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Kurze Einführung in die Bevölkerungsprognose – Teil 2

er Beitrag beschäftigt sich mit der „Naturkonstanten“ der Geschlechterverteilung bei der Geburt; dieser Wert ist einer der drei Elemente der natürlichen Bevölkerungsbewegung. Es geht um die Wahrscheinlichkeit eines männlichen Geborenen.

Ungleichgewicht ist normal
Das Verhältnis der beiden Geschlechter ist nicht gleich: Es werden - wenn der Mensch in die Natur nicht eingreift - etwas mehr männliche Kinder geboren.
Die Ursachen für das Ungleichgewicht sind nicht bekannt. Die Sexualproportion, die exakt keine Konstante ist, unterliegt
räumlichen
zeitlichen
sozialen
Schwankungen. Sie ist ferner abhängig von
der Sozialschichtenzugehörigkeit der Eltern
der Reihenfolge der Geburt (Erstgeborene sind häufiger männlich)
sexualphysiologischen Faktoren (zeitlicher Zusammenhang zwischen Eisprung und Geschlechtsverkehr).
Die Sexualproportion männlich zu weiblich ist rund
115 : 100 bei Totgeborenen
123 : 100 bei Fehl-Geborenen im 6. Schwangerschaftsmonat
202 : 100 bei Fehl-Geborenen im 4. Schwangerschaftsmonat.
Daraus ergibt sich, dass zwischen dem Geschlechterverhältnis zum Zeitpunkt
der Zeugung (primäres Geschlechterverhältnis)
der Geburt (sekundäres Geschlechterverhältnis)
zu unterscheiden ist. Offenbar ist der Anteil der männlichen Leibesfrüchte bei der Zeugung erheblich höher als es das Geschlechterverhältnis bei der Geburt erwarten lässt. Der Einwand, dass dies einer Reihe von biologischen und hier wirkenden Zufallsprinzipien widerspreche, ist nur vordergründig stichhaltig: Denn bei der Reifung des männlichen Samens, von dem ja bekanntlich das Geschlecht bestimmt wird, werden zwar gleich viele Samenfäden mit dem x- wie mit dem y-Chromosom erzeugt, nur ist damit ja noch nicht gesagt, dass beide auch die gleiche Befruchtungswahrscheinlichkeit besitzen.
Der weltweite Durchschnittswert liegt bei rund 106 männlichen auf 100 weiblichen Geborenen. Daraus ergibt sich die Wahrscheinlichkeit eines männlichen Geborenen von rund 0,515.
Die zeitlichen Schwankungen mit einer deutlichen Erhöhung der Anzahl der männlichen Geborenen in und vor allem nach Kriegen wird bisweilen dadurch erklärt, dass durch die größere Zahl der männlichen Geborenen „die Natur“ die Männerverluste des Krieges wieder ausgleichen will. Dieser Erklärungsversuch wird jedoch von dessen Kritikern als unbegründet und unlogisch zurückgewiesen, denn die im Kriege gefallenen Männer seien 20 oder 30 Jahre alt, sie hinterlassen Witwen bzw. heiratswillige Mädchen in entsprechendem Alter, die in neugeborenen Jungen wohl kaum die Ehepartner finden könnten, die durch den Krieg verloren gingen. Dieser Einwand der Kritiker ist nun aber seinerseits wieder unlogisch, denn fehlen in einer Altersgruppe die Männer, dann werden die heiratswilligen Frauen auf jüngere Männer ausweichen und nehmen damit ihrerseits den jüngeren Frauen die deren Alter entsprechenden heiratsfähigen Männer weg, sodass diese Frauen nun ihrerseits wiederum auf jüngere Männer ausweichen. Diese Altersverschiebung setzt sich so lange fort, bis der höhere Anteil der männlichen Geborenen zum Ausgleich beitragen kann. In der heutigen Zeit ist aber diese „Kriegstheorie“ ohnehin zweifelhaft, da die Kriegsverluste sich immer mehr sowohl auf Männer als auch auf Frauen auswirken: Die Kriege werden immer häufiger als Krieg auch oder gerade gegen die Zivilbevölkerung - insbesondere gegen die Frauen und Kinder - geführt, sei es, um so ein angebliches militärisches Ziel zu erreichen oder, was wohl mehr der Wahrheit entspricht, einfach die Bevölkerung des Feindes zu dezimieren oder auch ganz zu vernichten. Andere Erklärungsversuche dieses Kriegszeitenphänomens gehen auf die mangelhafte Ernährung in Kriegszeiten zurück: Der Eiweißmangel führe zu der beobachteten Geschlechterverschiebung.
