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Neun alte Leichen am Thieplatz hoch über dem Strom. Auf dem Weg zu einer Gruselführung im Maskenmuseum Diedorf

      Ich nehme den Strom genau an der Stelle, wo Bio-naturkost Kraus verzweifelt versucht, sich gegen die allabendlichen Abgasschwaden durchzusetzen. Ich nehme die Fussgängerampel. Während sie auf grün schaltet, versuchen sich 5 Autos und 2 Busse erleichtert und fast gleichzeitig neben mir durch die kleine entstandene Lücke im großen knatternden Strom aus endlosen Lichterreihen mit ins Feierabendgetriebe reinzumogeln - es gibt im ganzen Diedorfer Innenraum keine für Autos geschaltete Ampel um über den Strom zu kommen. Diedorf will keine Autos im Ort haben, aber es will den Strom. Der Strom ist Leben, der Strom bringt Geld in die Kassen der kleinen und großen Betriebe -das allerdings hofft man nur. Sicher ist: der Strom bringt Menschen ins kleine verschlafene Nest acht km westlich von Augsburg, bringt sie rein, bringt sie raus, führt sie immer durch ohne anzuhalten. Er bringt sie verlässlich immer und immer wieder, stundenlang fast monoton, aber dann plötzlich morgens und abends gewaltig anschwellend wie nach einer heftigen sintflutartigen Regenzeit. Der Strom bringt die Menschen mit den Autos, die man in Diedorf nicht mag, für die man aber im Ort große Parkplätze gebaut hat, auf denen man aber wie auch auf den Diedorfer Straßen Halteverbotsschilder aufgestellt hat, damit die Menschen mit den Autos nicht halten. So ist das. Hat jemand einen Parkplatz erwischt, versucht er schnurstracks zu Fuss durch die doppelte Reihe vorwärtsschiebender Auto über den Strom zu schwimmen dabei tänzelnd vor und zurück zu trippeln , bis zur Mitte, dem Gegenverkehr hierbei ausweichend wie ein Torero dem Stier. Jemand balanziert die Tüte mit den Leberkäsesemmeln vom Kruis hinüber zum Getränkemarkt. Zusätzlich bepackt mit ein paar Flaschen Bier - zum abendlichen Genuß ausschliesslich - geht es dann wieder zurück, geschickt zwischen den Autos hindurch tanzend, zwei vor - Drehung - ein Schritt zurück, weitere Drehung und drüben! Der Strom bringt die Menschen hierhin, führt sie langsam und stockend durch - wer wollte hier auch halten? - führt sie weiter auf der B300 von Memmingen nach Augsburg oder am Abend zurück in eine der anderen Städte und Dorfgemeinden der Stauden zu beiden Seiten seines Ufers. Keine der anderen, ausser der gleichermaßen unseligen, weil ebenso bestraften Schwestergemeinde Gessertshausen, wurde aber freilich je so innig von ihm durchströmt, so pulsierend durchblutet wie unsere Heimatgemeinde. Für die Anderen gab es ja schon seit über zwanzig Jahren meist eine Ortsumleitung, so wie es eben der Fortschritt und die möglichen staatlichen und kommunalen Fördermöglichkeiten es zu längst schon "damaliger" Zeit erlaubten. Diedorf hat nicht geschlafen, Diedorf liebt den Strom eben.
Die Autos hupen: "Penn` doch nicht! "
Genug des Sinnierens! Jetzt aber zügig die paar Schritte rüber über die Strasse und dem Strom wieder Lauf geben.
Drüben!
Ich höre, ich fühle geradezu körperlich, wie der Strom wieder hinter mir anschwillt, wie er weiterschiebt wie ein Malstrom tosend in beide Richtungen. Ich sehe auf die Uhr: Das ging doch recht schnell!
Als Autofahrer wartet man oft über 10 Minuten, bis sich in der treibenden Masse beidseitig und zufälligerweise gleichzeitig zwei verständnisvolle Fahrzeuglenker finden, die wie Felsen in der Brandung all die anderen zurückhalten, bis sich so zwischen den angestauten Automassen ein schmaler Spalt ergiebt, um schnell in dieser einmalig günstigen Sekunde das eigene Auto über die Straße zu katapultieren .
Drüben!!
Der Blick auf die Uhr sagt mir, daß ich noch etwas zu früh dran bin für die nächtliche Gruselführung im Maskenmuseum. Was tun? Mich dort im winterlich kalten Museum herumdrücken, bis die jugendlichen Besucher mit Ihren Eltern erscheinen?
