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Who is who in Donauwörth im 16. Jahrhundert

Wappen der Familie Walther-Ridler im Münster Zu Unseren Lieben Frau in Donauwörth
 
Heiliger Ulrich und Afra im Münster Zu Unserer Lieben Frau mit den Wappen der Familie Roggenburger und Meuting
 
Unbekannte Schöne mit dem Wappen der Familie Imhof im Münster Zu Unserer Lieben Frau in Donauwörth
 
Wappen der Familie Lauginger aus Augsburg am Sakramentshäuschen im Münster zu Unserer Lieben Frau in Donauwörth
 
Wappen der Familie Regel im Münster Zu Unserer Lieben Frau in Donauwörth
„Who is Who in Werd?“ könnte man fragen, wenn man das Fresko im südlichen Seitenschiff der Stadtpfarrkirche in Donauwörth, die vor genau 545 Jahren am Barbaratag des Jahres 1467 geweiht wurde, betrachtet. Natürlich erkennen wir in dieser Kreuzigungsszene Jesus am Kreuz und links und rechts die beiden Schächer.
Im Hintergrund sehen wir nicht die Stadtmauer und Türme Jerusalems, sondern die Silhouette der ehemaligen Reichsstadt Donauwörth. Und unter dem Kreuz? Nicht die weinenden Frauen und oder die Bürger Jerusalems, sondern, so nehme ich an, prächtig gekleidet die Vertreter des Donauwörther Stadtpatriziats. Wer ist also wer? Die Wappen, die die Identifizierung der einzelnen Personen erleichtern würden, fehlen.

Die finden wir an den Pfeilern und in den Gewölben der Seitenschiffe der Kirche.
Im nördlichen Seitenschiff findet man die Wappen der Familien Imhof, Doninger und Rembold an Pfeilern und im Gewölbe
Im südlichen Seitenschiff sehen Sie die Wappen der Familien Vetter, Ehinger und Zinngießer und einige Wappen, die ich leider noch nicht zuordnen konnte.
Wir können davon ausgehen, dass Donauwörther Familien großzügig für den Kirchenbau gespendet haben.
In den Chorraum der Kirche aber, sind die reichsten und mächtigsten Familien des 15. und 16. Jahrhundert aus der benachbarten Reichsstadt Augsburg mit ihren Wappen eingezogen.
Besonders prächtig ist das Wappen der Familie Walther aus Augsburg, die ihre Wurzeln in Donauwörth hat.
Bei der Grundsteinlegung für die Kirche am 11. Mai 1444 durch Abt Heinrich vom Kloster Heilig Kreuz als Patronatsherr wird neben dem Spender Kloster Heilig Kreuz noch eine weitere großzügige Spenderin genannt: Elisabeth Walther.
Sie spendete 100 Gulden für den Grundstein des neuen Gotteshauses.
Elisabeth Walther(1351-1440) stammte aus der Donauwörther Patrizierfamilie Hager. Ein Verwandter, wahrscheinlich ihr Bruder- war 1400 bis 1425 Abt Johannes des Klosters Heilig Kreuz. Ein Bruder des Abtes und wahrscheinlich auch Elisabeths war der Ratsherr Erhard Hager, der als Abgesandter der Stadt Schwäbischwerd beim Konzil von Konstanz die Interessen seiner Heimatstadt vor dem Kaiser Sigismund gegen den Herzog Ludwig den Bärtigen vertrat und 1418 dort plötzlich gestorben ist.
1372 heiratet Elisabeth Hager den Kaufmann Conrad Walther (1348-1432), seine Eltern sind Conrad Walther(1308-1353) und Agnes Höchstetter (1311-1348) aus Donauwörth.
Das Ehepaar Walther spendet großzügig für die Heilig Kreuz Kirche und damalige Pfarrkirche, die noch dem Heiligen Ulrich geweiht ist. Bei Grundsteinlegung der 1425 neuerbauten Johanniskirche war Conrad Walther anwesend und hat für die Kirche gespendet. An der Stelle der Waldenserhäuser, die Waldenser wurden 1393 als Ketzer verbrannt, stiftet das Ehepaar Walther ein Pilgrim-Haus und ein Spital, das heute noch als Bürgerspital der Stadt Donauwörth existiert. Besonderen Wert legt das Ehepaar Walther auf das Anbringen einer Tafel am Haus, die auf ihre Stiftung hinweist. Die Tafel soll aus Messing sein mit einer Mahnung und Inhalt, und die Erben sind für dieses Schild verantwortlich.
Die Spende von 100 Gulden auf den Grundstein der neuen Pfarrkirche muss Elisabeth Walther testamentarisch verfügt haben, denn sie ist 1440, 4 Jahre vor der Grundsteinlegung verstorben.

