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Leipziger Buchmesse

Warum ich auf der Leipziger Buchmesse ausstelle

Ein Aufsatz von Rainer Stankiewitz, WiedenVerlag Crivitz Wieden-Verlag

Zum Nachdenken brauche ich neben funktionierenden Sinnesorganen störende Anlässe.
Einer war für mich die Sichtung mannshoher Aktenberge, durch die ich mich wuseln musste, um eine Reportage über ein seit nunmehr fast zwanzig Jahren von Infraschall gequältes Ehepaar zu schreiben, das nicht nur jeden Gerichtsprozess,
sondern sogar seine Gesundheit verlor. Das Buch ist jetzt fertig, und, anfangs so nicht angestrebt, zieht sich wie ein roter Faden durch seine Buchstabenkolonnen die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir eigentlich leben?
Diese Frage möchte ich öffentlich in Leipzig stellen.
Denn sie lässt mich nicht mehr los. Sie rüttelte und zerrte immer schon an meinen dünnen Denkfäden, in der DDR und danach, bis ins Gegenwärtige. Doch nie fühlte ich mich stärker bedrängt von ihr als heute. Dabei könnten sie
mich doch alle gerne haben, so oder so; ich bin fast fünfundsechzig, was bleibt da noch groß außer der Furcht vor der Zukunft in diesem Land?
O nein, mit einer solchen Haltungsleere darf ich meinem Gewissen nicht kommen, es gäbe doch keine Ruhe. – Also,wie soll eine Gesellschaft beschaffen sein, in der ich gerne leben möchte; wie anders möchte ich sie haben als die jetzige
beschaffen ist? Und wie tickt überhaupt diese, die mir zunehmend den Schlaf raubt?
In Schwerin, wo ich mein kleines Verlagsbüro betreibe, hatten am 1. Februar verschiedene Bürgergruppen aufgefordert,gegen die sozialen Streichpläne der Verwaltung zu protestieren. Ein paar Leute waren gekommen, die ihren Unmut
in ein Mikro rufen durften. Demokratie üben, so nennt dies mancher. Andere sagten: Die machen ja doch, was sie wollen.
Dabei will Schwerin, gemessen an seinen Schulden, einen lächerlichen Betrag sparen, der für Zinszahlungen draufgeht und dennoch verheerende Wirkungen hat. Nachdem man die Hartz-4-Riege in den Keller gesperrt und längst vergessen
hat, ist jetzt die unterste Kruste der Mittelschicht an der Reihe, zerbröselt zu werden. Und es wird weitergehen, weil unser System nicht anders kann. Das ist Erkenntnis Nr.1.Zinsen und Zinseszinsen machen die einen reich und die anderen arm. Es braucht einer 400 TEuro auf der hohen Kante, um von diesem System zu profitieren. Wer weniger sein Eigen nennt, zahlt über Mieten, Preise und Abgaben
drauf und wird im wahrsten Sinn des Wortes enteignet – er wird seines Eigentums entbunden, er besitzt dann nichts mehr, außer seiner Arbeitskraft, die er auch noch unter Wert auf dem markt anbieten muss. Selbst dies ist nicht neu,
wir haben uns ja für den Kapitalismus entschieden. Jenem liegt das Erzeugen von Profit gesetzmäßig zugrunde. Nichts Schlechtes, wenn man die Kirche im Dorf lässt. Was geschieht aber in unseren Tagen, wo kein sozialistisches Korrektiv
mehr Balance anmahnt?
Man versklavt uns, raubt uns aus! Diese drastische Formulierung vermeiden geflissentlich all die Nutznießer des Systems,besonders die Wort- und Bildakrobaten der sogenannten vierten Gewalt im Staat, der Medien, die, wie wir
immer wieder sehen, längst die erste ist und uns Marionetten beliebig im Dschungelcamp, in Fußballstadien, In Talkshows, auf Tatortleichenbergen tanzen lässt und ablenkt von staatlich sanktionierten Beutezügen auf unsere bis jetzt
noch scheinbar sichere Existenz. Aber die ist nicht sicher, viele spüren es jeden Tag schmerzlicher. Anstatt ernsthaft die Frage zu stellen, was in unserem System schief läuft – wo der wahre Anlass liegen könnte, dass bei vielen sich resignierte bis revolutionäre Gedanken formen – vergeuden wir unsere Energie an weinselige brüderliche Herrenwitze,verstaubte Doktorhüte oder Vizekanzler mit asiatischer Physiognomie, die wochenlang die wahren Probleme vernebeln.
