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Günther Beckstein: Politiker mit Leidenschaft und überzeugter evangelischer Christ

    Ministerpräsident a.D. Dr. Günther Beckstein auf dem Peterswörther Sofa

Mit einem Marsch der Peterswörther Musikkapelle und großem Beifall der Besucher wurde Ministerpräsident a.D. Dr. Günther Beckstein, MdL zum 21. PeterswörtherSofagespräch empfangen. „Mit ihnen nimmt bereits zum zweiten Mal nach Erwin Teufel aus Baden-Württemberg ein ehemaliger Ministerpräsident auf dem Sofa Platz“ stellte Walter Kaminski, Vorsitzender des Peterswörther Sprachrohr e.V., in seiner Begrüßung fest. Im bis auf den letzten Platz voll besetzten Bürgersaal hieß Kaminski besonders Gundelfingens Bürgermeister Franz Kukla willkommen.
Mirko Zeitler vom HIT Radio RT1 Nordschwaben, Moderator des Abends, meinte einleitend verschmitzt lächelnd, es sei schon mutig gewesen, zwei Franken und dann noch zwei Lutheraner auf Sofa zu setzen. Wem drücken sie bei den Relegationsspielen zur Fußballbundesliga die Daumen, lautete die etwas überraschende Einstiegsfrage an Dr. Beckstein für ein über 2-stündiges Gespräch. Und der Nürnberger Beckstein outete sich als Cluberer, denn den Augsburgern täte eine weitere Saison in der 2. Liga bestimmt noch gut. Und wenn es doch nicht für den 1. FC Nürnberg reichen sollte, dann können sie bei einer Rückkehr 2011 in die Bundesliga wenigstens den Titel Rekordmeister des Aufstiegs erringen.
Dann stand der Mensch Beckstein im Zentrum der Fragen von Mirko Zeitler. Sehr offen plauderte Günther Beckstein von seinen ersten Aktivitäten in der evangelischen Jugendarbeit und wie er dabei seine Frau Marga kennen lernte. Schmunzelnd meinte er, damals seien in der evangelischen Jugendarbeit die Jungs noch frömmer als die Mädels gewesen. Seine Frau sei immer eine wichtige Ratgeberin und Stütze, aber auch große Kritikerin bei seiner Arbeit gewesen. So kam es schon vor, dass er nach einer Fernsehdebatte ihren Kommentar hören musste „heute hast gestottert oder die Krawatte war nicht richtig gebunden“.
Gerade die Familie bedeutet für Beckstein viel und man merkte es ihm an, wenn er aufrichtig über sie erzählte. Entscheidend sei für ihn gewesen, der es vom Juristen bis zum Ministerpräsidenten brachte, nie die Bodenhaftung zu verlieren. So wollte er immer dort wohnen, wo seine Wähler zu Hause sind. Bodenhaftung bedeutete für Beckstein auch, dass er immer im Telefonbuch stand und seine Familie nie Polizeischutz hatte. Selbstverständlich auch, dass seine Kinder ganz normale Schulen und Klassen mit einem hohem Anteil an Kinder mit Migrationshintergrund besuchten.
Er habe bei seiner politischen Arbeit nicht ein bestimmtes Amt angestrebt, verneinte Beckstein, die Frage, ob er als Ziel hatte, einmal Ministerpräsident zu werden. Und, dass es bis so weit war, erzählte Beckstein ungeschminkt, gab es bittere Niederlagen z.B. als er die Oberbürgermeisterwahl in Nürnberg verlor. Momente, wo man nicht mehr wollte. Er schilderte wie er nach verschiedenen Ämtern in der Fraktion schließlich im bayerischen Innenministerium zunächst Staatssekretär und dann Innenminister wurde. Ein Amt, das ihm wie auf den Leib geschneidert war. Es wurde spürbar, als er von den Aufgaben, den Problemen und der Verantwortung sprach. Ein Amt, das viel Kraft abverlangte aber auch Freude bereitete.
„Welches Gefühl hatten sie, als sie zum ersten Mal allein im Büro des Ministerpräsidenten waren?“
Beckstein freimütig „ich habe Stolz empfunden und ich habe mich hingekniet, ein Bittgebet gesprochen“. Ungewöhnlich mögen die Zuhörer gedacht haben. Für den überzeugten evangelischen Christen Beckstein selbstverständlich. Er wollte als Ministerpräsident immer vor Augen haben, dass der Ministerpräsident vor dem Herrgott nicht mehr wert ist als jeder andere. Ein Ministerpräsident muss immer Diener sein und ist kein Halbgott, verdeutlichte Beckstein sein Verständnis vom Amt. Überraschend für viele, aber getragen von diesen Gedanken, habe er eine Figur des heiligen Antonius – für einen Protestanten ungewöhnlich – in seinem Amtszimmer aufgestellt und nicht die Büste von Franz-Josef Strauß behalten.
