Fischerfest in Pahna

Der Pahnaer Teich heute
Das erste Pahnaer Fischerfest
nach einem Manuskript von Rudolf Köhler

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Leben der Menschen in Stadt und Land außerordentlich stark gewandelt, verursacht durch politische Katastrophen und Umbrüche, aber auch im gleichen Maße durch die Entwicklung der Technik. Ein Aspekt dieser Veränderung betrifft die Beziehungen der Menschen untereinander. In einem Ort wie Fockendorf oder gar Pahna kannte früher jeder jeden, es gab vielfältige Gelegenheiten bei denen man sich traf und sich miteinander austauschte und besonders im Sommer spielte sich das Leben weitgehend auf der Straße ab. Heute begegnet man sich auf der Straße meist nur noch mit dem Auto; Fernsehen und Computer ersetzen zunehmend die zwischenmenschliche Kommunikation.

Dass es auch ohne Fernsehen und andere technische Medien Unterhaltung, Spannung und Kurzweil gab und gibt, soll das folgende Beispiel zeigen.

An einem wunderschönen Junitag des Jahres 1935 unternahm der Bauer Karl Köhler mit seinem Freund, dem Fabrikarbeiter Herbert Hlawa, beide aus Fockendorf, eine Ausfahrt mit Herberts Motorrad, einer 500er „Wanderer“. Die Tour führte nach Gnandstein, wo man in einem Lokal Kaffee und Kuchen genoss und danach über Dolsenhain, Eschefeld und Pahna die Rückfahrt antrat. Doch am Pahnaer Teich streikte plötzlich die Maschine und blieb stehen. Herbert begann mit der Reparatur und wechselte die Zündkerze, Karl betrachtete in der Zwischenzeit den Teich. An diesem späten Nachmittag lag die Schwüle eines heraufziehenden Gewitters in der Luft und einige Fische zogen an der Wasseroberfläche entlang, um Insekten zu erbeuten. Das brachte die beiden Freunde auf die Idee, den Teich zu pachten und abzufischen.

Der Teich war Gemeindeeigentum, Pahna war damals noch eine eigenständige Gemeinde, Bürgermeister war Erich Lämmel. Kurze Zeit später trafen sich die Fockendorfer und Pahnaer Bauern beim Vogelschießen und Karl Köhler unterhielt sich dort mit Hans Raubold, der damals Mitglied des Pahnaer Gemeinderates war, über die Angelegenheit mit dem Teich und dieser trug die Sache in der folgenden Gemeinderatssitzung vor. Es hatte keiner etwas dagegen einzuwenden und man einigte sich auf ein Pachtgeld von 10,- Mark.

Erst jetzt sahen sich die beiden Pächter den Teich etwas genauer an und mussten feststellen, dass der Abfluss des Teiches unter der Straße zusammengebrochen war und der Teich deshalb nicht mehr abzulassen ging. Karl Köhler und Herbert Hlawa standen nun etwas ratlos da, was natürlich bei den Pahnaern ein schadenfrohes Gelächter hervorrief. Doch Herbert, der in der Papierfabrik auf dem Holzplatz beschäftigt und Mitglied der Betriebsfeuerwehr war, hatte einen rettenden Einfall, er sprach, mit etwas weichen und zittrigen Knien, bei dem damaligen Direktor Carl Hangleiter vor und bat um die Genehmigung, dass die Betriebsfeuerwehr den Teich, quasi zu Übungszwecken, leer pumpen darf. Direktor Hangleiter stellte zunächst die Frage, ob man denn überhaupt sicher sei, dass Fische in dem Teich sind. Überzeugt antwortete Herbert Hlawa: „Da sind wir sicher, Herr Direktor.“ Einige Tage später erhielt Herbert Hlawa schriftlich die gewünschte Genehmigung.