Ulrich Walther (1384-1418), ein Sohn Elisabeths Walther heiratet 1408 die Augsburgerin Barbara Wieland (1387-1413) und erwirbt durch diese Heirat das Augsburger Bürgerrecht. Barbara Wieland stirbt 1413 an der Pest.
Im 13. Jahr seit Baubeginn der neuen Stadtpfarrkirche stürzt das südliche Seitenschiff ein, in der Stadt entsteht ein „Gemurmel“. Hatte der Baumeister versagt oder waren die Gelder, die zum Bau verwendet wurden nicht „rechtmäßig“ erworben. Die Bürger gehen auf Nummer sicher. Es werden neue Gelder gesammelt, und der Baumeister, Johann Knebel, wird ausgewechselt.
Zum Weiterbau der Kirche stellte Ulrich Walther II. (1419-1505) aus Augsburg Gelder zur Verfügung. Er ist der Sohn von Ulrich Walther und Barbara Wieland, ein Enkel Elisabeth und Conrad Walthers. Mit der Heirat der Augsburger Bürgerstochter Barbara Ridler (1420-1507) im Jahr 1437, macht er in Augsburg Karriere gemacht. Er ist Handelsherr, Baumeister, bischöflicher Küchenmeister und Mitglied des Rates. Das Ehepaar Walther – Ridler hat 22 Kinder, Ulrich Walther schreibt eine Familienchronik, und bei seinem Tod 1505 werden 133 Seelen an Kindern, Enkeln und Urenkeln gezählt, deren „Stammmutter“ die Donauwörtherin Elisabeth Walther geborene Hager ist.
Das Allianz-Wappen Walther-Ridler erinnert an diese großzügige Spender-Familie.