Natürlich wurde die politische Karriere Becksteins in Frage und Antwort beleuchtet, mit der Zeit im Kabinett und als Bayerischer Ministerpräsident, wie auch aktuelle Themen wie z.B. die Gefahr durch den Terrorismus angesprochen wurden. Sein Verhältnis zu Edmund Stoiber oder Erwin Huber ebenso wie das Ende der Ära Stoiber eingeläutet wurde, blieben nicht außen vor. Klar, Beckstein schilderte nicht alles im Detail, doch er stellte freimütig ohne Zurückhaltung die damalige Situation dar, auch wie sich Veränderungen im Miteinander – ein auf und ab – entwickelten.
Die Wahl zum Ministerpräsidenten war ein Höhepunkt seiner politischen Laufbahn. Bei seiner ersten Regierungserklärung im Landtag sagte er „ich will Politik mit Mut und Demut“ machen – ein Anspruch, der für ihn Leitlinie seines politischen Credos war und ist. Dass die erste Auslandsreise Becksteins als Regierungschefs Bayerns in den Vatikan führte, war für den evangelischen Ministerpräsidenten eine Verbeugung vor der katholischen Kirche mit ihrer Verwurzelung in Bayern. Tief beeindruckt zeigte Beckstein sich auch heute noch von der Audienz bei Papst Benedikt XVI.. Er habe den Papst selbstverständlich mit Heiliger Vater angesprochen, seine Frau Marga als evangelische Christin jedoch mit Herr Ratzinger plauderte Beckstein über den Besuch etwas aus dem Nähkästchen. Die sehr persönlichen Erzählungen, Eindrücke eröffneten den Zuhörern Einblicke in das Leben und Denken von Dr. Günther Beckstein.
Aber auch die bitterste Stunde und größte Enttäuschung die Niederlage bei der Landtagwahl 2008 wurde nicht ausgeklammert und Beckstein wich nicht aus. Es sei hart gewesen und nicht ganz einfach „vormittags noch Ministerpräsident die Nummer 1 in Bayern und am Nachmittag nichts mehr.“ Neben seinem Glauben habe ihm in dieser Situation der praktische Rat seiner Frau Marga „Günther, sei nicht so wehleidig“ sehr geholfen.
Von Mirko Zeitler auf die derzeitig Lage der Kirchen angesprochen, bekannte Beckstein, die Kirchen stecken in einer Krise. Doch dürfe nicht vergessen und übersehen werden, welche wertvollen Dienste die Kirchen in der Gesellschaft leisteten. Scharf verurteilte Beckstein die Missbrauchsfälle, die aufgearbeitet werden müssen. Dabei müssen die Opfer im Mittelpunkt stehen, nichts dürfe verschleiert oder vertuscht werden.
Nachdem Beckstein in der Publikumsfragerunde nicht auf die Landesbank angesprochen wurde, meinte er, vielleicht traue sich keiner ihn danach zu fragen, dann sage ich eben selber etwas.
Es wurde zu einem nachdenklichen Schlusswort. „Ich bin mir bewusst, dass ich Mitverantwortung habe, dass wir Millionen in den Sand gesetzt haben.“ Dies geschah nicht aus Geldgier und, so Beckstein, habe er nicht unmittelbar schuld daran. „Aber es belastet mich sehr stark“. Beckstein sagte, er könne verstehen, dass den Menschen im Blick auf die Turbulenzen auf den Finanzmärkten angst und bange werde. Man dürfe der Jugend nicht die Zukunft verbauen, appellierte Beckstein an alle Verantwortlichen in Politik wie Finanzwirtschaft. Deutschland müsse wieder lernen, weniger Geld auszugeben, als es einnimmt – nur so kann Zukunft gestaltet und unsere Schulden im Hinblick auf kommende Generationen abgebaut werden.
Der Vorsitzende des Peterswörther Sprachrohrs e.V. Walter Kaminski bedankte sich bei Dr. Günther Beckstein für sein Kommen und das sehr offene Gespräch. Vielleicht sollten die heutigen Politiker sich an das Wort „Demut“ aus seiner Regierungserklärung 2007 nicht nur erinnern, sondern es verinnerlichen, meinte Kaminski. Als Gruß aus Peterswörth überreichte Gerhard Hörbrand, Kassierer des Peterswörther Sprachrohrs e.V., unter großem Applaus der Besucher Ministerpräsidenten a.D. Dr. Beckstein einen handgefertigten mit Gemüse gefüllten Weidenkorb.
Nach dem Eintrag ins goldene Buch der Stadt Gundelfingen und des Gästebuchs im Bürgersaal, ließ es sich Dr. Günther Beckstein nicht nehmen mit den Besuchern bei einem Glas Bier und einem Wurstsemmel noch zu reden. Doch vorher musste Beckstein noch ein Radieschen aus dem Korb naschen. So „volksnah“ hatten die Peterswörther einen ehemaligen bayerischen Landesvater noch nicht erlebt.
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