Ein Glück noch, dass hin wieder ein betrunken autofahrender Justizminister auftaucht, an dem wir unsere längst verschütteten Wertvorstellungen pro forma erneuern können. Ganz nebenbei passieren haarsträubende Dinge im Rechtsstaat, die mit Recht absolut nichts zu tun haben. Von uns unbemerkt hat sich das Recht zur einträglichen Industrie an uns vorbei entwickelt, mit eigener Sprache, die kein
Bürger versteht, und erbarmungsloser Selektion verarmter Mitbürger. Ohne Geld kein Recht. Wollen wir das wirklich?
Wacht jeder von uns erst auf, wenn es persönlich über ihn gekommen ist?
Politik- und Medienpredigern geht es blendend bei ihrem hörigen Spiel des Orderempfangs für die Verblödung der Menschen. Wenn es beispielsweise in Mecklenburg offiziell 100.000 Arbeitslose gibt, real jedoch 150.000, dann werden
50.000 Menschen in Definitionen gehüllt, in Kathegorien verpackt und ab dafür raus aus der Statistik! Großer Einfallsreichtum, gute Arbeit; es kann alles bleiben wie es ist, es muss alles bleiben, wie es ist.
Das ist Erkenntnis Nr. 2
Natürlich zeigen sie uns ein paar Schwachpunkte unserer Gesellschaftsordnung: He, seht her, nichts ist perfekt, auch die Demokratie nicht, oder wollt Ihr Diktatur? Hattet Ihr doch, dafür seid Ihr ja auf die Straße gegangen. Was wollt
Ihr also? Passt es Euch hier nicht? Dann haut doch ab, die Welt ist groß!
Nicht einer jener hochbezahlten Fernsehschwätzer lädt auch nur einmal einen Gast ein, der offen sagt, es liegt an dieser verdorbenen vom Geld geprägten Lebensform des Raffens und des Gierens, Betrügens und Hochstapelns und des hemmungslosen Niedertrampelns Gestrauchelter, dass – um ein paar Dinge beim Namen zu nennen – keine Kinder geboren werden, dass den Leuten der Strom abgedreht wird, dass hier Wohnungen vernichtet und anderswo
nicht gebaut werden, dass Millionen Menschen Hungerlöhne beziehen oder gar keine und Wenige absurde Summen absahnen und auch noch durch ihre Butler höhnen lassen: die Ungleichheit sei wertvoll, Umverteilung von oben nach
unten schädlich, weil damit der Motor für Leistungsbestreben lahmgelegt werde. Wer so etwas sagt, ist Politologe an der Freien Universität – ein Vordenker für dümmliche Partei-Generalsekretäre, ein Apostel seines eigenen verschroederten
Glaubens, der seine Taschen zu füllen bestrebt ist – während unsere sich leeren. Soll dieser Geist unsere Gesellschaft tragen? Wollen wir psychotischen Eliten folgen und zusehen, wie sie Deutschland ausweiden? Das Geld,
welches für Straßen, Schulen, Bildung, Renten, für Wärme und bald sogar für Wasser fehlt, liegt aufgestapelt in deren Palästen, von vermeintlich demokratischen Regierungen und ihren Armeen bewacht. Angeblich verteidigen sie Demokratie
bis in jede Erdhöhle irgendwo auf der Welt und machen sich noch reicher mit dem Verkauf von Kriegsunrat an jeden Lumpen. Abgesehen davon, dass sie weltweit Kriege führen gegen alles, was sich regt und sich nicht länger
verballhornen und vereinnahmen lassen will. – Ich habe keine Feinde im Ausland, weder in Israel, noch in Afghanistan oder im Iran.
Das ist Erkenntnis Nr.3.
Ob nun ein Reifenwerk in Frankreich dichtgemacht, in Itzehoe eine Großdruckerei oder die Zeitung Magdeburger Volksstimme in tausend Scherben zerlegt wird oder gar in den USA die Airlines fusionieren – immer geht es darum,
vom durch brutale Konkurrenz stets schwerer zu erreichenden Profitkuchen möglichst große Happen einzuheimsen.
