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Fahrradunfall mit Fahrerflucht: Über menschliche Werte, Reue und Vergeben

Vergangenen Mittwoch hatte meine elfjährige Tochter einen Fahrradunfall.

Vom Freibad kommend fuhr sie am frühen Abend bei großer Hitze die Rodenbacher Straße hoch und wurde beim Überqueren einer Seitenstraße von einer anderen Fahrradfahrerin umgefahren. Diese näherte sich so schnell, dass meine Tochter die scheinbar freie Straße gerade überqueren wollte und dann doch von der Frau erfasst wurde. Meine Tochter fiel hin und erlitt dabei Schürfwunden und Prellungen.

Die erwachsene Frau half dem Kind nicht weiter, sondern setzte ihre Fahrt zeitnah fort. Meine Tochter war geschockt, verletzt, und das Fahrrad war auch kaputt und nicht mehr fahrbereit.

So humpelte die Kleine das Fahrrad schiebend ein Stück und rief mich dann an. Ich holte sie nach Hause und spürte alte Erinnerungen hochkommen, vor nicht allzu langer Zeit hatte ich auch einen Fahrradunfall, bei dem mich ein Auto erfasste und ich schwer verletzt ins Krankenhaus kam. In selbiges brachte ich mein Kind, denn sie zeigte Symptome einer Gehirnerschütterung bzw. eines Schleudertraumas. Man hätte sie auch dort behalten, doch ließ mich der Arzt mein verunsichertes, verängstigtes und weinendes Kind zur weiteren intensiven Beobachtung und Pflege lieber mit nach Hause nehmen.

Dann meldete ich den Fall der Polizei. Dieses nicht zu tun hätte für mein Kind bedeutet, dass es etwas falsch gemacht hätte.

Wieso hat sich die Frau nicht um mein Kind gekümmert, mich nicht angerufen, nicht gewartet, es nicht nach Hause gebracht? Ich lebe meinem Kind vor, für andere einzustehen, zu helfen, Rücksicht zu nehmen, Fehler zuzugeben, um Entschuldigung zu bitten. Werte zu pflegen ist so wichtig in einer unpersönlichen Zeit wie der heutigen. Warum ist diese Frau einfach weggefahren und hat mein weinendes Kind allein gelassen? An was soll mein Kind glauben, wie soll es lernen zu vertrauen, wenn sein Urvertrauen von einer Sekunde zur nächsten bis ins Mark erschüttert wird?

Zum Glück hatte mein Mädchen sich trotz ihres Schocks und der nicht enden wollenden Tränen Details gemerkt und konnte ihre Widersacherin gut beschreiben. In der Frankenberger Polizeidienststelle arbeiten äußerst professionelle und einfühlsame Menschen, Helfer in der Not. Sie gaben die Suchmeldung der Unfallflüchtigen an die Frankenberger Zeitung, die sie am Samstag abdruckte.

Ich hatte nicht viel Hoffnung doch die Gewissheit, für meine Tochter ein Zeichen gesetzt zu haben. Auch wenn die Frau sich nicht melden würde, so sollte meine Kleine wissen, dass das, was sie erlebt hatte, nicht in Ordnung war. Sollte ihre Mama denn mit ihrer Wertevermittlung so daneben liegen? Gibt es noch Menschen, die Werte haben?

Doch dann kam die Wende.

Noch am selben Samstag klingelte eine mir fremde Frau bei uns, die sich beschämt als die Frau vorstellte, die meine Tochter umgefahren hatte. Die hatte am Morgen den Bericht in der FZ gelesen und sofort gewusst, dass sie gemeint war. So stellte sie sich der Polizei und bekam unsere Adresse.

Sie bat meine Tochter um Entschuldigung. Sie konnte sich selber nicht erklären, warum sie so handelte und sich nicht um die Kleine gekümmert, sie nach ihrem Namen gefragt und sie nach Hause begleitet hatte. Selbst wenn das Kind es nicht gewollt hätte, aus Angst, mit einer Fremden mitzugehen, hätte sie die Polizei holen können. Sie hatte die Lage falsch eingeschätzt und auch nicht gesehen, dass das Fahrrad kaputt war. All das tat ihr unendlich leid und sie könne abermals nur um Entschuldigung bitten. Der Strafe werde sie sich stellen.

Allein diesen sicherlich nicht leichten Gang zu machen, zugeben zu können, einen Fehler gemacht zu haben, sich in die Augen zu sehen, sich die Hand zu geben und um Vergebung zu bitten, zeugt von menschlicher Größe.

Und so nahm die Geschichte neben den langsam verheilenden körperlichen Wunden auch ein psychisch heilsames Ende: Meine Tochter hat wichtige Werte dazugelernt, nämlich eine Schuld ehrlich zuzugeben, für einen Fehler gerade zu stehen und um eine Entschuldigung zu bitten, die Entschuldigung anzunehmen und zu vergeben.

Es gibt sie doch noch, die Menschen, denen Werte noch etwas bedeuten.
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Christiane Deuse aus Bad Arolsen | 26.06.2013 | 16:52  
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