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Schutzkleidung für Apotheken nicht vorgesehen

Lange habe ich geschwiegen, aber jetzt reicht es! Eine kleine Vorgeschichte zum besseren Verständnis: Ich bin nun schon seit über 20 Jahren Pharmazeutisch-Technische-Assistentin in einer öffentlichen Apotheke. Eigentlich mag ich meinen Beruf-eigentlich....Als ich vor gut 6,5 Jahren in meiner jetzigen Apotheke angefangen habe, waren wir immer 2 PTA´s, ein Apotheker und eine PKA. Durch Sparmaßnahmen bin ich jetzt mit dem Apotheker fast den ganzen Nachmittag allein. Das bedeutet, ich bediene die Kunden, gehe ans Telefon, mache Wareneingang und kümmere mich um alles was sonst noch anfällt-am Abend wenn ich nach Hause komme, bin ich platt. Mein Chef (wir sind eine Filialapotheke) ist nicht tarifgebunden, das heißt, dass ich seit 6,5 Jahren keine Gehaltserhöhung mehr erhalten habe, obwohl ich Mitglied im Berufsverband ADEXA bin-nicht einmal ein Inflationsausgleich steht uns zu. Durch die extrem knappe Personalplanung haben auch die Spannungen untereinander extrem zugenommen, was ich als absolut unangenehm empfinde, da wir früher ein sehr nettes Team waren. Es gab einige Kündigungen in den letzten Jahren und auch unsere PTA-Praktikantin wurde nicht übernommen, obwohl sie eine ganz tolle PTA ist und wir viel Zeit und damit Geld in ihre Ausbildung investiert haben. Bitte denken Sie jetzt nicht, dies sei ein Einzelfall. Ich habe viele Gespräche mit Kolleginnen geführt und mußte auch des Öfteren mit meinem Berufsverband telefonieren. Immer wieder wurde mir bestätigt, dass so der Alltag in den Apotheken aussieht, obwohl die Arbeit nicht weniger, sondern immer mehr wird. Dies betrifft wie in anderen Branchen vor Allem auch die Bürokratie. Langsam frage ich mich, warum in Apotheken immer von Gesundheit gepredigt wird, aber die Mitarbeiter, als das wervollste Gut, dabei nicht berücksichtigt werden. Rückenschmerzen, Überlastung, Bornout haben Einzug in die Apotheke gefunden. Jedem Kunden soll man noch einen kostenlosen Gesundheitstipp mit auf den Weg geben, aber wer kümmert sich eigentlich um uns? Arbeiten bis zum Umfallen und dann einfach ersetzt werden? So einfach geht das nicht, denn inzwischen sind Apothekenangestellte Mangelware geworden. Da hilft auch kein Konjunkturpaket mit meist unsinnigen Maßnahmen oder ein Apothekenvideo, das zeigt, wie es eigentlich sein sollte. Doch die Realität sieht in ganz vielen Apotheken ganz Anders aus. Obwohl ich eine Herzblut-PTA bin, würde ich diesen Beruf nicht mehr erlernen wollen. Ich habe in letzter Zeit immer gesagt, dann setz ich mich halt zum Aldi an die Kasse. Da verdiene ich vielleicht ein bißchen weniger, aber hab nicht so viel Verantwortung und Bürokratie. Durch die Coronakrise habe ich aber gemerkt, dass es den Verkäuferinnen eigentlich auch nicht besser geht, als uns-aber dazu gleich mehr.

