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Schwannecke: „Es macht Freude, das Handwerk zu vertreten“

Holger Schwannecke, Generalsekretär des ZDH (Foto: ZDH)
 
Logo des ZDH (Foto: ZDH)
 
DAS HANDWERK - DIE WIRTSCHAFTSMACHT. VON NEBENAN. (Foto: Imagekampagne Handwerk)
 
Innungszeichen des Malerhandwerks (Foto: BV Farbe)
Im Interview mit dem Magazin NordHandwerk (1/2013) erklärt ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke, warum er gerne für die Interessen des Handwerks eintritt. Er kritisiert die Politik: „Im Wahljahr fehlt es an Entscheidungsfreudigkeit.“ Er entwickelt Perspektiven für die Energiewende: „Das Handwerk ist gut aufgestellt.“ Und er fordert die Betriebe auf, offensiv um Nachwuchs zu werben.

Herr Schwannecke, die Politik empfindet den ZDH unter den Spitzenverbände in der Wirtschaft als besonders schlagkräftig und „quirlig“. Immerhin hat er in den vergangenen Jahren beträchtliche Steuersubventionen für seine Klientel herausgeholt. Das stand kürzlich im Tagesspiegel geschrieben. Lesen Sie daraus Lob oder Tadel ?

Holger Schwannecke: Das ist doch positiv. Wir verlassen gerne ausgetretene Pfade und werben kreativ für unsere Positionen. Bei der Politik kommt an, dass wir uns nichts am grünen Tisch ausdenken, sondern uns intensiv an den Bedürfnissen und Problemen der Betriebe orientieren. Es wird gegenüber der Politik aus der Praxis für die Praxis argumentiert. Das Ergebnis dieser intensiven Überzeugungsarbeit mag manchen überraschen. Vielleicht ist das mit quirlig gemeint .

Aber wenn der Erfolg von Interessenvertretung gemessen wird am Abschöpfen von Subventionen...

Schwannecke: ... dann passt das nicht zum Handwerk mit seiner nachhaltigen Kultur der Betriebsführung. Außerdem muss man genau hinschauen, ob es immer um „Subventionen“ im klassischen Sinne geht. Oder ob ein politisch und gesellschaftlich gewollter finanzieller Anreiz gesetzt wird, der längst nicht nur dem Handwerk allein zu Gute kommt. Beim Thema energetische Gebäudesanierung etwa wird das ganz deutlich. Über steuerliche Anreize sollen doch nicht die Handwerksbetriebe subventioniert werden. Es geht darum, hier weitere private Investitionen anzuschieben und so das große Ziel der Energiewende zu beschleunigen. Klima- und Ressourcenschutz sind eine zentrale Zukunftsfrage für die Gesellschaft. Ein anderes Beispiel ist die steuerliche Absetzbarkeit von Handwerksleistungen. Auch hier wird oft fälschlich von Subvention gesprochen. Tatsächlich ist das ein positiver Anreiz für die Handwerkskunden, Aufträge legal zu vergeben. Es ist unstrittig, dass sich der sogenannte Steuerbonus bei der Zurückdrängung der Schwarzarbeit bewährt hat.

Täuscht der Eindruck, dass der ZDH wie die Handwerksorganisation insgesamt im Ansehen ihrer Mitgliedbetriebe eine Art Renaissance erlebt?

