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1989 in Berlin

Gregor Gysi am 12.4.2016 IN dESSAU
 
das Buch
"Der Druck der Basis auf die Führung der SED wuchs täglich, sodass ein außerordentlicher Parteitag beschlossen wurde, zur Sammlung, zur Neuordnung. Ich fühlte den Ehrgeiz, erstmalig in meinem Leben an so einem Parteitag teilzunehmen. Die Chancen standen gut, ich war Delegierter der Kreisdelegiertenkonferenz der SED Berlin-Mitte und inzwischen ja auch etwas bekannt.
Während der Konferenz kam jemand auf mich zu und überreichte mir einen Zettel. Darauf stand, ich möge mich unverzüglich ins ZK-Gebäude begeben. Sehr ungelegen - aber vielleicht auch sehr wichtig? […] 
Ein Zettel! Wenn man sich aus großem zeitlichen Abstand überlegt, dass er im Grunde meinen künftigen politischen Weg ´auslöste`, dann hat also eine gewisse lockere Zettelwirtschaft Ende und Neuanfang der SED mitbewirkt. Es war eine hingekritzelte Notiz, die zum Mauerfall geführt hatte, es war eine ebenfalls nur hingekritzelte Notiz, deren Inhalt meine bisherige Welt ebenfalls grundlegend verändern sollte. Selbstverständlich ist der kleine Wisch, der mich ins Haus des ZK rief,  nicht mit der Wirkung von Schabowskis Zettel vergleichbar, aber einmal mehr denke ich darüber nach, wie beiläufig, wie undeutlich markierte Einschnitte ihre Vorboten schicken.
Im Übrigen verließ ich die Kreisdelegiertenkonferenz mit einem etwas mulmigen Gefühl. Mit meinem Auto fohr ich zum ZK der SED und zwar in der festen Überzeugung, ich würde zur Rechenschaft gezogen - wegen meiner Rücktrittsforderung gegen Egon Krenz. Hinterm Steuer grübelte ich schon über eine Verteidigungsrede nach.
Angekommen im bislang sogenannten Großen Haus, brachte mich ein Mitarbeiter hinauf in den Raum, wo ein Arbeitsausschuss zur Vorbereitung des außerordentlichen Parteitages tagte. Im Paternoster wurde mir mitgeteilt, das Zentralkomitee habe getagt und Erich Honecker, Willi Stoph, Horst Sindermann und Erich Mielke aus der SED ausgeschlossen. Das Zentralkomitee sei außerdem geschlossen zurückgetreten. Meine Rechtfertigungsrede durfte ich also nach Lage der Dinge vergessen.
Die Leitung der Partei oblag nun dem erwähnten Arbeitsausschuss. Kaum hatte ich den Raum betreten, fragte mich der Ausschussvorsitzende Herbert Kroker, ein Kombinatsdirektor, ob ich bereit sei, eine Kommission zur Untersuchung von Korruption und Amtsmissbrauch der SED-Führung zu leiten. Meinem fragenden Blick, wieso gerade ich, entgegnete er mit dem Verweis auf meinen plötzlichen Bekanntheitsgrad, meine Unbefangenheit, ja meine grundsätzliche Ferne von jenen Parteikreisen, die nun untersucht wurden. Ich sei ein unbelasteter Garant für Glaubwürdigkeit. Ich erklärte mein Einverständnis. Beim Blick in die Runde des Arbeitsausschusses sah ich keine mir bekannten Gesichter. Ich kannte niemanden, auch nicht Hans Modrow.
Wenn ich mir die Empfindungen jener Stunde im ZK-Gebäude in Erinnerung rufe, überwog damals wohl eine gewisse Benommenheit. Was geschah, war irgendwie auch unwirklich. Man war Akteur in einem Prozess, den keine Phantasie hätte vorzeichnen können."

Gregor Gysi

Quelle: Ein Leben ist zu wenig
Aufbau-Verlag Berlin, 2017
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1 Kommentar
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Romi Romberg aus Berlin | 19.06.2018 | 10:53  
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