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Pandemiebekämpfung - die Pocken im einstigen Bezirksamt Friedberg

Das Mezgergut um 1900. Hier arbeiteten ausländische Arbeitskräfte. Auf dem Gelände steht heute die Stadthalle Friedberg an der Aichacher Straße. Foto: Stadtarchiv Friedberg.
 
Schreiben des Kgl. Bezirksamts Friedberg, 28. März 1872: "Der Stadtmagistrat dahier erhält hiemit den Auftrag, den von den Blattern genesenen Kupferschmiedgesellen Ulrich Rottmann aus Blatternabtheilung zu Sct. Stephan sofort zu entlassen. Quelle: Stadtarchiv Friedberg.

Strenge Quarantäne bei Pockenerkrankung

Jetzt, in der Coronapandemie, schicken die Gesundheitsämter nicht nur die an Corana Erkrankten in Quarantäne. Auch Kontaktpersonen, sofern sie behördlich erfasst sind, werden verpflichtet, vierzehn Tage ihre Wohnung oder ihr Haus nicht zu verlassen. Erst wenn danach das offizielle Testergebnis negativ ausfällt, sind sie aus der Quarantäne entlassen.
Wie hat man in Friedberg früher Ausbrüche ansteckender Krankheiten zu verhindern versucht?
Aufzeichnungen über die hochansteckenden Pocken finden sich im Stadtarchiv erst ab dem Jahr 1872. Damals kam es – wieder einmal – zu einem Ausbruch der Blattern, auch Pocken genannt. Zuerst stellten sich Symptome bei der Friedbergerin Anna Leber ein. Festgestellt wurde die Erkrankung durch einen der beiden niedergelassenen Ärzte, die verpflichtet waren, sofort Meldung zu erstatten. Der Bezirksamtmann, dessen Stellung in etwa heute vergleichbar mit dem eines Landrats ist, reagierte sofort. Er forderte schriftlich Bürgermeister Josef Ost auf, unverzüglich die vorschriftsmäßigen Absperrungsmaßnahmen anzuordnen.

Haus oder Wohnung wird abgesperrt - drastische Maßnahmen

So sperrte der Gerichtsdiener das Haus bzw. die Wohnung von Anna Leber ab. Von der Hausgemeinschaft durfte niemand mehr die Wohnung verlassen, außer man war geimpft. Es drohten bei Zuwiderhandlung Strafen bis zu drei Jahren Gefängnis. Nur ärztlichem Personal und der Geistlichkeit war der Zutritt gestattet. Waren Kinder da, wurden sie, wenn sie nicht sogleich geimpft werden konnten, aus dem Haushalt zwangsweise herausgenommen.
Anna Leber wurde wieder gesund. Bei ihr waren sämtliche Borken und Krusten abgefallen. Vorgeschriebene mehrfache Waschungen und mehrmalige Bäder sorgten für die Reinigung des Körpers. Zwölf Stunden lang lagen Leib- und Bettwäsche erst in einer Lösung von Chlorkalk oder Karbolsäure, ehe sie mit anderer Wäsche gewaschen werden durfte. Es gab die Anordnung, Bettstroh am besten zu verbrennen, Bettfedern mittels Dampf zu reinigen, Matratzen vor dem Wiedergebrauch längere Zeit zu sonnen und zu lüften. Die von Erkrankten benützten Zimmer mussten mit Schwefel- oder Chlorräucherungen desinfiziert werden. Fußböden waren mit scharfer Lauge zu säubern. Sogar die Wände sollten mit frischer Kalklösung übertüncht werden. Erst auf Grund des Zeugnisses eines amtlichen oder approbierten Arztes erging ein Schreiben des Bezirksamtmanns an den Bürgermeister, in dem er aufgefordert wurde, die Absperrungsmaßnahmen „sofort“ aufzuheben. Der damalige Bürgermeister Ost beauftragte damit umgehend den Polizeidiener. Dieser musste die Aufhebung der Absperrungsmaßnahmen sogleich umzusetzen und dies durch Unterschrift bestätigen.
Für alleinstehende Personen wurde offenbar eine eigene Blatternpflegestation bei St. Stephan eingerichtet. Versorgt wurden die Kranken durch Wärter, die bereits immun gegen die Krankheit waren, entweder weil sie die Krankheit überstanden hatten oder geimpft waren.
An der Blatternkrankheit Verstorbene waren früh morgens oder spät am Abend zu beerdigen, und das möglichst in aller Stille und ohne Begleitung.

Nachschärfung der Maßnahmen

Dieses Vorgehen gegen die Blattern wurde in den folgenden Jahrzehnten zum Teil durch ergänzende Maßnahmen verschärft. So waren die hiesigen Behörden alarmiert, als in Wien 1907 die Blattern ausbrachen. Man befürchtete ein Übergreifen der Pandemie auch auf das Bezirksamt Friedberg. Der damalige Bezirksamtmann Brennfleck ordnete die Überwachung der „Beteiligten“ in „unauffälliger“ Weise an. Aber offenbar gab es keinen einzigen Besucher aus Österreich zu jener Zeit hier in Friedberg.
Belegt ist, dass im Jahr 1911 ausländische Arbeitskräfte, die hier in Friedberg bei der Mezger'schen Gutsverwaltung beschäftigt waren, vorher amtsärztlich untersucht werden mussten. Zu groß war die Sorge, dass von außen ansteckende Krankheiten eingeschleppt werden könnten.





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