Schwannecke: Wenn das so ist und wir mit unserer Arbeit daran Anteil haben, dann freut mich das sehr. Ich glaube, das Handwerk erlebt insgesamt eine Renaissance. Weltweit werden die Leistungen des deutschen Handwerks kommuniziert und beachtet – nehmen Sie die Erfolge der dualen Ausbildung, die Qualität der Manufaktur-Produkte, die längst weltweit über Online-Shops vertrieben werden, oder den guten Ruf des Handwerksmeisters. Entwicklungen wie etwa die Wegwerfmentalität werden heute kritisch diskutiert, nachhaltige Produktionsweisen sind im Kommen. Und unsere Imagekampagne hat zusätzlich den Anstoß dafür geliefert, dass Handwerk als Wirtschaftsgruppe neu betrachtet wird. Auch der Beitrag des Handwerks für die Gesellschaft und für die Bewältigung der Zukunftsaufgaben wird neu bewertet. Ohne Handwerksunternehmer und ihre Mitarbeiter gäbe es weder freiwillige Feuerwehr noch Technisches Hilfswerk, sie unterstützen Vereine, finanziell oder im Ehrenamt, sie sind durch Übernahme von Verantwortung in Politik und Gesellschaft wichtige Stützen der Demokratie. Großunternehmen mussten CSR erst erfinden, um neben diesem Engagement des Handwerks bestehen zu können.

Zu der eben angesprochenen ganz eigenen Kultur der Betriebsführung in unseren Personenunternehmen zählt zentral die Übernahme von Verantwortung. Das gilt gegenüber Mitarbeitern und Kunden, das ist die Grundlage für die besondere Ausbildungs- und Qualifizierungskultur. Familienbetriebe denken stets auch an die kommende Generation und wirtschaften nachhaltig. Das ist zeitgemäß und zukunftsfähig und trägt besonders in Krisenzeiten zur Stabilisierung der Wirtschaft insgesamt bei. Mit diesen Leistungen überzeugen wir auch die Politik, selbst wenn das nicht in jeder Gesetzesentscheidung sichtbar werden sollte.

Nach dem absoluten Boomjahr 2011 hat sich die Handwerkskonjunktur im vergangenen Jahr auf hohem Niveau stabilisiert. Die Umsätze sind gut, die Stimmung in den meisten Betrieben ist es auch. Es muss Spaß machen, Handwerksunternehmer zu sein. Macht es auch Spaß, in diesen Tagen und in dieser unübersichtlichen politischen Gemengelage leitender Lobbyist der „Wirtschaftsmacht. Von nebenan.“ zu sein?

Schwannecke: Ja, es macht Freude, die Interessen der Wirtschafts- und Gesellschaftsgruppe Handwerk zu vertreten. Handwerk ist nicht anonym, sondern hat ein Gesicht für den Kunden. Handwerk ist sympathisch. Handwerk ist immer da. Und Handwerk ist authentisch. Das ist sicher auch ein Pluspunkt bei der Interessenvertretung. In diesem Jahr fehlte es der Politik jedoch an Entscheidungsfreudigkeit. In der Krise geht es oft nur ums Geld. Auch die anstehende Bundestagswahl lähmt die Politik. Wir bleiben natürlich am Ball, denn die Situation wird sich im Herbst schnell wieder ändern.

Reizthema Energiewende. 2022 soll das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehen. Ob das gelingt ist fraglich. Sicher ist, das die Energiewende teuer wird. Die EEG-Umlage wird zum 1. Januar fast verdoppelt. Außerdem wird durch das Energiewirtschaftsgesetz der Stromkunde mit in die „Offshore-Haftung“ genommen. Eine verlässliche Planung gibt es nicht. Ist die Politik auf einem guten Weg?

Schwannecke: Die Neuausrichtung der Energiepolitik hat das Handwerk von Beginn an positiv bewertet. Die drei Säulen Netzausbau, Erneuerbare Energien und Energieeffizienz sind richtig. Natürlich gibt es bei diesem enormen Projekt deutliche Risiken – Grundlast, Kosten, Netzausbau und vieles mehr. Wir haben aber immer auch die riesigen Chancen betont, die in diesem Projekt stecken. Und hier spreche ich sowohl über die Chancen für das Handwerk, als auch für die Zukunft des Technologiestandorts Deutschland.

