberger Tafel (Foto: Bernhard Ziegler)
Die Friedberger Tafel besteht nun schon seit 6 Jahren. Unterhält man sich diskret und dem nötigen Einfühlungsvermögen mit den Bedürftigen, erfährt man viel über deren unterschiedliche und traurige Einzelschicksale, die ansonsten im Verborgenen bleiben. Es wird aber auch erschreckend klar, wie schnell und unaufhaltsam jeder in die soziale Schieflage geraten kann, aus der es nur schwer ein Zurück gibt.

Da sind Personen, die bereits seit der Eröffnung einmal wöchentlich vom Angebot der Tafel Gebrauch machen, andere, die erst vor kurzem in eine Notlange geraten sind, aber auch solche, die mit Unterbrechung (sie finden zwar kurzfristig Beschäftigung, werden dann aber wieder in die Arbeitslosigkeit entlassen) Unterstützung in Anspruch nehmen müssen. Betroffen sind Sozialhilfeempfänger, Alleinstehende, allein erziehende Mütter und viele Familien mit Kindern. Alle Altersklassen sind anzutreffen, junge Leute um die dreißig Jahre bis hin zu RentnerInnen. Die berufliche Qualifizierung der Bedürftigen reicht vom Maschinenbauer, über Arzthelferin, kaufmännische Angestellte, Säuglingspflegerin, Sekretärin, bis zum Doktorant der ebenso arbeitsuchend ist. Die Arbeitslosigkeit hat viele Gründe und Gesichter, angefangen mit einem Unfall der, oder Krankheit die zur Erwerbsunfähigkeit führt; unumgängliche Aufgabe der Selbständigkeit, der Wiedereinstieg ins Berufsleben aber nicht mehr gelingen will; psychische Störungen, bedingt durch Trennung oder Scheidung vom Partner, die ein normales Berufsleben nicht mehr zulassen; Ausfall des Hauptverdieners in der Familie, eine Berufstätigkeit der Mutter wegen Kindererziehung nicht möglich ist. Bei den Gesprächen mit Rentnern wird vor allem beklagt, dass seit der Währungsumstellung DM/Euro die halbierte Rente nicht mehr zum Leben reicht. Ein Renteneinkommen von etwa 400 € monatlich ist keine Seltenheit. Davon sind die laufenden Kosten (die erfahrungsgemäß 1:1 geblieben sind!) Miete, Strom, Heizung, Versicherungen abzuziehen. So wird der wöchentliche Gang zur Tafel eine bittere Notwendigkeit.

Richtet sich die Frage darauf, ob sich die Bedürftigen von der Politik oder Gesellschaft allein gelassen fühlen, ist zu erfahren, dass Klagen klein und Anspruchslosigkeit vorwiegend groß geschrieben werden. Meist steht Dankbarkeit für die Zuwendungen im Vordergrund und wird erkannt, dass unser soziales Netz (noch) gut ist. Aber auch kritische Stimmen sind zu hören, die auf eine ungerechte Verteilung hinweisen. Insbesondere RentnerInnen, die nach 45 (teils harten) Arbeitsjahren Renten in gleicher Höhe erhalten wie Leute, die nicht gearbeitet haben. Den Politikern wird bescheinigt, dass sie sich zwar bemühen, ihre Gesetzgebung jedoch den Schluss zulässt, dass sie von deren Anwendung und Umsetzung in die Praxis keine Vorstellung haben. Die Regierenden sollten selbst erleben, wie ein Alltag mit so wenig Geld aussieht. Unmut wird auch laut beim Umgang mit Steuergeldern. Davon sollte nicht so viel ins Ausland (aktuell Griechenland) verschenkt werden. Dafür könnten zu geringe Renten für ein menschenwürdigeres Leben aufgestockt werden. Das Zitat „Vogel friss oder stirb!“ drückt berechtigten Unmut aus.