Inzwischen waren den beiden Pächtern allerdings auch selbst Zweifel gekommen, ob eine nennenswerte Zahl an größeren Fischen im Teich lebte. Die Blamage wäre riesengroß, wenn man nach dem Abpumpen keine finden würde. Aber auch in diesem Fall fanden die beiden eine originelle Lösung. Etwa 14 Tage vor dem geplanten Fischzug in Pahna, wurden in Frohburg die Teiche abgefischt, man fuhr hin und verabredete mit dem dortigen Verwalter einen diskreten Fischeinkauf. Einige Tage vor dem großen Ereignis in Pahna fuhr Karl Köhler mit Sohn Rudolf und Herbert Hlawa zweispännig mit Leiterwagen, zwei großen Holzwannen und Abdeckplanen auf Umwegen spät abends nach Frohburg, um die bestellten Fische zu holen. Die Karpfen wurden mit Körben in die mitgebrachten, mit Wasser angefüllten Wannen gekippt und anschließend mit Schilf abgedeckt.

Nicht ohne innere Unruhe und Spannung ging die Fuhre in der Finsternis mit Sturmlaterne Richtung Pahna. Am Teich angekommen musste Sohn Rudolf die Pferde halten, Karl und Herbert trugen die Karpfen mit einem Korb zum Teich und setzten sie ein. Der Heimweg nach Fockendorf wurde nicht etwa durch den Ort Pahna genommen, sondern durch den Wald. Am nächsten Morgen fuhr Herbert Hlawa mit dem Motorrad noch einmal zu Teich, um etwa vorhandene Spuren der nächtlichen Aktion zu beseitigen.

Der Tag des Abfischens war gekommen, vorher waren in Fockendorf und Pahna Zettel angebracht worden, mit der Einladung zum „Karpfenverkauf direkt am Teich in Pahna“. Um 7 Uhr begann die Feuerwehr mit dem Abpumpen, um 9 Uhr baute Fleischermeister Kurt Pester einen Bratwurststand und Gastwirt Johann Burger einen Stand mit Bier, Schnaps und Grog auf. Die ersten Interessenten kamen auch bereits. Bis zum Mittag nahm das Abfischen fast schon den Charakter eines Volksfestes an. Um 12 Uhr kamen mit der Kohlebahn die Beamten der Papierfabrik hinzu. Zu dieser Zeit war noch kein Fisch zu sehen, ringsum machte sich schon Gelächter breit, wobei allerdings der Alkohol inzwischen auch seine Wirkung zeigte. Langsam wurde es den beiden Teichpächtern mulmig und Herbert sagte zu Karl: „ Wenn ich nicht genau wüsste, dass Fische drin sind, wäre ich schon lange ausgerissen“. Der gesamte vordere Teil des Teiches war schon leer, die Feuerwehr musste die Pumpe umsetzen, damit der Saugkorb wieder ins Wasser kam.

Gegen halb zwei plötzlich großes Geschrei, die ersten Fische waren zu sehen. Im hinteren Teil des Teiches befand sich eine Vertiefung, in die sich alle Fische zurückgezogen hatten. Nun war es an der Zeit, Pferdegespann mit Wannen, Körben und Keschern standen bereit, Helfer gab es genug und das Abfischen begann. Kurt Fritzsche, der neben Karl Köhler stand, äußerte erstaunt: „Das gibt es doch nicht, so eine Masse Fische in dem kleinen Teich!“ Karl erwiderte scheinheilig: „Der ist doch auch 10 Jahre nicht abgefischt worden!“

Der Tag des Abfischens war jedenfalls insgesamt ein voller Erfolg, es gab viel Spaß und alle kamen auf Ihre Kosten, große und kleine Zuschauer, Fischkunden und Lästerer, die Feuerwehr, der Fleischermeister und der Gastwirt und schließlich auch die beiden Pächter selbst. Gegen 17 Uhr nahm das Fest sein Ende.

Unter den Pahnaer Gemeinderatsmitgliedern brach allerdings im Anschluss ein heftiger Streit aus: Wie konnten wir denn den beiden den so fischreichen Teich für nur 10 Mark verpachten?! Um die Gemüter wieder zu beruhigen bekam der Bürgermeister und jedes Gemeinderatsmitglied je einen Karpfen geschenkt, ebenso die beteiligten Feuerwehrleute.

Am nächsten Tag brachte Herbert Hlawa einen großen Karpfen zu Direktor Hangleiter, als Dank für dessen Unterstützung.

Erst einige Wochen später wurde dann die ganze Wahrheit zum Besten gegeben, was natürlich ebenfalls wieder ein großes Gelächter hervorrief und die Stammtischrunden noch lange Zeit beschäftigte.
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Monique Pucher aus Altenburg | 25.10.2011 | 13:15  
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