Nebel liegt in der Luft. Er drückt in Schwaden über die schmale Steige herunter, die neben der Metzgerei Kruis den steilen Berg zum Friedhof hinaufführt, vermischt sich dort unten mit den Autoabgasen und wird mit dem Strom weitergewirbelt. Spontan entschließe ich mich, einen kleinen Umweg weg von der stinkenden Straße zu machen und mich so vorbei am einsamen, stets menschenleeren Bürgerhaus und in Sichtweite des nächtlichen Friedhofs auf die Führung und die Gruselgeschichten leicht ein wenig einstimmen zu können. Die Treppe ist steil, so daß man fast erwartet, man könnte oben durch die Oberlichter der Metzgerei in den brodelnden Topf mit der Kesselsuppe hinein schauen. Durch ein Gebläse dringt dampfend würziger Bratenduft in die kühle Winterluft. Doch die erwarteten Fenster in den Schlachtraum gibt es nicht. Vor mir liegt märchenhaft angestrahlt oben am Berg die kleine alte Barockkirche mit dem Zwiebelturm.
Auf dem Dach - bei Nacht jetzt nicht zu überprüfen - das leere Storchennest, Diedorfs ganzer Stolz und mögliche Begründung ,warum der Strom nicht durch die sumpfigen Schmutterauen geleitet werden kann. Dieses Landschaftsschutzgebiet ist doch wesentlicher Tummelplatz von Storch und Co. Diedorf tut etwas für seine Bürger!
Storch und Co. im sonnigen Süden und ich quäle mich durch den eisigen Winterabend!
Hinter der verwitterten Kirchenmauer liegt der alte längst aufgelassene und eingeebnete Friedhof . Ein gutes Stück weiter, gerade von hier aus noch in seinen weitgesteckten Grenzen zu erahnen, liegt die riesige Fläche seines modernen Nachfolgers. Man würde nicht denken, daß man hier auf Diedorf´s Gottesacker auf so viele Neu,- und Altbürger warten könnte, die all die geplanten Gräber belegen sollen, wäre da nicht Kursana.
Während ich an der alten Kirche vorbeischlendere, fällt mein Blick auf ein niedriges aber klotziges, kristallin und futuristisch aus kantigen Beton- und Glasflächen zusammengefügtes Architekturfragment , das sich im noch immer ehrwürdigen Friedhof breit macht . Es ist sogar von innen ausgeleuchtet. Davon neugierig geworden, gehe ich näher und reibe mit den warmen Handflächen das jetzt im Winter eisig beschlagene Glas der Oberfläche ab. Was mag da zu sehen sein?
Fast muß ich mir die Nase blattdrücken, so schmutzig und angelaufen und damit schwer zu durchblicken, ist das Glas auch auf der anderen inneren Seite der Abdeckung.
Nicht viel zu sehen! Nur ein paar stark angestossene Steinquader und Tuffsteine, bilden eine Art Mauerwerk, viel Lehm und Dreck und scheinbar ein paar Knochen. Was ist das? Ich blicke mich um und finde gleich daneben ein Schild mit einigen lebensnahen Zeichnungen und informativem Text.
"Grab aus vorkarolingischer Zeit (1.Hälfte 8. Jhdt.)" steht da - "Replikat des Fundes von 1961 aus dem Umfeld der Grotte. Dieses wohl schon vorgeschichtliche Heiligtum befindet sich gut ein paar Meter tiefer und fast 60 Meter weiter nördlich unten am Anhauser Bach, wurde im Barock mit einem Marienheiligtum christlich kultiviert und aus religiösen Gründen notwendigerweise dabei auch zerstört . Grotten und Quellen waren früher gerne Ort heidnischer Riten und Verehrungsplätze von Natur- und Erdgottheiten. Wurden Sie von missionarischen Mönchen entdeckt, wurden sie im harten Konkurrenzkampf meist schleunigst zerstört und dabei gerne auch gleich sicherheitshalber durch ein Christliches Heiligtum überbaut. "Grottenmaria bezwingt Quellnymphen und Elfen". Zu schade, gerne wüßte ich, welch interessante Kulturen früher in Diedorf gelebt und gelitten haben. 9 Personen, keine älter als 40 Jahre und einer höheren sozialen Schicht entstammend, wurden im Grab nach einander bestattet. Man wurde nicht gerade sehr alt in Diedorf im 8. Jahrhundert! Die aus heimischem Süsswasser-kalktuff gebaute Grabkammer misst 60x 210cm, also etwas größer als Menschendimension und ist teilweise mit Mörtelboden, teilweise mit römischem Ziegelbruchboden ausgelegt. So gab es davor hier wohl auch ein römisches Haus. Die Wände aus dem poorigen Stein waren glatt verputzt. Kalktuff ensteht, wenn wie in einer Höhle kalkhaltiges Wasser durch Wurzel- und moosdurchsetzten Boden sickert und auskristallisiert. Also muß es wirklich hier eine Quelle gegeben haben. Steinchen an Steinchen reiht sich zusammen.