Ob und welche Möglichkeiten sie zur Verbesserung ihrer Lage sehen, beantworten die Betroffenen weniger optimistisch. Neben der Antwort „keine“ oder „geringe“ trotzdem auch zuversichtliche Aussagen zu hören. Dazu zählen unter anderem der gute Vorsatz zum Abbau der aufgelaufenen Schulden (mit Hilfe der Schuldenberatung) und eine momentan vorhandene Nebenbeschäftigung. Ist das geschafft, wird es hoffentlich mit einer Festanstellung klappen. Währenddessen werden aber keinesfalls die Hände in den Schoß gelegt. Mit Hingabe wird der ehrenamtlichen Betreuung von Demenzkranken nachgegangen. Einen vielversprechenden Weg hat eine andere Bedürftige eingeschlagen. Sie nutzte zielstrebig die Zeit um ihr Diplom als Dolmetscherin in arabischer, deutscher, englischer und französischer Sprache abzuschließen. Bisher hat sie mit einer Putzstelle ihre Familie unterstützt und hofft nun auf eine, ihrer Ausbildung entsprechende Anstellung.

Mit der Abgabe von Lebensmitteln an die Bedürftigen hat die Friedberger Tafel die Hoffnung verknüpft, dass sich diese mit der Ersparnis wenigstens einmal im Monat etwas Gutes gönnen, am kulturellen und sozialen Leben teilhaben dürfen. Leider lässt sich dieser Gedanke nicht immer umsetzen. Wenigen ist es erlaubt, damit ein Geschenk für die Enkelkinder oder ein Kleidungsstück zu kaufen, vielleicht ins Cafe zu gehen oder ein Kino zu besuchen. Früher sei es noch möglich gewesen, eine Tagesfahrt mit dem Bus in die nähere Umgebung zu unternehmen, was heute mit zu hohen Kosten verbunden ist. In vielen Fällen wird das Geld für Zuzahlungen bei notwendigen Arzneimitteln und zum restlichen Unterhalt benötigt. Für kinderreiche Familien reicht die Tafel-Abgabe nur 2 bis 3 Tage. Manche haben ihren Lebensmittelkonsum reduziert, anderen genügt die Rente für den zusätzlichen Einkauf beim Discounter nur bis zur Monatsmitte.

Werden die Bedürftigen um eine Aussage zur Einrichtung der Tafeln in Deutschland gebeten, sind sie der einhelligen Meinung, dass sie äußerst hilfreich und lobenswert ist. Ein Teil der Betroffenen käme ohne sie finanziell nicht mehr über die Runden. Lob wurde auch der Friedberger Tafel ausgesprochen, für den Einsatz der ehrenamtlichen HelferInnen zeigten sie Dankbarkeit und Anerkennung. Für einige ist der Ausgabe-Tag eine Gelegenheit zum Gedankenaustausch und ein Treffpunkt zum „Plausch“ geworden.

Die unter dem Dach des Caritasverbandes Aichach-Friedberg e.V. stehende Friedberger Tafel freut sich, wenn sie von den Friedberger BürgerInnen und Firmen weiterhin mit einer Geld- oder Sachspende (zur Verbesserung der Angebots-Vielfalt tragen um diese Jahreszeit Obst, Gemüse und Salat aus den eigenen Gärten bei) unterstützt wird. Hinweise dazu im Info-Block.

Caritasverband Aichach-Friedberg e.V.
Hermann-Löns-Str. 6. 86316 Friedberg
Tel. 0821/26891-0
Konto-Nr. 240 000 570
Stadtsparkasse Augsburg BLZ 720 500 00
Verwendungszweck: Spende Friedberger Tafel
Ausgabe der Lebensmittel mittwochs 9-11 Uhr
Entgegennahme von Lebensmitteln 8.30-9.00 Uhr
südl. Kellerabgang an der Karl-Sommer-Straße
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Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Stadtmagazin friedberger | Erschienen am 05.08.2011
1 Kommentar
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Klaus-Dieter Dingel aus Bad Wildungen | 12.07.2011 | 14:32  
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