Und immer geht das auf Kosten der Löhne der Beschäftigten, die sich mit ihren Familien dem Elend nähern.
Will ich wirklich in so einer Gesellschaft leben? Nein, und noch dreimal nein!
Aber wie dann?
Jede andere sinnstiftende Gesellschaftsordnung hat zunächst – welch Glück – die Beendigung unseres ökonomischen Höhenflugs – dieses blödsinnige Wetteifern um Wachstum – zur Folge. Wir können doch nicht dauerhaft, wenn wir
alle übrigen Mitbewohner der Erde ernst nehmen, aus dem Vollen schöpfen und zuschauen, wie neben uns hungers gestorben wird, nur weil wir mit einigen geografischen Privilegien, mehr Fleiß und Schöpfertum ausgestattet sind
und angeführt werden von globalisierten Herrennaturen, die sich einer ebenso kulturlosen wie gefährlichen Strategie der Spaltung in Wert und Unwert bedienen.
Wozu brauchen wir all den kurzlebigen Wohlstandsmüll? Er bindet bloß die wichtigen Ressourcen, die andere fürs nackte Überleben benötigen.
Warum sollten wir uns nicht zu einer tatsächlich demokratischen Wahl aufraffen und eine Gesellschaftsordnung einrichten,die auf einem von der echter Bürgermehrheit getragenen Staat fußt, der grundlegende Prämissen eines vernünftigen
menschlichen Miteinander regelt?
Die Chance für einen gesellschaftlichen Neubeginn wurde 1989 in Deutschland nicht genutzt, jetzt ist es ungleich schwerer, eine zweite Chance zu erarbeiten, und wir müssen Obacht geben, dass sie nicht von neofaschistischem
Geist ergriffen und missbraucht wird. Man ist anfällig, nicht schon wieder, sondern immer noch.
Was ich mir wünsche und anstrebe ist Einmütigkeit darüber, dass alle Mittel für die Daseinsvorsorge in unserer Hand bleiben. Ja, nenne es Volkseigentum, diese von etlichen verrucht gemachte Vokabel. Man wird sich gewöhnen können
an diesen Begriff – wenn sein Inhalt uns nützt. Bildung, Post, Bahn, Wasser, Gesundheit, Strom, Wohnen, Wärme,Pflege, Alterssicherung, Forschung , Finanzwesen – all diese Grundbedürfnisse gehören nicht in private Hand. Anderes
durchaus! Ich meine nicht das Kapital des Unternehmers, der die Wirtschaft unseres Landes befördert und an seine Mitarbeiter denkt und gemeinsam mit Staat und Bürgern jeden Tag Verantwortung leistet.
Ich spreche von jenen gesichtslosen, die Welt beherrschenden Phantomen, die sich immer noch vor der DDR ängstigen.
Sie haben diese Republik wohl in die Knie gezwungen, aber sie können sie nicht aus den Köpfen der Menschen herausprügeln, weil sie selbst nicht das bessere Beispiel sind und es auch nicht sein können. Sie wissen, dass sie uns
immer mehr ausplündern müssen, wenn ihr System Bestand behalten soll. Dass sich da zwei geballte Masseladungen aufeinander zubewegen, und es unweigerlich irgendwann zum Crash kommt, wissen die Realisten – und die anderen
ahnen es. Deswegen fürchten sich die globalisierten Absahner, die uns das Fell über die Ohren ziehen.
Was wäre das Leben wert ohne die Vision sich annähernder gleichberechtigter Bedingungen für uns Menschen auf diesem klein gewordenen Erdenrund?
In diesem Sinn schreibe ich meine Bücher und trage sie nach Leipzig. Noch haben andere Autoren und Schau-Spieler
den Vorrang. Dieses Jahr wird man sich sicher für Herrn Gorbatschow interessieren und wohl nicht weniger für das Erstlingswerk von Frau Sawatzki.
Meine Bücher sind auch dabei. Und die von jenem eingangs erwähnten Infraschall geplagte Familie aus Parchim in
Mecklenburg wird aus unserer Reportage vorlesen und die Frage stellen: In welcher Gesellschaft wollen wir eigentlich leben?

Den Wieden-Verlag mit Rainer Stankiewitz finden Sie auf der Leipziger Buchmesse in Halle 5 Stand F312
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