Auch die Notwendigkeit eines Masterplans für die Energiewende haben wir sehr früh ins Gespräch gebracht. Denn Verlässlichkeit und Bezahlbarkeit sind in der Energieversorgung unverzichtbar. Nach wie vor fehlt jedoch eine solche Planung. Gesprochen wird dagegen fast nur über die Kosten und über Probleme. Aber mit einer solchen Diskussion nimmt man die Menschen nicht mit, sondern verprellt sie. Meine Sorge ist, wenn die Politik nicht sehr schnell beim Thema Energiewende positive Akzente setzt, verdichtet sich in den Unternehmen und in der Bevölkerung der Eindruck, das kostet, kostet, kostet, und das klappt nicht. Das tut der Sache absolut nicht gut.
Die politische Performance ist eher unglücklich, oder?

Schwannecke: Ja. Wenn sich Bund und Länder, wie kürzlich auf dem gemeinsamen Energiegipfel geschehen, auf ein abgestimmtes Vorgehen verständigen, ist das gut und dringend notwendig. Bei den Vermittlungsverfahren im Bundesrat konnten wir allerdings noch nicht feststellen, dass das in der politischen Praxis schon angekommen ist .
Bundesumweltminister Peter Altmaier will im März konkrete Vorschläge für eine grundlegende Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) machen. Eine kleine Hoffnung für Stromkunden?

Schwannecke: Mein Optimismus, dass es vor dem Frühjahr 2014 gelingt, zu Regelungen zu kommen, von denen die Bürger und die Unternehmen etwas haben, ist sehr gebremst. Ich kann gegenwärtig keine einheitliche Linie bei den Parteien und im Verhältnis Bund-Länder erkennen.

Weil wir eine schnelle Reaktion brauchen, haben wir einen Kompensationsvorschlag eingebracht, den man zeitlich befristen kann. Die Politik ist gut beraten den Sorgen von Unternehmen und Haushalten bezüglich der Entwicklung der Strom- und Energiepreise Rechnung zu tragen.

Im Bundesrat verweigern die Länder seit eineinhalb Jahren der steuerlichen Förderung der CO2-Gebäudesanierung ihre Zustimmung, weil sie hohe Steuerausfälle fürchten.Diese Argumentation erscheint angesichts leerer Kassen nachvollziehbar.

Schwannecke: Die Länder ziehen sich auf eine rein haushalterische und im Ergebnis kurzsichtige Argumentation zurück. Natürlich sind sie auf die Schuldenbremse fokussiert und müssen jeden Euro in ihren Haushaltsansätzen prüfen. Wenn einer Ausgabenposition keine Einnahme gegenübersteht, dann ist das ein Problem. Mit dieser Sichtweise wird aber ignoriert, dass die steuerliche Förderung, die zunächst als Belastung wirkt, schon kurz- und mittelfristig einträgliche Erlöse bei Umsatz- und Einkommensteuer, sowie Sozialbeiträgen verspricht. Mit einem Euro Fördermittel werden acht bis neun Euro an privaten Investitionen angestoßen, hat die KfW unwidersprochen vorgerechnet. Außerdem geht es bei der Klimapolitik um viel mehr als Haushaltsbilanzen. Es geht um Innovation und Zukunftsfähigkeit in allen Bereichen der Wirtschaft, es geht um zukunftssichere Arbeitsplätze, es geht um die Funktionsfähigkeit unserer Sozialsysteme. Und es geht um Klimaschutz, um die ökologische Dimension.

Die totale Blockade der steuerlichen Förderung der energetischen Gebäudesanierung im Bundesrat, insbesondere von Bundesländern wie Berlin und Nordrhein-Westfalen, ist in keiner Weise akzeptabel. Das Abstruse an der Sache ist, dass alle politischen Akteure die Förderung der energetischen Sanierung für einen vielversprechenden Weg halten. In der entscheidenden Abstimmung am 12. Dezember wurden dann jedoch parteitaktische und parteistrategische Überlegungen über sachlich notwendige
Entscheidungen gestellt. So beschädigt sich Politik selbst.

