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Mit Highspeed in die Bedeutungslosigkeit: Die lokale Tageszeitung hat ihre Zukunft längst hinter sich

BU: „Meine“ Zeitung spricht mit den Mächtigen: Die Mutti hat den Hauptstadt-Korrespondenten der Zeitungsgruppe Lahn-Dill ein ganzseitiges Interview gegeben – „tiefenentspannt und konzentriert“. Da sieht man mal wieder: Die Medienprofis aus Wetzlar haben ihr Ohr am Puls des Geschehens und sind sogar in der Hauptstadt mit einem eigenen Büro vertreten.
 
„Good Times, Bad Times“, sangen Led Zeppelin schon 1969. Erstere scheinen auch für Wetzlarer Zeitungsmacher definitiv vorbei zu sein. Im vierten Quartal 1998 hatte die Zeitungsgruppe Lahn-Dill noch 80.999 Abonnenten, Ende vergangenen Jahres waren es gerade noch 54.882, wie aus der aktuellen IVW-Auflistung hervorgeht. (Foto: Quelle: IVW)
Den gedruckten Tageszeitungen ging es auch schon mal besser. Manche behaupten sogar, sie hätten ihre Zukunft längst hinter sich. Die Auflagen sacken seit Jahrzehnten konstant, die Abonnenten sterben weg oder schöpfen aus anderen Informationsquellen. Das hat einerseits zum Tod vieler kleinerer Häuser geführt, andererseits den Konzentrationsprozess im Verlagswesen deutlich beflügelt. Folgen: Gleichschaltung und weniger Meinungsvielfalt. In Deutschland gibt den Angaben des Bundes deutscher Zeitungsverleger (BDZV) zufolge aktuell noch 333 Tageszeitungen, 22 Wochenzeitungen und 6 Sonntagszeitungen. Zusammen hätten diese eine Auflage von rund 19,09 Millionen Exemplaren. Ist jetzt angesichts der aktuellen Einwohnerzahl unserer Michel-Republik (82,2 Millionen) auch nicht so berauschend….
Vor allem für jüngere Leser besitzt das gedruckte Wort in dieser Form und biederen Aufmachung vielfach keine Relevanz mehr. Es ist gerade jungen Leuten auch kaum zu vermitteln, 440 Euro für ein Jahres-Abo hinzublättern zu sollen, wenn sie als „Gegenleistung“ ein Produkt erhalten, das in weiten Teilen aus Agenturmaterial, versteckter PR, behördlichen Pressemitteilungen, Vereinsnachrichten und News aus dem La-La-Land besteht. Das ist auch für Lokaljournalisten eine schmerzliche Erfahrung. Sie haben, weil zu bequem, selbstgefällig und zunehmend unglaubhaft geworden, ihre Deutungshoheit über die Ereignisse in der Region längst verloren.

Trotzige „Weiter-so“-Mentalität

Bei der Suche nach den Ursachen wird der schwarze Peter schnell einmal dem bösen Internet zugeschoben. Doch das ist zu kurz gegriffen. Die Krise ist vielerorts hausgemacht. Trends und Entwicklungen, gerade hinsichtlich des geänderten Nutzungsverhaltens, wurden schlichtweg verschlafen, Inhalte und deren Aufbereitung nicht den Präferenzen der Smartphone-Generation angepasst. Und eine trotzige „Weiter-so“-Mentalität, wie sie vielerorts noch immer vorherrscht, verleiht dem Niedergang noch mehr Tempo.

Die Dynamik der Talfahrt nimmt zu

Das lässt sich auch im mittelhessischen Bereich sehr schön beobachten. Exemplarisch an der in Wetzlar ansässigen Zeitungsgruppe Lahn-Dill, dem laut Eigenwerbung „bedeutendsten Medienhaus“ der Region. Selbiges hat seit 1998 30 Prozent seiner Abonnenten verloren und bringt es aktuell in den Landkreisen Lahn-Dill, Marburg-Biedenkopf und Limburg -Weilburg gerade noch auf 54.882 Bezieher. Vor 18 Jahren waren es derer noch knapp 81.000. Hier wie andernorts versucht man verzweifelt, den Abwärtstrend zu verlangsamen, das aber mit ziemlich mäßigem Erfolg. Die Dynamik und Tempo der Talfahrt sind stärker. Konzepte und Strategien, wie diese Entwicklung aufzuhalten wäre, sind von Verlag zu Verlag unterschiedlich – und zeitigen mitunter ziemlich kuriose Erscheinungsformen.

Tiefenentspannter Exklusiv-Plausch bei Mutti

Die Mittelhessen-Presse beispielsweise hat, um vor ihren noch verbliebenen Lesern weltoffen und gut aufgestellt da zu stehen, sogar ein eigenen „Hauptstadtbüro“ eröffnet – auf dem Papier. „Unsere“, also „meine“ Hauptstadt-Korrespondenten“, die aus dem Wetzlarer Pressezentrum, haben exzellente Kontakte, Zugriff auf exklusive Informationen und gehen im Kanzleramt ein und aus. Klingt doch toll, oder? Da sind die treuen und angesichts von so viel Kompetenz staunenden Leser daheim auf dem platten Land doch immer gut bedient und auf dem Laufenden. Vergangene Woche haben die an der politischen Front stehenden Außendienstler der Domstädter Zentrale sogar die Mutti, unsere Volkskanzlerin, bei einem „tiefenentspannten und konzentrierten“ Interview gelöchert. Dass es sich bei besagten Outdoor-Mitarbeitern um solche einer kommerziellen und zur Holzbrinck-Verlagsgruppe gehörenden Medien Service GmbH handelt, die Dutzende weiterer Zeitungen in Deutschland beliefert, wird wohlweislich verschwiegen. „Unser Mann in Berlin“ klingt doch da schon viel besser, oder?
Ach ja: Wo steckt eigentlich der Kollege, den die Zeitungsgruppe Lahn-Dill im Weißen Haus akkreditiert hat? Von dem hat man seit längerem nix mehr gehört. Und von ihrem investigativen Undercover-Enthüller aus dem Kreml auch nicht. Die Lage an der hiesigen Zeitungsfront war noch nie so schlimm wie immer. Der Versuch einer Analyse: http://www.rotorman.de/pruegeleien-beim-fruehstuec...
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