Das 15. Kind Ulrich Walthers ist Sohn Marx Walther (1456-1511), der Urenkel der Donauwörtherin Elisabeth Walther. Als Sohn eines reichen Mannes, der sein ererbtes Vermögen bedeutend vermehrt hatte, konnte sich Marx ganz seinen Neigungen widmen und das Leben und die ritterlichen Gepflogenheiten begüterter Junker nachahmen. Besonders stolz war er, sich in den kleineren „Rennen“ und Turnieren, die in Augsburg zur Fastnacht, bei Hochzeiten und anderen Gelegenheiten gehalten wurden, hervorzutun, und seine viel bewunderte Körperkraft machte es ihm leicht, auf dem Turnierplatz manch stolzen Gegner in den Sand zu strecken. Er erwarb sich dadurch in der Stadt eine gewisse Popularität, auf die er nicht wenig stolz war, und ließ 1506 von einem Maler ein Turnierbuch anfertigen, das in der Münchener Staatsbibliothek (Cod. Germ. 1930) aufbewahrt wird und seit kurzem vom Münchner Digitalisierungszentrum ins Internet gestellt wurde.
Marx Walther hat die Aufzeichnungen seines Vaters Ulrich über die Stiftungen der Familie und die Familienchronik mit einigen Ergänzungen in sein Turnierbuch eingefügt.
Die Familienchronik und die Spendenliste der Familie Walther sind in der Chronik Schwäbischer Städte veröffentlicht.
Bei seinem Abschied von den Tournieren im Jahr 1489 erschien er, um seine Stärke zu zeigen, mit einem Spieß von solcher Länge und Schwere, dass diesen zwei Wappenmeister auf den Schultern herbeitragen mussten; und als er zu Pferde saß, ließ er zu aller Verwunderung einen fast vierzehnjährigen Knaben auf die Lanze setzen und ritt so vor dem Stechen ein paar Mal auf der Bahn hin und wieder.
1484 heiratete Marx Walther Afra Meuting (1441-1503), die einer der reichsten Augsburger Kaufmannsfamilien angehörte.
Anschaulich werden die genealogischen Verbindungen der Familie Walther an diesem Stammbaum, der sich auch in dem Tournierbuch befindet, dargestellt.
Regina Walther(1444-1514), die Tochter Ulrich Walthers, heiratet 1464 Peter Imhof(1434-1482) aus Augsburg. Die Imhofs finden wir in ganz Bayern, in Nürnberg gibt es in der Lorenzkirche eine eigene Imhof-Kapelle. Die erstgeborene Tochter von Peter und Regina Imhof, die auch Regina (1465-1526) heißt, heiratet 1488 Georg Fugger(1453-1506), den Bruder von Jakob Fugger(1441-1510) und Ulrich Fugger(1490-1525). Der Sohn Regina Fuggers, geborene Imhof, Anton Fugger(1493-1560), ist der Nachfolger Jakob Fuggers, der Inhaber der Reichspflege Wörth und der Erbauer des Fuggerhauses in Donauwörth.
Das Bild Regina Fuggers, geborene Imhof, der Stammmutter der Familie Fugger von der Lilie stammt aus dem Ehrenbuch der Fugger.
Fassen wir zusammen: Die Donauwörtherin Elisabeth Walther, geborene Hager, großzügige Spenderin in Donauwörth ist die Großmutter Ulrich Walthers des Vollenders der Stadtpfarrkirche und die Urururgroßmutter von Anton Fugger, dem reichsten und bekanntesten Fugger aus Augsburg.

In den 20 Seifert'sche Stammtafeln des Regensburger Genealogen Johann Seifert(1655-1733), die in der Stadt- und Staatsbibliothek Augsburg liegen, finden wir unter den Kindern Peter Imhofs nicht nur Regina Imhof, die Frau Georg Fuggers, sondern auch Michael Imhof, den Donauwörther Bürgermeister.
Laut Johann Seifert ist der Donauwörther Bürgermeister Michael Imhof(gestorben 1520) der Onkel Anton Fuggers.
Das hochgotische Sakramentshäuschen im Chor der Stadtpfarrkirche erinnert an eine weitere großzügige Donauwörth-Augsburger Spenderfamilie.
1491 heiratet der Donauwörther Kaufmann Georg Regel (1460-1547) in eine der mächtigsten Augsburger Familien ein. Aus den Steuerlisten der Stadt Augsburg 1444-1492 geht hervor, dass die Familie Johann und Ottto Lauginger zu den Top Ten gehört, sie sind wesentlich reicher als die Familie Fugger. Barbara Lauginger(1465-1510) ist die Tochter von Otto Lauginger und Helene Rehm.
1479 hatte bereits Ulrich Fugger Veronika Lauginger(1463-1507), die Tochter von Johann Lauginger und Margarete Ridler geheiratet. Veronika Lauginger ist die Kusine von Barbara Regel, geborene Lauginger. Durch diese Heirat ist Georg Regel mit der Familie Fugger verschwägert. Die Verwandtschaft Regel/Fugger kann über „Reginald Möhner: Genealogia familiarum Patriciarum Augustarum“ nachgewiesen werden, die in der Stadt- und Staatsbibliothek Augsburg liegt.
Doch zurück zum Ehepaar Regel-Lauginger. Das Vermögen Georg Regels und das Heiratsgut der Barbara Lauginger ermöglicht dem Ehepaar großzügige Stiftungen. Sie stiften nicht nur in Augsburg in der Sankt Annakirche eine Heiliggrabkapelle direkt neben dem berühmten Fuggergrabmal
sondern auch in der neuen Pfarrkirche ihrer Heimatstadt ein Sakramentshäuschen. Baumeister des Sakramentshäuschens ist Burkhart Engelberger aus Augsburg. Er war Stadtbaumeister in Augsburg und der Erbauer der dortigen Ulrichskirche. Die figürlichen Arbeiten stammen von Gregor Erhart, der ebenfalls in Augsburg tätig war.
Am prächtigen hochgotischen Sakramentshäuschen aus Sandstein findet man neben der Stiftertafel auch die Wappen des Stifterpaares, den Fisch für Georg Regel und den Reiherflügel für Barbara Lauginger aus Augsburg.
Neben dem Walther zogen im 15. Jahrhundert noch weitere angesehene Augsburger Familien in den Chor der Stadtpfarrkirche ein.
Seit Mitte des 14. Jahrhunderts sind die Meutings in Augsburg nachweisbar. Wichtigstes Geschäftsfeld war wohl der Baumwoll- und Barchenthandel. Sie gehören Mitte des 15. Jahrhunderts zu den reichsten Familien in Augsburg. Da sich das Meutingsche Wappen, das sich in Augsburg auch der Annakirche finden lässt, unterhalb der Darstellung der Heiligen Afra befindet, könnte es sein, dass es sich bei der Stifterin um Afra Meuting (1441-1503) der Ehefrau von Marx Walther handeln könnte.
Oder ist es der Ehefrau Conrad Roggenburgers, eine geborene Meuting, zu zuordnen, mit der er laut den Steuerlisten der Stadt Augsburg von 1455 verheiratet war. Zudem befindet sich das Wappen der Familie Roggenburger am Sockel des Heiligen Ulrichs direkt neben dem Meutingschen Hund.