Seit dem 1. gemeldeten Coronafall am 27.Januar hat sich viel verändert. Vergangenen Montag (16.03.2020) wurde der Katastrophenfall für Bayern ausgerufen. Seit Mittwoch dürfen nur noch 4 Kunden die Apotheke betreten. Sie sollen (!!!) sich auf die 4 roten Punkte in der Apotheke stellen. Plexiglasschutzscheiben sollen irgendwann nächste Woche kommen. Weiße Kittel sollen auch wieder getragen werden-sind bestellt. Seit Mittwoch wurden wir angehalten einen OP-Mundschutz zu tragen. Wenn man sich allerdings erkundigt, so kann man überall nachlesen, dass diese Art von Mundschutz, keinen wirklichen Schutz vor Viren bietet. Lt. der AG KatPharm, die in der DAZ eine Checkliste Pandemie für öffentliche Apotheken herausgebracht hat, ist zum Schutz mindestens eine FFP 2 Schutzmaske erforderlich. Diese sollte aber nicht länger als 2 Stunden am Stück und nicht länger als 6 Stunden am Tag getragen werden(wir haben durchschnittlich aber 10,5 Stunden geöffnet). Dazwischen sollten jeweils 30 min Pause liegen.
Desweiteren ist zu lesen, dass das Bundesgesundheitsministerium versucht, schnellstmöglich Schutzkleidung und Atemmasken zu beschaffen, die dann an Arztpraxen, Krankenhäuser und Behörden verteilt werden sollen (werden die nicht auch in China produziert?). Über eine Verteilung an Apotheken ist nichts bekannt (DAZ Nr.12). Ja, Sie haben richtig gelesen, wir Apotheken gehören zwar zur "Kritischen Infrastruktur", die essentiell ( = lebensnotwenig) für die Bevölkerung zur Versorgung mit wichtigen Arzneimitteln ist, doch ein Schutz vor dem Virus ist nicht vorgesehen. Genauso ist es auch für die Kassiererinnen in den Supermärkten, Baumärkten, Getränkehandlungen usw.. Der Abstand zum Kunden ist unter 1 Meter, die Ansteckungsgefahr also relativ hoch. Was passiert, wenn diese Mitarbeiter krank werden, wenn Supermärkte und Apotheken usw. aufgrund von Personalmangel zusperren müssen? Daran darf ich gar nicht denken, denn dann geht es nicht nur, um des Deutschen liebstes Klopapier. Panik wäre die einzig logische Folge und das wäre verheehrend. Die politischen Dankesworte verpuffen bei diesen Gedanken, wie Zigarettenrauch-bloß nicht einatmen. Ich frage mich, warum setzt man bei den wichtigen Lieferketten, nicht auf besonderen Schutz der Mitarbeiter? Was ist, wenn beim Großhandel die Mitarbeiter erkranken, wenn die Fahrer, die uns jeden Tag kistenweise Medikamente bringen, nicht mehr kommen können? Und noch ein Gedanke kommt mir in den Sinn. Was ist wenn eines unserer altgedienten Atomkraftwerke einen richtigen Störfall hat? Ich wohne und arbeite im 50 km Umkreis von Gundremmingen, einem der letzten Siedewasserreaktoren in Deutschland, das trotz massiver Sicherheitsmängel immer noch läuft (BUND).

Wenn schon bei einem Virus, das in Deutschland eine bisherige Todesrate von "nur" 0,3 Prozent aufweißt, zu wenig Schutzkleidung vorhanden ist, was würde dann bei einem Supergau passieren?

Das indische Wirtschaftsministerium hat den Export von 26 Wirkstoffen ausgesetzt, so konnte man am 04.03.20 in der PZ lesen. Darunter sind einige wichtige Antiobiotika. Trotz alledem hört man von der großen Politik, alles sei in Ordnung und es gäbe keine ernsten Lieferengpässe. Doch, die gibt es-und nicht erst seit Corona! Ich stehe an vorderster Front und weiß wovon ich spreche.
Und noch eines macht mir Sorge: Unser Grundgesetz soll jetzt plötzlich geändert werden. Warum? ich habe es nicht wirklich verstanden. An der jährlichen Influenza sind bisher viel mehr Menschen gestorben, als am Coronavirus. Jedes Jahr gibt es Grippewellen, wo auch viele Menschen krankheitsbedingt ausfallen und behandelt werden mußten. Doch der Notstand wurde deswegen seit Jahren nicht ausgerufen, keine Schulen geschlossen oder Cafe´s zugesperrt. Ich frage mich wirklich ernsthaft, was hier los ist!
Und wo sind bei all dem Notstand, die von der Politik ach so hoffierten Internetapotheken wie Doc Morris und CO? Können die auch etwas Anderes außer Billig? Den Preis der Sparmaßnahmen müssen wir nun wir bezahlen-der Ein oder Andere bezahlt es sogar mit seinem Leben!

Bleibt gesund UND munter
Eure Kollegin 

P.S.: diesen Brief habe ich an sämtliche Apothekenvertretungen, das Gesundheitsministerium und eine Redaktion geschickt-ob´s was bringt? keine Ahnung...
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Simon W. aus Wesel | 22.03.2020 | 21:24  
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