Der Mensch greift ein
In dieses natürlich gegebene Verhältnis greift der Mensch auf drei Arten ein:
Tötung des Lebendgeborenen, wenn das Geschlecht nicht genehm ist. In unserer Systematik bedeutet dies eine Erhöhung der einjährigen Sterbewahrscheinlichkeit für das Alter 0 des betreffenden Geschlechts.
Abtreibung des Ungeborenen, wenn das Geschlecht nicht genehm ist. In unserem System bedeutet dies eine Senkung der Geburtenwahrscheinlichkeiten aber auch eine Änderung des Anteils der männlichen Geborenen, wenn die Abtreibungen systematisch gegen ein bestimmtes Geschlecht (meistens das weibliche) gerichtet sind.
Manipulierung bei der Verwendung des Spermas (künstliche Befruchtung nach Sperma-Bearbeitung). In unserem System bedeutet dies eine Änderung der „Naturkonstanten“ Anteil männlicher Geborener.
Solange die menschlichen Eingriffe aber von der Menge her nicht all zu hoch liegen, kann man für unsere Berechnungen für die Wahrscheinlichkeit eines männlichen Geborenen diesen Wert als eine „Naturkonstante“ ansehen und ihn mit einem plausiblen Wert (z.B. 0,515) in die Rechnung einsetzen. Wie sich eine Verschiebung des Geschlechterverhältnisses auf die Bevölkerungsstruktur auswirkt, lässt sich in Bevölkerungsmodellen zeigen.
Fehler in der Wahrscheinlichkeit
Die Ursache der möglichen Fehler liegt in der Datenerfassung sowie in der fehlerhaften Geschlechtsbestimmung. Die Größe des Fehlers ist sicher vernachlässigbar klein, denn die natürlichen Schwankungen sind erheblich größer.
Fehler in der Wahrscheinlichkeit eines männlichen Geborenen wirken sich bei langfristigen, die Reproduktion der Bevölkerung betrachtenden Prognoserechnungen dahin aus, dass dadurch der Bestand an gebärfähigen Frauen verändert wird. Dieser Folge-Fehler wird aber durch die viel stärker wirkenden Änderungen in der Geburtenwahrscheinlichkeit in den Berechnungen völlig überdeckt. Für unsere Untersuchungen spielt dieser Fehler mithin keine Rolle.
Männermangel und Männerüberschuss
Es gibt heute kaum noch einen Zweifel: das weibliche ist das eigentliche, das primäre Geschlecht, die Männer sind nur ein Anhängsel, ein ausgelagertes Gendepot. Aber ganz ohne sie geht die Reproduktion auch nicht, jedenfalls nicht bei dem Tier Mensch. Also wie wirkt sich Männerüberschuss oder Männermangel auf die Reproduktion aus?
Biologisch ist die Fruchtbarkeit vorgegeben: Die Frau wird in ihrem Leben kaum mehr als 30 Geburten fertigbringen und dass bedeutet praktisch, sie wird kaum mehr als 30 Kinder haben. Die biologische Obergrenze der Fruchtbarkeit des Mannes liegt erheblich höher, wie nicht nur einfache theoretische Überlegungen ergeben, sondern auch ganz praktische Beispiele so manches Haremsbesitzers zeigen, dem mehrere Hundert Kinder nachgesagt werden. Der Mann ist also bisweilen nur ein Zuchtbock, was übrigens in mancher, die besondere Männlichkeit bezeichnenden Ausdrucksweise auch deutlich gezeigt wird: Da wird doch von „Hirsch“, „Stier“ oder „Hengst“ gesprochen.
