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101 Jahre Bauhaus

Bauhaus Dessau
 
von SW
Dr. Fritz Hesse, ehemaliger Bürgermeister in Dessau, schrieb 1963:

Auch Ilja Ehrenburg, dessen Ansehen als Schriftsteller bis heute in der Sowjetunion von den wechselnden Machtverhältnissen unberührt blieb, erschien in Dessau. Er hatte sich bereits 1922 bei einem Aufenthalt in Weimar  über das Bauhaus unterrichtet.Die Nachricht von den in Dessau durch das Bauhaus errichteten Bauten hatten ihn veranlasst, diese Bekanntschaft zu erneuern. Nach eingehender Besichtigung des neuen Bauhaus-Gebäudes  und der im Werden begriffenen Törtener Siedlung führte er längere Gespräche  mit den ihm von Weimar bekannten Bauhausmeistern und war Gast von Kandinsky und seiner Gattin.In dem über seinen Besuch in Dessau veröffentlichten Bericht, der auch in seinem 1929 im Leipziger Paul List Verlag erschienenen Buch "Visum der Zeit" Aufnahme fand, gedenkt er zunächst der Vorgänge, die zum Auszug des Bauhauses aus Weimar führten und bemerkt dann: "Zum Glück gibt es in Deutschland ebensoviel Kulturzentren und Städte … Dessau ist zwar, weiß Goott keine bedeutende Hauptstadt, aber es hat zu tun gewagt, wovor nicht nur Paris, sondern sogar Moskau manchmal voller Unentschiedenheit Halt macht, Dessau beschloss, soundsoviel Mark und sounssoviel Vertrauen zu setzen auf diese ihm selbst, wenn nicht allen rätselhafte Karte.[…]
Alles das hindert uns nicht, den Bürgermeister von Dessau einen wahren Helden zu nennen. Es war gar nicht so leicht, den von den Weimarer Gerechten verstoßenen sonderlichen Jüngling in das Provinzhaus aufzunehmen. Das "Bauhaus" ist hier gewachsen und mannbar geworden. Es befindet sich nicht mehr in der Lage eines Studenten, der in einem  Mietzimmer wohnt.  Die Bauschule hat endlich das Recht erworben, ein Haus für sich selbst zu bauen.
Ich näherte mich dem "Bauhaus" an einem der ersten Frühlingstage. Die Landschaft ringsum beschenkte mich mit dem ganzen  erdenklichen Idyll unserer Zeit. Zarter Dunst stieg auf  aus dem Dickicht der Fabrikschlote, am Himmel schwirrten vergnügt Junkersflugzeuge ...
Als ich schließlich das "Bauhaus" erblickte, das ganz aus einem Stück gegossen zu sein scheint wie ein beharrlicher Gedanke, und seine Glaswände, die einen durchsichtigen Winkel bilden, mit der Luft verfließend und doch von ihr getrennt durch einen exakten Willen - da blieb ich unwillkürlich stehen. Das war kein Staunen angesichts einer sinnreichen Erfindung, nein, es war einfach Bewunderung.
Es gibt in der Baukunst eine gesetznäßige Kontinuität, und für den Fachmann, meine ich, wird es nicht schwer sein, den Stammbaum dieser Formen festzustellen. Ich möchte nur etwas zum Triumph der Klarheit sagen. Dieses Bauwerk steht gewissermaßen in feindlichem Gegensatz zu den benachbarten Häusern und zu dem Erdboden selbst. Zum ersten Mal sieht hier die Erde einen Kult der nackten Vernunft, jenes lichten und nüchternen Prinzips, das so ergreifend auf uns wirkt in der Kuppel der Hagia Sophia und in mathematischen Formeln, in der französischen Literatur des großen Jahrhunderts und in der planmäßigen Organisation gigantischer Trusts …"

Quelle:
Fritz Hesse, Von der Residenz zur Bauhausstadt
Bonn 1963
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Christoph Altrogge aus Kölleda | 18.03.2020 | 14:55  
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