Alles wird leichter – nur der Preis nicht
Früher war mehr Holz am Vorhang
- hochgeladen von Hildegard Grygierek
Es gibt Dinge im Leben, da denkt man - die halten ewig. Mein Holzperlenvorhang vor der Tür gehörte dazu. Jahrzehnte hing das gute Stück da, der Jahreszeit entsprechend im Sommer, klapperte fröhlich im Wind, hielt tapfer Fliegen draußen und machte seinen Job, als hätte es nie etwas anderes gegeben. Ein treuer Geselle eben.
Doch irgendwann begann die große Perlenflucht. Erst verabschiedete sich eine, dann die nächste - es schien, als wollte der Vorhang schien leise seinen Ruhestand einreichen.
Also dachte ich .. ganz naiv - kein Problem! Bestellst du eben nochmal denselben. Gleiche Firma, gleiches Modell - was soll schon schiefgehen? Tja. Schon beim Auspacken dachte ich - ähm, da stimmt doch was nicht.
Die Holzperlen kleiner. Nicht mehr so schwer. Und vor allem - weiter auseinander. Früher war das ein Vorhang mit Haltung. Wenn Wind kam, hing beziehungsweise stand der da wie ein Türsteher: „Bis hierhin und nicht weiter!“ Der neue dagegen wirkt eher wie ein höflicher Empfangspraktikant: „Na gut … wenn's unbedingt sein muss.“
Und plötzlich fiel mir auf - das ist doch inzwischen überall so. Mein alter Wäscheständer zum Beispiel - ein Markenmodell, stabil wie ein Fels in der Brandung. Den konntest du beladen, bis selbst die Bettwäsche dachte - oha, jetzt wird's eng! Der stand da, unbeirrbar, kein Wackeln, kein Jammern. Nach vielen treuen Jahren musste ein neuer her. Wieder dieselbe Marke, versteht sich. Aber was bekam ich? Eine Leichtbau-Version auf Sparflamme. Ganz ehrlich Leute, ich bilde mir das doch nicht ein. Leichter ist er, irgendwie schmaler - und fehlt da nicht sogar eine Reihe? Früher bekam man gefühlt den halben Haushalt unter, heute muss die Wäsche Schichtdienst machen.
Überhaupt scheint es inzwischen eine neue Industrie-Philosophie zu geben - weniger Material, mehr Mut bei der Preisgestaltung.
Die Chips-Tüte ist inzwischen mehr Luftnummer als Knabberei. Beim Öffnen hat man kurz das Gefühl, man hätte versehentlich Sauerstoff bestellt. Der Inhalt versteckt sich unten wie ein scheues Reh im Unterholz.
Und Schokolade erst! Früher war eine Tafel noch eine Tafel. Heute würde man dem Hersteller für sein Vergehen an der Tafel am liebsten selbst eine taffeln.
Manchmal stelle ich mir vor, irgendwo sitzen kluge Köpfe in einer Besprechung und tüfteln: „Wie sparen wir Material, ohne dass es sofort auffällt?“ Einer hebt vorsichtig die Hand und sagt: „Wir machen alles ein bisschen kleiner.“ Der nächste ergänzt: „Und erhöhen den Preis.“ Kurzes Schweigen. Dann tosender Applaus.
Goldmedaille für meinen Holzperlenvorhang - aus robust wurde luftig. Silber für den Wäscheständer - aus standhaft wurde empfindsam. Und Bronze geht an die Chips-Tüte - früher Familienpackung, heute eher ein Kennenlern-Angebot für Kartoffeln.
Vielleicht ist das einfach der Lauf der Zeit. Alles wird leichter. Nur seltsamerweise nie das, was wir an der Kasse dalassen.
Und während ich das hier schreibe, klappert mein neuer Holzvorhang zaghaft vor der Tür. Nicht mehr dieses satte klock-klock-klock wie früher. Eher ein vorsichtiges: klöck … klack … kläckerchen - ach, lassen wir das ...
So ungefähr fühlt sich Qualität anno heute an.
Bürgerreporter:in:Hildegard Grygierek aus Essen |
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