Nachweisen lässt sich auch eine Georg Roggenburger(1440-), Kaufmann aus Ulm, der 1466 Felicitas Fugger vom Reh(1445-1526)) geheiratet hat. Georg Roggenburger ist auch der Auftraggeber für das Liederbuch der Clara Hätzlerin.
Die letzte Familie, derer Wappen ich im Chor der Stadtpfarrkirche zu ordnen konnte, ist die Familie Ayslinger. Paul von Stetten schreibt in seiner Chronik über die adeligen Familien in Augsburg, dass es bei den Aylsinger sich um Landadel handelt, der im 14. Jahrhundert in die Stadt Augsburg gezogen ist und sich unter die Zünfte begeben hat. In den Steuerlisten der Reichsstadt Augsburg ist 1422-1434 ein Leonhard Ayslinger mit seiner Frau Elisabeth Mülich, Tochter von Johann Mülich verzeichnet. 1434 und 1441 befindet sich ein Claus Ayslinger in den Steuerlisten. 1448 scheint Leonhard Ayslinger verstorben zu sein und sein Sohn Heinrich wird genannt, der mit der Tochter des Stadtschreibers Nathanael Schleicher verheiratet ist. 1448 wird eine Tochter Ulrich Ridlers als Witwe Ayslinger genannt. Welches Mitglied der Familie Aislinger sich hinter diesem Wappen verbirgt, kann ich leider nicht sagen.

Die Wappen in der Stadtpfarrkirche, seien es die Wappen der Donauwörther Familien in den Seitenschiffen oder der Augsburger Familien im Chorraum sind wertvoll und wichtig, weil sie zur Familiengeschichte der beiden Reichsstädte, in denen die Vetter, die Ehinger, die Doininger, die Zinngießer, die Walther, die Imhof, die Meuting, die Regel, die Lauginger, die Roggenburger, die Ayslinger und die mit diesen Familien verwandten Fugger lebten, einen wichtigen Beitrag liefern. Sie eröffnen einen Einblick in die rege kirchliche Spendentätigkeit und die damit verbundene politische Einflussnahme, in der die reichen Familien Augsburgs und Donauwörths, noch unmittelbar am Vorabend der Reformation miteinander wetteiferten.
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