Warum brauchen wir bei der energetischen Sanierung steuerliche Anreize neben den KfW- und anderen Programmen. Die Energiepreise kennen nur eine Richtung. Irgendwann merkt auch der verschlafenste Eigenheimbesitzer, dass er viel Geld sparen kann, wenn er seine Immobilie dämmt?

Schwannecke: Die gezielte Zuschussförderung der KfW findet ihr Publikum, zinsverbilligte Kredite dagegen sind angesichts der derzeitigen Zinsentwicklung eher unattraktiv. Wichtig ist es jetzt, privates Kapital für Investitionen zu erschließen. Es ist ein Phänomen, dass dies am besten gelingt, wenn es eine Möglichkeit gibt, Steuern zu sparen. Daher werden wir auch im Wahljahr weiter auf unserer Forderung beharren. Zusätzliche Mittel für die bestehenden Förderwege bereit zu stellen, ist eine gute Entscheidung der Bundesregierung. Aber in der nächsten Legislaturperiode muss die steuerliche Förderung wieder auf die Agenda gesetzt werden.
Die Energiewende und energetische Sanierung muss nicht nur finanziert, sie muss auch realisiert werden. Dazu braucht es speziell qualifizierte Fachkräfte.

Haben wir die heute?

Schwannecke: Ja. In den vergangenen Jahren haben wir mehr als 20.000 zertifizierte Gebäudeenergieberater im Handwerk ausgebildet – neben Handwerksmeistern zum Beispiel auch Architekten und Ingenieure. Für die richtige Beratung haben wir also viel getan. Bei den ausführenden Fachkräften ist die Situation vergleichbar. Hier wurden zahlreiche Ausbilduns- und Meisterprüfungsordnungen auf die energiepolitische Thematik abgestimmt. Wir sind wirklich gut aufgestellt. Es ist auch kein Zufall, dass der ZDH die Federführung für das Programm „Build up Skills“ von der Europäischen Union übertragen bekommen hat. Die Initiative ermittelt mit Blick auf die klimapolitischen Ziele der EU etwaige Defizite an Fachkräften und Know-how im Baubereich.

Im Qualitätswettbewerb braucht das Handwerk allgemein gut ausgebildete Fachkräfte. Wie lässt sich sicherstellen, dass der Wirtschaft auch in Zukunft ausreichend Fachkräfte zur Verfügung stehen?¶

Schwannecke: Zuallererst durch Ausbildung. Die Aufgabe für die Betriebe lautet: Jugendliche finden, fördern und an das Unternehmen binden. Die Lehrstelle ausschreiben und warten, was da kommt, funktioniert nicht mehr. Die Zahl der Schulabgänger sinkt, der Wettbewerb um Jugendliche verschärft sich. Die Betriebe müssen sich stärker konzeptionelle Gedanken machen. Viele tun das bereits und sind damit sehr erfolgreich. Die kümmern sich oft auch um Jugendliche, die sich eher schwer tun, eine Ausbildungsstelle zu bekommen. In Neumünster – um nur ein Beispiel zu nennen – hat ein Dachdecker in seinem Betrieb eine private Nachhilfeklasse aufgebaut. Das ist richtig klasse. Dieser Handwerksmeister spricht ja nicht nur die Kinder und Jugendlichen an, er erreicht auch alle sozialen Bezugspersonen. ¶
Wir wollen aber auch an die höher Qualifizierten heran. Alle Schulabsolventen sollen sich für das Handwerk öffnen, auch Abiturienten. Die Politik unterstützt uns da: Sie wirbt in einer Kampagne für die duale Ausbildung. Und noch wichtiger: Sie hat im Deutschen Qualifikationsrahmen dokumentiert, dass die berufliche Bildung der akademischen Bildung gleichwertig ist. Bachelor und Handwerksmeister stehen auf einer Stufe. Für mich ist das ein ganz entscheidendes politisches Signal für Jugendliche, für Eltern, für Lehrer und für die Gesellschaft insgesamt. Ebenso die Möglichkeit, dass sich ein Hauptschüler über den Erwerb des Meisterbriefes für den Besuch der Universität qualifizieren kann. Berufliche Ausbildung ist längst keine Sackgasse mehr, im Gegenteil: Sie ist durchlässig und bietet allen engagierten Jugendlichen ausgezeichnete Entwicklungschancen, ganz individuell nach Talent und Engagement.