Aber es gibt ja oben auf dem Hügel, wo es nichts zu suchen hat, ein Replikat des Grabes.
Ein Replikat also: So wie Lascaux 2 in der Dordogne also quasi ein Diedorf 2, ein künstliches Faksimile, eine Kopie des Fundzusammenhanges, damit am Hang unten am Bach nicht alle Welt herumstromert und die Mariengrotte entweiht. Mächtig teures Schutzgebäude für etwas , was es da oben auf dem Berg nie gegeben hat. Oder doch?
War hier oben auf der Bergkuppe, bevor die Kirche kam, nicht vielleicht gar eine alte Thiestätte, ein Gerichts- und Versammlungsplatz der vorchristlichen Zeit und der Völkerwanderung? Der Name Diedorf mit der Silbe "Thie" oder "Thing" sowie auch in Dienstag, engl. Tuesday liese das vom Wortstamm her vermuten. Gab es hier oben vielleicht auch Feiern zum Mitwinterfest, gab es das "Funkenschlagen",bei denen man im Feuer glühend gemachte Holzscheiben mit einem langen und geschmeidigen Stab weit durch die Nacht ins Anhauser Tal hinein schleudern konnte, um so Nacht und Winterkälte zu besiegen? Wer waren die Leute, die hier Versammlung hielten und zu Gerichte saßen? Waren sie mit dabei unsere Toten aus dem Tuffgrab?
Wie sahen sie aus die neun Alten aus Diedorf?
Trugen sie evtl. solche ledernen Kostüme, Nesselhosen und Kaputzenjacken aus derber Wolle oder Filz, wie es die Schauspieler vom Eukitea-Theater bei Ihren spannenden Aufführungen im Anhauser Wald in den Sommernächten zu tun pflegen. Denkbar durchaus, vieleicht ja schon möglich!
Trugen die Herren evtl. solch trutzige Helme, wie wir sie in unserem Maskenmuseum zeigen können: Evtl. ein forscher Römerhelm mit purpur gefärbter Pferdemähne? Ein mittelalterlicher Turnierhelm, ein stabiler" Hundsfott", so genannt wegen der spitzen lanzenabweisenden Schnauze, ein leichter Lederhelm der Kreuzritter ? Sicher weit daneben! Aber vielleicht solche lustigen Deckel mit Kuhhörnern drauf, wie sie ausser von Asterix auch von den "Diedorfer Germanen" auch heute noch zum reichlich alkoholischen Ausschanks verwendet werden und die zum Schutz der weichen Birne getragen werden müssen, wenn einer im Suff wieder mal versehentlich einen Baumstamm durch die Luft sausen läßt.
Wohl eher auch nicht!
Unser alten Diedorfer hatten wohl im Gegensatz zu ihren heutigen lärmenden und trinkenden Nachkommen doch eine ganze Menge an Arbeit zu leisten, um hier überleben zu können. So wie es auf dem Bilde an der Grabeskopie zu sehen ist, trugen die Männer eher eine aus Wolle gestrickte oder gefilzte Mütze mit Ohrenschonern: Genau so etwas wäre jetzt auch für meine frierenden Lauscher und die auf Hochglanz polierte Stirn gerade mal richtig.
Was die Alten wohl empfunden haben, wenn sie über das weite Tal geschaut haben, ein mit dichtem Urwald bewaldetes Tal fast ohne Felder und noch ganz ohne den Strom ? Ein weiter Blick, den unsere alten Diedorfer sicher von hier oben gehabt haben. Ein weiter Blick und noch so lange vom Heute entfernt! Ich dagegen sehe von hier oben nicht mehr direkt hinunter ins Tal. Gasthof Adler verbirgt die Bundesstraße, verbirgt den Strom direkt vor meinen Blicken. Nur ein wenig scheint das Licht über die dunklen Dächer und Bäume hoch zu schweben. Durch die erleuchteten Fenster dringt heute am Wochenende Tanzmusik. Den Strom sieht man nicht, aber man hört, ja man fühlt das Brummen der Motoren gerade zu sinnlich. Weiter hinten in Richtung Gessersthausen kann ich ihn dann erst wieder sehen: Glühend wie Lava schiebt er sich wenn auch brodelnd dennoch kaum vorwärts. Auf der einen Seite näher zu mir die Lichter gleissend weiss aufsprühend, die andere Seite dumpf rot vor sich hinglimmend. Sehr langsam geht es auf der einen Seite ein bisschen vorwärts, aber auf der Gegenseite gleich wieder zurück. So ist das eben in Schwaben! Eben ein schwäbischer Strom und seine Marktgemeinde!
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