Anzeige

Austauschjahr in Ecuador - ein Zwischenbericht von Jens Weymann, Schüler am Wernher-von-Braun-Gymnasium

Jens Weymann vor dem Äquatormonument in der Nähe in Quito
 
Ausflug in den Tropenwald

Am 25. August 2006 fing das Abenteuer an. Ein Jahr Ecuador. Abschied von zu Hause und Aufbruch ins Ungewisse. Nach einem unendlich langen Flug und einem Begrüßungswochenende meiner Austauschorganisation AFS in der Hauptstadt Quito ging es weiter in meine neue Heimatstadt Guayaquil.

Quito ist das politische und kulturelle Zentrum Ecuadors, während Guayaquil der größte Hafen und wirtschaftlich wichtigste Standort ist. Mit 2,15 Millionen Einwohnern ist Guayaquil außerdem die größte Stadt Ecuadors.

Meine neue Stadt hat mich von Anfang an fasziniert. Da gibt es achtspurige Hauptverkehrsadern, die in ungeteerte Schlaglochpisten münden. Da gibt es den in ein winziges Zimmer gestopften Laden an der Ecke und das im amerikanischen Stil gebaute Einkaufszentrum. Da gibt es die neueste europäische Luxuslimousine und das Auto, dessen Stoßstangen mit Schnüren angebunden sind. Da gibt es das Viertel aus Wellblechhütten ganz in der Nähe von der privaten Wohnsiedlung hinter hohen Mauern, wo die Welt in Ordnung ist. Da gibt es den Firmenboss, der ohne zu arbeiten ein Riesengeld macht und den Getränkeverkäufer in der Straße, der den ganzen Tag arbeitet, um sich nur so eben sein Überleben zu sichern. Und seit kurzem gibt es auch einen blonden Europäer unter vielen Latinos!
Meine Gastfamilie ist super! Ich habe drei Gastgeschwister, wobei aber mein Gastbruder Allan (18) im Augenblick ein Auslandsjahr in der Schweiz macht, sodass ich nur mit meinen beiden Gastschwestern Grace (22) und Judith (15) zusammenwohne. Meine Gasteltern sind beide Ärzte. Meine Familie (Ich lass dieses lästige Gast-… jetzt weg) hat mich super aufgenommen und ich habe mich sofort wohlgefühlt. Sie interessieren sich für mein Leben in Deutschland und zeigen mir gleichzeitig Ecuador.
Meine neue Schule ist die Amerikanische Schule von Guayaquil. Es ist eine Privatschule und etwas amerikanisch ausgerichtet, was zum Beispiel bedeutet, dass wir die Hälfte der Fächer in Englisch mit amerikanischen Lehrern haben. Ich habe in der Schule viele neue Leute kennengelernt und Freunde gefunden. Vor allem mit den Mädchen ist es leicht in Kontakt zu kommen. Mit den Jungs war das am Anfang etwas schwieriger. Aber seitdem ich im Volleyballteam bin, ist das auch viel leichter geworden. Sport ist wirklich wichtig um Jungs kennenzulernen. Eine ganz andere Art von Freundschaft hab ich mit den anderen Austauschschülern von AFS. Wir sind eine super Gruppe. Dass wir alle in der gleichen Situation sind und alle die gleichen Erfahrungen machen, macht es einfach sich zu unterhalten, anzufreunden und sich gegenseitig zu unterstützen. Meine AFS-Freunde kommen neben Deutschland aus der Schweiz, Österreich, Frankreich, Belgien, Norwegen, Finnland, Japan und den USA.
Ich habe Spanisch noch in Deutschland ein bisschen gelernt, um die überlebenswichtigen Sätze sagen zu können. So konnte ich von Anfang an wenigstens auf Spanisch rumstottern. Aber es hat mich wirklich gefreut, zu bemerken, wie ich jeden Tag ein bisschen besser geworden bin. Mittlerweile kann ich mich unterhalten, ohne groß zu überlegen. Auch Zeitungsartikel und Fernsehsendungen kann ich jetzt mehr oder weniger verstehen.
Auf die Weise konnte ich am 15. Oktober die Präsidentschaftswahlen in Ecuador über die Medien mitverfolgen. Schon seit meiner Ankunft in Ecuador gab es Unmengen von Wahlplakaten in den Straßen. Ganze Häuser waren mit Parteiwerbung bemalt. Bei genauerem Hinsehen sieht man an diesen Häusern noch Werbung von einer der vorausgegangen Wahlen durchscheinen. Und die sind noch gar nicht so lange her. Es waren nämlich die achten Präsidentschaftswahlen für Ecuador in zehn Jahren. Es traten 13 Kandidaten an. Die beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen, Rafael Correa und Álvaro Noboa, traten am 26. November zu einer Stichwahl an. Correa hat sich mit 56,67 % der gültigen Stimmen durchgesetzt. Er möchte den Kongress durch eine Verfassungsgebende Versammlung ersetzen und die Bildungs-, Gesundheits- und Arbeitsmarktsituation des Landes verbessern. Außerdem hat er angekündigt, das geplante Freihandelsabkommen mit den USA nicht zu unterschreiben. Wählen ist hier Pflicht. Jeder, der wählt, bekommt ein Zertifikat, das man braucht, wenn man sich für einen Job bewerben, den Führerschein machen oder das Land verlassen möchte.
Am Anfang hatte ich Probleme, mehr als Unterricht und Hausaufgaben mit meiner Zeit zu machen. Ich konnte ja alleine nirgendwohin fahren, weil ich die Sprache nicht gut genug konnte. Und meine Eltern können mich nur selten fahren, weil sie viel arbeiten. Mittlerweile hat sich das aber verbessert. Mein Spanisch reicht jetzt auch um mich mit Fremden zu unterhalten und ich habe gelernt allein im Bus zu fahren. Das ist nämlich auch etwas abenteuerlicher als in Deutschland. Es gibt keine Haltestellen, weshalb der Bus ein ständiges Stop-and-Go fährt, weil alle hundert Meter jemand ein- oder aussteigen möchte. Und dafür bleibt der Bus meistens nicht stehen, sondern rollt weiter. Ich liebe es, mit diesen zuckelnden Ungetümen durch die Stadt zu fahren. Eine Mischung aus Salsa- und Merengue-Rhythmen, Gehupe, quietschenden Bremsen und laut aufhäulenden Motoren hörend, schau ich mir das Straßenleben an und freue mich, in Ecuador zu sein. Hin und wieder nur dadurch unterbrochen, dass der Bus mal wieder spektakulär bremsen und ausweichen muss, weil er zu knapp überholt oder einen Fußgänger übersehen hat.

Ecuador ist ein wunderschönes und sehr interessantes Land. Ein bisschen hab ich auch schon davon gesehen. In Quito war ich einige Tage mit meiner Schwester Grace. Die Hauptstadt ist ganz anders als Guayaquil. Ganz kurz zusammengefasst: Es gibt mehr Kolonialarchitektur und weniger Sauerstoff. Quito liegt im Hochland (Sierra) auf 2800 m Höhe. Guayaquil ist die wichtigste Stadt in der Küstenregion (Costa), eine Stunde von Pazifik entfernt. Einige Tage war ich auch schon im Pazifik baden. Einen Nachmittag war ich im Urwald (Oriente) von Ecuador.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.