Für unsere Überlegungen bedeutet dies, dass ein Männerüberschuss die Reproduktion nicht oder nur sehr gering beeinflussen kann, weil hier sehr bald an die biologischen oder Willensgrenzen des weiblichen Teils der Bevölkerung gestoßen wird. Der Männerüberschuss kann natürlich (theoretisch) dazu führen, dass der weibliche Bevölkerungsanteil gezwungen wird, seine Willensgrenze mehr oder weniger aufzugeben, bzw. nach oben zu verschieben, aber eben an der biologischen Grenze ist in jedem Fall das Ende aller Möglichkeiten erreicht. Im Ergebnis können wir also feststellen, dass ein Männerüberschuss für die Reproduktion praktisch bedeutungslos ist.
Hierzulande gilt die Sitte, dass sich Männlein und Weiblein hübsch pärchenweise zur Zeugung und Aufzucht der lieben Kindlein zusammenzufinden haben. Unter dieser Bedingung führt ein Männermangel zu allein bleibenden Frauen, die nach dieser Sitte, dann auch kinderlos zu bleiben haben. Aber spätestens seit des Märchens von 1001-Nacht wissen wir, dass es auch anders geht. Der Harem, so wird von wissenden berichtet, sei ursprünglich erfunden worden, um bei Männermangel nach kriegerischen Auseinandersetzungen immer noch genügend für die Reproduktion der eigenen Volksgruppe tun zu können. Außerdem war der Harem als Schutzort der Frauen gedacht. Folgt man den Berichten von Haremsbewohnerinnen, dann wird der Harem von den Frauen durchaus geschätzt, weil er ihnen Sicherheit und Unterhalt für sich und ihre Kinder bedeutet. Das zwangsweise Festhalten geraubter und entführter Frauen gegen ihren Willen ist also nur die Ausnahme. Die Darstellungen des Harems als Ort der Männerlust sind in der Mehrzahl auch mehr den Märchen entnommen - und der männlichen Phantasie des Abendlandes. Und, Hand auf Herz, ihr sittenstrengen Mitteleuropäer, was macht ihr? Wer konnte und wollte hielt (und hält!) sich Mätressen, Liebchen, Freundinnen und jede Art von Liebesdienerinnen - aber wer von all denen diese Dienste nutzenden Männern hat etwas anderes als seine Lust im Sinn gehabt? Kinder waren hier doch nicht das männliche Ziel, sondern lediglich ein Verkehrsunfall. Und trotzdem, wenn der weibliche Teil der Beziehung einen Kinderwunsch realisieren will, wird sie es immer auch zu erreichen wissen, notfalls auch gegen den Willen des Mannes und auf die Gefahr, die Beziehung auseinandergehen zu lassen. In diesem Fall sind sogar verheiratete Männer mit Kindern bevorzugt, denn die haben ihre Qualitäten bereits bewiesen. Der fehlende Trauschein ist kein Hindernis, wie die große Zahl der außerehelichen Geborenen beweist. Und im Übrigen: Noch nie ist eine Frau allein vom Trauschein schwanger geworden.
Also, bis zu einem gewissen Grade, kann Männermangel durch andere Sitten und Gebräuche bequem ausgeglichen werden. Daraus folgt, dass wir für unsere Betrachtungen der Reproduktion eines Volkes, solange kein Grund dafür vorliegt, etwas anderes zu tun, die Menge der Männer einfach übergehen. Für die Reproduktionsprognosen sind allein die Frauen entscheidend.

17.01.2018
Hermann Müller
Bentierode
Bentieröder Bruch 8
D-37574 Einbeck
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