Anzeige

Tannöd - Hinterkaifeck: Filmkritik zu Perchtenlauf und Haberfeldtreiben

Haberer /Perchte aus Huckenham
 
Salzburger Land Krampus/ Perchte vom Brandecker
Diedorf: haus der kulturen | Hinterkaifeck – Tannöd :

Niederbayerisches Brauchtum zwischen Haberfeldtreiben und den wilden Hausbesuchen der Perchten.
Hier gibt es die Perchtenszenen: http://www.youtube.com/watch?v=gqpfzJkCWXc
Über Filmgehalt und -qualität mag an anderer Stelle diskutiert werden.

Perchtenläufe im Umkreis von Schrobenhausen sind freilich ein wenig weiter hergeholt eben aus dem ober/niederbayrischen Rottal 200 km weiter südöstlich von Vilsbiburg oder südlich und östlich von München in Kirchseeon , Dietramszell und Peissenberg.
Dorthin waren sie am Ende des 19. Jhdts von Holzfällern aus dem Salzburgischen gebracht worden. Und auch heute noch treiben die Klopfersleut ,Perchten und Druden in Bad Griesbach, Pep Schmalhofers lärmend trommelnde Perchtenschar, die Perschten von Soj und Penzberg in den Rauhnächten ihr Unwesen.
Das wilde Gefolge der Frau Perchta , der Göttin von Winterelend und Frühjahrszauber treibt es besonders wild in den Nächten zwischen Wintersonnwend und Neuem Jahr.
Mit Schellengeläute, lautem Rufen und Trommeln wurden so früher auch Bär und Wolf und die bösen Geister aus dem Umkreis der Dörfer vertrieben.
Durchaus denkbar wäre es, wenn auch im Schrobenhausener Forst noch solches Brauchtum am Anfang des 20. Jhdts. beheimatet war, als sich die Tragödie von Hinterkaiffeck / Tannöd zugetragen hat, verbrieft ist es aber nicht.
So ist manchem Heimatforscher beim dramaturgischen Kunstgriff mit den lautstark und bildwirksam eingesetzten Perchtenmasken des Pfarrwerfener( Land Salzburg) Maskenschnitzers, Kostümschneiders und Feuerwerkers Brandecker nicht so ganz wohl, wird hier doch mehr Salzburgisches Brauchtum zelebriert als solches aus Wittelsbacher Landen.
Tatsache aber bleibt, daß in allen größeren Forstgebieten in Bayern, Salzburger Holzwerker angelöhnt waren und allmählich seßhaft wurden. Das Rottal heißt ja auch nicht umsonst im Umkreis das Waldland und auch um Schrobenhausen erstrecken sich ausgiebige Wälder. Wen würde es also wundern, wenn auch dort der Salzburger Brauch des Maskenschnitzens und Perchtenlaufens heimisch geworden wäre. Aber Vorsicht spricht man vom Perchtenlauf Salzburger Tradition, so meint man nicht jene unsäglich traurigen Schnitzwerke nach Horrorfilmen, welche in gleichmacherischer Perfektion fast schon so übelkeitserzeugend naturalistisch sind wie jene billigen Latexmasken made in Mexiko oder heute made in China.
Man glaubt es kaum, aber selbst renomierte Bildhauer scheuen sich nicht, aus Gründen des außergewöhnlich guten Geschäftsverdienstes jungen Menschen nach Ihren Film und Gruppenzwang geprägten Wünschen nicht nur mit Heisskleber plastifizierte und übermodellierte Sägerohlinge zum Wahnsinnnspreis zu verhökern, sondern in Ihnen auch noch das Wettrüsten nach :“Wer hat die Größten und teuersten Hörner „anzustacheln. Frau Perchta sollte Ihnen wie aus der Mythe bekannt, all Ihre Hobelspäne und den Kehricht des letzten Jahres in den aufgeschlitzen Bauch hineinkehren.
Ein ganz anderer Brauch spielt aber auch im Niederbayerischen und um Miesbach auch eine ganz wichtige Rolle: Das Haberfeldtreiben.
In letzter Zeit wieder in der Presse aktuell, als der Vorstand der Bauernschaft in der Gegend von Miesbach heimgesucht (daheim besucht) und öffentlich bei Nacht und Nebel von schwarz geschminkten und aberwitzig bewaffneten und vermummten Gesellen in Schmähreden angegriffen wurde.
Zwischen Tegernsee und Inn findet sich in den gerichtlichen und kirchlichen Aufzeichnungen schon seit frühester Zeit dieses alte Brauchtum, das aber früher meistens wohl wesentlich ruppiger mit dem vermeintlichen Übeltäter an der Dorfgemeinschaft zu Gerichte zog. Prügel waren wohl noch das kleinste Übel, was dieser frühbayrische „Kukluxclan“ seinen Delinquenten zukommen lies, wenn er sie über´s Haberfeld treiben wollte.
Bei Bad Griesbach in kleinen Ort Reutern findet sich sogar eine alte geweihte Grotte, die wohl schon sehr viel früher Treffpunkt der Haberer war. Einige bildhafte Felsritzungen in der Höhlenwand scheinen diese Vermutung zu bestätigen.
In Bad Griesbach , Huckenham und Bayersdorf nimmt man auch aufs Haberer-brauchtum Bezug , wenn man mit den Perchtenmasken laut lärmend von Haus zu Haus zieht.
Die nordwestlichste Gemeinde mit Perchtenlauf ist sogar noch über Schrobenhausen hinaus gelegen aber Thierhaupten, dort allerdings in den Gersthofener Fasching integriert. 2008 fand dann auch in Dasing ein Perchtenlauf statt, hier wurden aber Salzburger Gruppen eingeladen.
Auch in Gersthofen wird im Fasching 2010 eine Gruppe mit ganz alten und traditionellen Perchten-masken auftreten, die das Maskenmuseum Diedorf verliehen hat.
Dort kann man im Übrigen besonders alte und ausdrucksstarke Masken aus dem Alpengebiet bewundern. Fast 1000 solcher gruseligen Fratzen bilden den Kern der Ausstellung: „Krampus, Perchta und der blutige Thammerl“.
Gerne würde das Museum auch mutigen und brauchtumsinteressierten Läufern durch kostenloses Ausleihen von Masken und Kostümen im Umkreis von Augsburg zu Hilfe gehen, um auch hier im Landkreis diesen Brauch einzuführen bzw.wieder zu beleben.
Anfragen bei Michael Stöhr unter www.maskenmuseum.de., www.maskenfreunde.de, webmaster@maskenmuseum.de oder 08238/60245
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.