Literarischer Frühling 2012: F.C. Delius in Frankenberg

  So, wie der Frühling endlich in Frankenberg Einzug gehalten hat, so auch der lange und mit Spannung erwartete Literarische Frühling 2012, das erste Literatur-Festival Frankenbergs dieser Art. Am Sonntag, den 25.3.2012, fand in diesem Rahmen ein sprichwörtlich besonderer „Leckerbissen“ im Hotel Die Sonne Frankenberg statt.

Bei einem ausgiebigen Brunch im frühlingshaften Ambiente des Hotels nämlich sprachen die bekannte HR-Moderatorin Claudia Sautter und der Schriftsteller und Träger mehrerer Preise und Auszeichnungen, Friedrich Christian Delius, über dessen Buch „Bildnis der Mutter als junge Frau“.

Zunächst erfuhren die etwa 50 Gäste über den Inhalt des Buches, Delius las zwei kurze Abschnitte vor. Er beschreibt einen Samstag einer jungen Frau im Januar 1943, sie ist 21 Jahre alt und im achten Monat schwanger. Sie ist aus Bad Doberan in Mecklenburg nach Rom gekommen, weil ihr Mann als Militärpfarrer dorthin versetzt worden war. Nun wurde er abkommandiert nach Nordafrika, seine Rückkehr ist ungewiss. So bleibt die junge Frau allein in Rom zurück und schreibt sich Briefe mit ihm. Normalerweise läuft sie zur Frontleitstelle für Briefe, ihr Arzt hat ihr Bewegung verordnet. Doch jetzt läuft sie allein durch Rom, von ihrer sicheren „kleinen deutschen Insel“, dem Diakonissenheim in der Via Alessandro Farnese, in dem sie lebt, bis zur sicheren deutschen lutherischen Kirche in der Via Sicilia, wo sie sich ein Konzert anhören wird. In der einen Stunde, die sie dorthin braucht, erfährt man auf knapp 130 Seiten von ihren Gedanken, ihren Gefühlen, ihrer Angst und ihrer Liebe zu ihrem Mann. Und von ihren Eindrücken von dieser „undurchschaubaren, anziehenden und abstoßenden Stadt“.

Die junge Frau ist Delius Mutter, die mit ihm selbst schwanger ist. Die Art, mit der Delius in einer einfachen und doch fesselnden Sprache die Gefühle seiner Mutter beschreibt, offenbart sein Liebe zu ihr und zu Rom, wo er heute überwiegend lebt und in zweiter Ehe verheiratet ist. Die Zuhörer erfuhren viel über die Familiengeschichte Delius', wo er lebte, bevor er Ende der 50er Jahre nach Korbach zog, und über ihn als Menschen, der später vom seinem Vater und dessen Wortmacht als Pfarrer eingeschüchtert war, und seiner Mutter, die mit Literatur nichts zu tun hatte, aber stolz war auf ihren Sohn, der durch gute Rezensionen über seine Werke Anerkennung erfuhr. Die Briefe des Vaters an die Mutter gibt es heute noch. „Den Briefen verdankt das Buch eine Menge“, so Delius, „und sie sagen viel aus über die Zeit, in der sie geschrieben wurden.“ Sie beschreiben die Widersprüche der Zeit im Jahre 1943: Liebe in Zeiten des Krieges, die Angst einer Schwangeren, ein Waisenkind zu gebären, in einem Land, dessen Sprache sie nicht spricht, Judentum und Nationalsozialismus.

So konnten die Zuhörer, vom belesenen „Delius-Fan“ bis zum unerfahrenen Jungautoren, trotz ihrer unterschiedlichen Erwartungen an die Veranstaltung und trotz des nicht ganz schlüssigen Titels „Immer wieder die Mütter“ alle etwas mitnehmen. „Delius Lesung erzeugte viele schöne Bilder im Kopf, man konnte sich alles genau vorstellen“, so eine Zuhörerin. „Ich bin begeistert. Man erfuhr viel über den Menschen, der das Buch geschrieben hat und über seine Beweggründe. Man war ihm ganz nah“, so ein anderer. Wie Delius seine Bücher verfasst, erklärte er den interessierten Zuhörern gerne: „Ein Buch sollte so geschrieben werden, dass man nicht konstruieren kann, woher die Recherchen kommen. Literatur besteht nicht aus Fakten, sondern daraus, was der Autor mit den Fakten macht.“ Er denke beim Schreiben nicht daran, wer das Buch liest. Auf die Frage der Moderatorin, ob er denn gut Italienisch spräche, antwortete Delius: „Italienisch ist schwer. Alles was gut ist, ist schwer. Ich schreibe lieber deutsche Prosa.“ So seien seine Werke in Italien weniger bekannt, „im Gegensatz zu Grimm und Goethe“.

Friedrich Christian Delius signierte zum Schluss einige Bücher, die auch zum Verkauf angeboten wurden. Anschließend „mischte“ er sich für persönliche Gespräche unter die Zuhörer.
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