Fachkräftediskussion kreist zunächst um den Aspekt Berufsnachwuchs finden. Es geht aber auch darum, den ausgebildeten Fachkräfte im Betrieb zu halten. Tun die Unternehmen hier genug?

Schwannecke: Eine ganze Reihe Untersuchungen zeigt, Geld hat nur eine geringe Bindewirkung. Andere Faktoren sind ungleich wichtiger. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf etwa, flexible Arbeitszeiten, fachliche Förderung und Entwicklungsperspektiven. Das sind Punkte, auf denen wir als Handwerk aufsetzen können. Unsere Aufgabe als Organisation wird es sein, die Unternehmen zu unterstützen, sich alle Möglichkeiten der Mitarbeiterbindung zu erschließen. Unser familienpolitisches Forum hat gezeigt, dass allerorten best-practice-Beispiele praktiziert werden. Diese müssen wir nun verstärkt in die Öffentlichkeit, aber auch in die Betriebe transportieren. Alle sind dabei gefordert: die Kammern, die Verbände und Innungen, die Kreishandwerkerschaften.

Jugendliche für das Handwerk zu öffnen ist auch das Ziel der bundesweite Imagekampagne des Handwerks. Wie lautet Ihre Zwischenbilanz am Ende des dritten Kampagnenjahres?

Schwannecke: Die regelmäßigen Abfragen zeichnen ein deutlich verbessertes Bild. Ein Ziel war, das Handwerk in der Öffentlichkeit bekannter zu machen. Zweitens wollten wir deutlicher machen, wofür Handwerk steht. Die Botschaften sind angekommen. Die Menschen sehen das Handwerk in der Mehrheit jetzt als vielfältig, kunden- und qualitätsorientiert, innovativ, technikaffin und zukunftsträchtg an.

Bei unserer wichtigsten Zielgruppe, den Jugendlichen, haben wir eine Art „Aha-Effekt“ bewirkt. Jetzt wollen wir mit der Botschaft: "Das Handwerk bringt dich überall hin" intensiv dafür werben, dass sich die Jugendlichen dann auch tatsächlich für eine Ausbildung im Handwerk entscheiden. Neue, gruppenspezifische Aktionen sind in Arbeit. Wir haben eine gute Agentur. Und ich bin optimistisch, dass wir damit erfolgreich sein werden.

Zum Thema Sozialabgaben: 2013 wird die Praxisgebühr abgeschafft, der Rentenversicherungsbeitrag sinkt. Außerdem diskutiert die Bundesregierung die Zuschussrente und eine stärkere Anrechnung von Erziehungszeiten auf die Rente. Können wir uns das leisten?

Schwannecke: Mir ist es gegenwärtig zu viel, was da an Leistungen und Versprechungen in der Pipeline ist. Der große Auftrag lautet nach wie vor Haushaltskonsolidierung. Die Politik ist gut beraten, mit neuen Wohltaten sehr vorsichtig zu sein. Was einmal auf den Weg gebracht wird, lässt sich hinterher nur schwer wieder zurückholen. Die Zuschuss- oder Lebensleistungsrente gehört gewiss zu den problematischen Vorhaben.

Dass man die Überschüsse der gesetzlichen Rentenversicherung zurückgibt, ist richtig. Das entlastet Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Wir haben oft genug die Erfahrung gemacht, dass Beitragsüberschüsse, die nicht schnell rückerstattet wurden, eilig zu anderen als den ursprünglichen Bestimmungszwecken wanderten.

