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„Jetzt entsteht ein Bürgerschloss“: Ein Interview mit Bürgermeister Dr. Peter Bergmair

    myheimat sprach mit Friedbergs Bürgermeister Dr. Peter Bergmair über die Entwicklung des städtischen Haushaltes, das Großprojekt „Wittelsbacher Schloss“ und seine Begegnung mit Top-Bergsteiger Hans Kammerlander.

myheimat: Herr Dr. Bergmair, ein Jahr nach Ihrem Amtsantritt beschloss der Stadtrat eine generelle Haushaltssperre für die Stadt Friedberg. Die diesjährigen Haushaltsberatungen verliefen dagegen nahezu reibungslos. Ihr Finanzreferat prognostiziert eine stetig wachsende Finanzkraft der Stadt. Worauf führen Sie diese erfreuliche Entwicklung zurück?
Bergmair: In der Tat ist die Steuer- und Finanzkraft deutlich gestiegen, und zwar in der Struktur, das heißt dauerhaft und von konjunkturellen Gegebenheiten weitgehend nicht abhängig. Wir haben vernünftig gewirtschaftet und deutlich höhere Einnahmen zu verzeichnen: Die Gewerbesteuer hat sich dank konsequenter Ansiedlungspolitik im Zehnjahresvergleich verdoppelt. Unsere Bürger verfügen insgesamt über eine hohe Kaufkraft. Für die Stadt bedeutet dies hohe Einkommens- und Umsatzsteueranteile.

myheimat: Wie wollen Sie verhindern, dass sprudelnde Steuereinnahmen und wachsende Rücklagen viele Begehrlichkeiten wecken werden?
Bergmair: Wir dürfen zwischen steigender Finanzkraft und vielem, was wünschenswert wäre, nicht das rechte Maß aus den Augen verlieren. Das hat nicht nur mit dem Vorbild der viel zitierten „schwäbischen Hausfrau“ zu tun. Unbestreitbar ist auch, dass die Wirtschafts- und Finanzwelt in den letzten Jahren schwankend geworden ist. Wir sollten also für eventuell schwierigere Jahre vorsorgen.

myheimat: Welche Rolle spielt für Sie nach wie vor der Schuldenabbau?
Bergmair: Der ist mir ein großes Anliegen. Wie im Vorjahr wird es im nächsten Haushalt keine neuen Schulden geben. Und für die kommenden vier Jahre zeigt die Finanzplanung, dass wir ohne einen Euro Netto-Neuverschuldung auskommen werden. Ganz im Gegenteil: Im Jahr 2013 sind 18,6 Millionen Euro im städtischen Haushalt geplant, 2016 sind 9,6 Millionen Euro prognostiziert – wir gehen von einer Halbierung der städtischen Schulden aus!

myheimat: Der Ausbau des Wittelsbacher Schlosses zum Bürger- und Kulturzentrum müsste ohne weitere Kreditaufnahme finanzierbar sein. Wie „luxuriös“ darf der Schloss-Umbau aus Ihrer Sicht denn nun werden?
Bergmair: Luxus ist nicht angesagt. Vielmehr geht es einmal um die gebotene Generalsanierung eines großen historischen Baudenkmals und dessen Befestigungsanlagen. Wir erhalten einen bedeutenden „Schatz“, der in der Region seinesgleichen sucht. Gleichzeitig verwirklichen wir Planungen und Wünsche, welche teilweise seit Jahrzehnten gehegt werden. Jetzt entsteht ein Bürgerschloss, das ein Treffpunkt sein soll und offen für Kunst und Kultur. Schön ist, dass wir unser städtisches Museum für zeitgemäße Ansprüche neu konzipieren können.

myheimat: Ein prestigeträchtiges und identitätsstiftendes Projekt von hoher Symbolkraft ist sicherlich der Wiederaufbau des Stadtmauerturms. Nach jahrelangem Rechtsstreit und einer Umplanung kann mit den Baumaßnahmen begonnen werden. Wie sieht Ihre Vision der „Turmresidenz“ aus?
Bergmair: Es geht nicht um eine Vision, sondern um die mit der Denkmalpflege abgestimmte und genehmigte Bauplanung. Der eingestürzte Stadtmauerturm hat über zehn Jahre lang für die Stadt und die weiteren Betroffenen die Mühsal langwieriger und komplizierter Rechtsstreitigkeiten zur Folge gehabt. Dann ging es darum, die Grundstücke und Gebäude zu erwerben. Jetzt bin ich froh, dass das Vorhaben gebaut wird. Es kann der Turm – in etwas abgewandelter Form – in einem neuen Ensemble von Stadthäusern errichtet werden. Eine lang offene Wunde im historischen Stadtbild wird damit geschlossen.

