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Brüsseler Allerlei: Viele Meiler sind gefährlich

Viele Meiler sind nicht gegen Erdbeben geschützt. Vor allem ausländische Reaktoren bekommen schlechte Noten. Das ergab der Stresstest, den EU-Kommissar Günther Oettinger gestern vorstellte. Er forderte die Konzerne auf, nachzurüsten und Versicherungen gegen Notfälle abzuschließen.

Europas Atomkraftwerke (AKW) müssen sicherer werden: Fast alle 145 Meiler haben Nachrüstungsbedarf, doch keiner der 132 Reaktoren in Betrieb muss vom Netz. Das ist das Ergebnis eines Stresstests, den Energiekommissar Günther Oettinger gestern in Brüssel vorgestellt hat.

In Deutschland standen zwölf Standorte mit 17 Reaktoren auf dem Prüfstand, von denen neun am Netz sind. Die Prüfer beanstanden vor allem unzureichenden Schutz vor Erdbeben. So fehlen in Brokdorf, Brunsbüttel, Emsland, Grohnde und Krümmel seismische Stationen, um vor Erdstößen zu warnen. Auch richtet sich die Bauweise der Kraftwerke nicht nach den strengsten internationalen Richtwerten für Erdbebenwellen aus. Diese Kritik gilt auch für die Meiler Isar 1 und 2 in Bayern. Zudem fehlen in allen deutschen Kernkraftwerken umfassende Pläne zum Unfallmanagement, die jeden Zustand von der Vollauslastung bis zum Nichtbetrieb abdecken. Damit sei nicht sichergestellt, ob im Ernstfall optimal reagiert werden könnte, so die Kontrolleure.

Der Energiekommissar forderte die Atomkonzerne auf, umfangreiche Nachrüstungen vorzunehmen. Der Investitionsbedarf hierfür beträgt zwischen 10 und 25 Milliarden Euro. Pro Kraftwerksblock geht es um 30 bis 200 Millionen Euro. Auf die Betreiber kommen aber nicht nur durch die Nachrüstung Kosten zu. Um für Unfälle finanziell gewappnet zu sein, sollen Eon und Co. sich pflichtversichern, forderte Günther Oettinger. Er räumte ein, dass dies zu einem weiteren Anstieg der Strompreise führen werde: "Die Versicherungspflicht führt zu gewissen Kosten, was wiederum am Ende im Strompreis abgebildet wird." Er sagte auch, dass eine Versicherungspflicht die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit von Atomstrom nicht stärken werde. Sein Auftrag sei es aber nicht, "durch Sicherheitsdumping den Kernkraftstrom billig zu machen", so Oettinger.

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) versprach, Schlussfolgerungen aus dem Bericht zu ziehen: "Der Stresstest darf nicht einfach ad acta gelegt werden." Allerdings werde bei möglichen Maßnahmen der Atomausstieg bis 2022 miteinbezogen: "Es ist natürlich wenig vermittelbar, wenn Deutschland jetzt noch stark nachrüstet und Frankreich nicht, obwohl die Atomkraftwerke dort noch 20 Jahre in Betrieb sind."

Vor allem in Frankreich, wo 58 Reaktoren stehen, liegt einiges im Argen. Die Prüfer kritisieren für quasi alle dortigen Standorte die Lagerung von Unfallausrüstung und sehen Mängel bei der Prüfung von Erdbeben- und Flutgefahren. Das gilt auch für Frankreichs ältestes Atomkraftwerk Fessenheim, das bis Ende 2016 stillgelegt wird.

Auch in den Niederlanden weist das AKW in Borssele mehrere Kritikpunkte auf: sie reichen von unzureichendem Erdbebenschutz bis zur Lagerung der Notfallausrüstung. Die belgischen Reaktoren in Doel und Tihange sind nicht optimal gegen extreme Temperaturen geschützt. In Tihange wird auch in Sachen Notstrom bei Erdbeben Nachbesserung empfohlen.

Atomkraftgegner kritisieren die Sicherheitschecks als unzureichend. Die Bedrohung durch Terror-Angriffe sei nicht vernünftig einbezogen worden. "Es gibt ernsthafte Risiken, die nicht untersucht wurden. Die Regierungen müssen die ältesten und unsichersten Reaktoren schnell abschalten", erklärte Greenpeace. Vorschreiben kann die EU-Kommission den Regierungen aber das Abschalten nicht.


Brüssel: Stresstest: Viele Meiler sind gefährlich
won Wolf STAG- zuletzt aktualisiert: 05.10.2012 - 12:30
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