Nicht glücklich bin ich darüber, dass die Praxisgebühr gestrichen wurde. Sie war ein wichtiger Aspekt der Eigenverantwortung im System. Man hätte besser daran getan zu fragen, warum die Lenkungswirkung dieses Instruments nicht ausreichend funktioniert hat. Ich bin in jedem Fall überzeugt, dass wir zukünftig noch viel stärker darauf setzen müssen, dass die Eigenverantwortung des Einzelnen gestärkt wird – unabhängig von der Kassenlage.
Seit einigen Monaten ist das 2008 reformierte Erbschafts- und Schenkungssteuergesetz Gegenstand öffentlicher Diskussion. Kritiker meinen, es räume Erben von Betriebsvermögen zu große Vorteile ein. Inzwischen hat es der Bundesfinanzhof dem Bundesverfassungsgericht zur Prüfung vorgelegt.

Müssen Betriebsnachfolger sich sorgen machen?

Schwannecke: Ich habe ja keine Kristallkugel auf dem Tisch, in die ich schauen könnte. Wir müssen das Urteil aus Karlsruhe schon abwarten. Eine Rückwirkung, sollte es zu einer schlechteren Lösung kommen, wird es zumindest nicht geben.

Für mich ist wichtig, in den kommenden Diskussionen darauf hinzuweisen, dass sich das Betriebsvermögen schon von reinem Kapital- bzw. Sachvermögen unterscheidet. Betriebliches Vermögen sorgt für Arbeitsplätze, für Einkommen, für Wohlstand. Der Nutzen betrieblicher Aktivitäten ist ungleich höher als das reine Horten von Kapital. Das allein rechtfertigt es schon, diesen Bereich sehr sorgfältig in den Blick zu nehmen. Die Erbschaftsteuer bleibt auf unserer Tagesordnung. Das werden spannende Diskussionen. Da bin ich sicher. ¶
Bürokratielasten und deren Abbau sind ein Dauerthema für das Handwerk. Haben Sie persönlich und in ihrer Funktion als Generalsekretär des ZDH noch Lust/Motivation, sich auf diesem Feld zu engagieren.

Stichwort: Tachografenpflicht.

Schwannecke: Mit Lust tue ich mich bei diesem Thema schwer. Meine Motivation gewinne ich eher aus der Einsicht in die Notwendigkeit für die Betriebe, unnütze Bürokratie zurück zuführen. Dabei liegt der Akzent auf unnütz. Was nun die Tachografenpflicht angeht: Es ist schlichtweg ein Skandal, was da auf europäischer Bühne betrieben wird. Vor einigen Jahren bekam der ZDH für einen diesbezüglichen Vorschlag eine Auszeichnung. Trotzdem ist es noch immer nicht gelungen, ein praktisches Ergebnis zu erreichen. Mehr noch, unsere Idee zum Bürokratieabbau droht in ihr Gegenteil verkehrt zu werden.

Im September ist Bundestagswahl. Was vertragen Handwerk und Mittelstand eher: eine Fortsetzung der „ erfolgreichsten Regierung seit der Wiedervereinigung“ oder eine Neuauflage der Großen Koalition?

Schwannecke: Die politische Farbenlehre finde ich ziemlich langweilig. Es muss um eine Politik für den Mittelstand gehen. Unter der Großen Koalition hat es Entscheidungen gegeben, mit denen das Handwerk gut hat leben können. Gleiches gilt für die amtierende schwarz-gelbe Bundesregierung. Für uns sind die Sachergebnisse ausschlaggebend, die die Regierungsarbeit hervorbringt. Und da haben wir schließlich zentrale Fragen vor der Brust, beginnend beim Thema Energie über die Fachkräftesicherung bis hin zur zukunftsgerichteten Ausgestaltung der Sozialsysteme. Das ist für uns entscheidend .

Interview: Dr. Thomas Meyer-Lüttge

Quelle: ZDH

Zu Handwerksthemen finden Sie ebenfalls Beiträge unter http://malerillu.de. , dem Online Magazin der Maler- und Lackierer-Innung Düsseldorf sowie unter http://maler-düsseldorf.de und http://energie-und-fassade.de
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