myheimat: Eine weitere Baustelle ist die kleine Sporthalle, die zur Mensa umgebaut wird. Mit welchem Betriebskonzept wird diese neue Einrichtung zu Ostern 2013 an den Start gehen?
Bergmair: Es ist klar, dass Schule zunehmend nicht nur am Vormittag, sondern ganztägig stattfindet. Deshalb brauchen wir dringend Räume, in denen bis zu 200 Schülerinnen und Schüler in ansprechender Umgebung ihr Mittagessen einnehmen können. Das ist der Grund dafür, dass wir derzeit die kleine Sporthalle zur Mensa umbauen. Der Umbau eröffnet uns auch die Möglichkeit, dort gelegentlich kulturelle Veranstaltungen oder eine Stadtratssitzung abzuhalten.

myheimat: Ein „wunder“ Punkt der Stadtentwicklung- und planung in den vergangenen Jahren war stets die Tatsache, dass Baugrundstücke in Friedberg Mangelware sind. Neben der Erweiterung von Friedberg-Süd rückten auch Stätzling und Friedberg-West in den Fokus der Diskussion. Welche Ziele verfolgen Sie und die Stadtverwaltung mit diesen Neubaugebieten?
Bergmair: Ein Großteil der Energie war im letzten Jahrzehnt darauf ausgerichtet, Gewerbegebiete zu entwickeln, mit überragendem Erfolg. Gleichzeitig konnten wir neue Wohngebiete nur nach langwierigen Vorarbeiten ausweisen. Es gibt viel Nachfrage nach Bau- und Wohnmöglichkeiten. Deshalb freue ich mich, dass wir in den angesprochen Bereichen jetzt die entsprechenden Bebauungspläne erstellen können. Ich werde mich dafür einsetzen, dass wir wieder mehr Geschosswohnungen ermöglichen – für jungen Familien und ältere Bürger gleichermaßen wichtig.

myheimat: Wie fällt Ihr Fazit bezüglich der Bürgerbeteiligung beim Projekt „Friedberg-Süd“ aus?
Bergmair: Für den ersten Bauabschnitt im Nordwesten ist die Bürgerbeteiligung im moderierten Verfahren so gut wie abgeschlossen. Ich freue mich über das engagierte Mitwirken zahlreicher Bürgerinnen und Bürger. Selbstverständlich können Betroffene im nun beginnenden Bebauungsplanverfahren ihre Anregungen und Einwendungen wie gewohnt weiterhin geltend machen. Die Ergebnisse müssen vom Stadtrat bewertet und diskutiert werden. Dann kommt es zu konkreten Beschlüssen, die den Ausgleich der unterschiedlichen Interessen im Auge haben sollen. Den zweiten und eventuell größeren Teil der Bürgerbeteiligung für das Gesamtprojekt Friedberg-Süd werden wir anschließend angehen.

myheimat: Eine Baustelle im übertragenen Sinne ist auch das Thema „Nahverkehr“. Der Landkreis Günzburg hat den Flexibus als neue bedarfsorientierte Form des öffentlichen Nahverkehrs eingeführt. Laut einer ptv-Studie ist dieses Modell für Friedberg nicht zielführend, oder?
Bergmair: Der Flexibus kann es wohl nicht werden, dennoch geht es darum, mit dem verantwortlichen Augsburger Verkehrsverbund und dem Landkreis Aichach-Friedberg zu flexibleren Angeboten zu kommen. Da werde ich mit dem Stadtrat nicht locker lassen, solange zum Beispiel die Busse auf verschlungenen Wegen durch Friedberg fahren oder Fahrgäste an der Endhaltestelle der Tramlinie 6 zu lange auf den Anschluss warten müssen. Denn ein gut funktionierender Nahverkehr bedeutet Lebensqualität und ist ein wichtiger Standortfaktor für die Wirtschaft und für alle.

myheimat: Welcher Moment, welche Begegnung im abgelaufenen Jahr hat Sie persönlich am meisten beeindruckt?
Bergmair: Es ist das Zusammentreffen mit dem Südtiroler Top-Bergsteiger Hans Kammerlander. Er war auf Einladung des Alpenvereins wieder in Friedberg. Ich schätze diesen sympathischen Menschen, der sich seinen Lebenstraum an den Bergen unserer Erde erfüllt hat, sehr. Einer Öffentlichkeit, welche sich an Rekorden berauscht, erzählt Kammerlander jetzt die – anrührende – Geschichte von den zweithöchsten Gipfeln …

Interview: Joachim Meyer
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Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Stadtmagazin friedberger | Erschienen am 14.12.2012
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