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Seelenstorm 103 von Rainer Stankiewitz

    Crivitz: Wieden-Verlag | Text von Rainer Stankiewitz 

Manche meinen, es sei Demokratie, wenn sie ihre Meinung ungeschminkt kundtun können, in einem Zeitungs-Leserbrief zum Beispiel – und die Demokratie geht verlustig, wenn der Leserbrief nicht veröffentlicht wird. Dabei ist die Demokratie nie vorhanden gewesen und die Zeitung hatte bloß Angst vor ihren Anzeigenkunden. Wir Leute auf den Straßen und in unseren Häusern sollten im neuen Jahr wirklich ein wenig zielstrebiger danach trachten, unsere Gesellschaft nach ihrer Funktionsweise zu durchleuchten. Täten wir das endlich gründlich und empirisch, würden wir so erleuchtet, dass unverzüglich eine lodernde Flamme des Grolls in uns aufstiege, unsere Empörung sogar in zügellosen Hass umschlüge. – Diese Erleuchtung, wie unser System funktioniert, darf uns also tatsächlich nie kommen. Der deutsche Rechtsstaat sieht nach Römischem Recht Eigentümer vor und Nichteigentümer, sonst eigentlich nichts oder kaum noch etwas. Welches dazwischen liegt, wiegt zwar dreimal so schwer wie die Grammatik auf meinem Schreibtisch, ist aber ebenso unnütz wie unverständlich und daher unbrauch bar und lediglich Geldquell für Advokaten (deswegen gibt es auch so viele davon). Und wenn man weiß, wem was gehört, weiß man auch, wer wer ist. Und wenn wir erkannt haben, dass wir der Souverän n i c h t sind, wissen wir außerdem, wem unsere Regierung dient. Falls einer nun daraus schließt, hier müsse sich etwas ändern, tritt der Staatsschutz auf den Plan. Spätestens dann, möglichst davor, ist es ratsam, das Maul zu halten. Wenn ein(e) Leser(in) in einem Leserbrief Unmut äußert über die Kritik an der Politik des amerikanischen Präsidenten betreffs des jüdischen Staats Israel, dann sitzt das deutsche Regierungskapital, eng verwoben mit jüdischem Kapital in den USA und sonst wo, auf einem alten Plüschsofa und nimmt übel, schnippt mit dem Finger, und es erscheint wiederum der Staatsschutz. Auch an dieser Stelle wäre zu empfehlen, das Maul zu halten. Wobei – ich kann’s nicht ganz: Ein Satz von Golda Meir im nicht veröffentlichen Beitrag fordert meinen Widerspruch heraus: „Wenn die Palästinenser/ Araber die Waffen niederlegen würden, wäre Frieden. Wenn die Israelis dies täten, gäbe es morgen kein Israel mehr.“ Letzteres könnte so eingetreten sein, aber ob erstere Annahme eingetroffen wäre, hinterlässt bei mir Zweifel. Die so genannten Werte des Westens begründen sich lediglich auf der Arroganz wirtschaftlicher und militärischer Macht. Die einst tatsächlichen Werte wie Aufklärung, Wissenschaft, Humanismus sind ja längst amputiert und hohle Phrasen. Wer will es eigentlich Völkern verdenken, wenn sie sich wehren mit den Mitteln, die ihnen verblieben sind, nachdem der Westen ihnen das Glück in ihre Häuser gebombt hat? – Wer will es denn einer Zeitung mit Hauptgeschäft Anzeigenverkauf verdenken, wenn sie von einem die deutsche Staatsräson tangierenden Leserbrief die Finger lässt? Man weiß ja nie. Also, was darf man dann sagen? Alles, was der Wortschatz bietet! Wo kein Wortschatz mehr vorhanden, leitet Facebook und zuletzt Twitter den Nörgler zur Höchstform. Doch jemand, der Ernsthaftes zu sagen hat, merkt bald, wie elendiglich seine Botschaften zwischen all dem gestammelten Falschsprech Genöle zugrunde gehen und sich ausmachen wie Poesie in der Jauchengrube. – Was also tun, wenn man unbedingt einen Beitrag zur Besserung der Gesellschaft zu leisten sich berufen fühlt? – Schwierig, in der Tat, sehr schwierig. Wer kann denn auf dem Smartphone zwischen den Zeilen schreiben?; so weit ist die Technik noch nicht – Und statt schreiben oder reden sich auf dem Marienplatz für seine Überzeugung herumprügeln, ist auch nicht jedermanns Sache. – Da ist reden wohl doch besser, viele tun es begeistert, weil sie es dürfen; sie reden viel und lange gehaltvoll oder gehaltlos, was nicht zu unterscheiden ist, weil keiner zuhört. Obwohl sie auch zuhören dürfen, nehmen sich die meisten die Freiheit heraus, es zu unterlassen, denn Freiheit dürfen sie auch. Nur die Staatsräson dürfen wir nicht. Wer das freiwillig einsieht, muss nie das Maul halten und darf in Talkshows. Doch weil Silvester ist und heute nicht alle ernsten Themen ernst behandelt werden, hier ein weiterer Leserbrief über ein ernstes Thema, von dem man noch gar nicht genau weiß, ob es ernst ist. Der Sachverhalt: Eine Frau hat ihre Tochter von einer Schule genommen, in der testweise mit I-phon Unterricht abgehalten wird. Das Mädchen litt unter Kopfschmerzen und Unwohlsein bis hin zur Arbeitsunfähigkeit; Diagnose der Mutter: Strahlungsschädigung. Ganz sicher, denn in der nächsten Schule, wo noch mit dem Griffel gekratzt wird, ging es besser. Nun weiß ich nicht, was Herr Salbaderer Wagner von der BILD-Zeitung in seiner biblischen Weisheit der Mutter riete, will aber gerne beschreiben, wie mir zumute ist, wenn ich drüber nachdenke: Mir vorzustellen, dass Schulkinder über Computer mit Bildung versorgt werden, löst dann Wider stand aus, wenn nachgewiesen ist, dass Strahlung den Organismus schädigt, Unbehagen dagegen schon jetzt, weil schlicht Kinderumgang mit Computern zur Unzeit Entwicklungs -beeinträchtigungen mit sich bringen müssen. Auf leuchtende Dis Plays starrende Kinder lernen weder spielen noch soziale Kompetenz noch erfahren sie je seelische Rührung; sie verunglücken bei ihrer Menschwerdung! Vielleicht sollen sie es auch! Womöglich ist ihnen das Schicksal beschieden, selbst ein Computer zu werden und gar von der Überlegenheit ihrer später selbst geschaffenen Artgenossen genarrt, verführt und versklavt zu werden. Orson Wells grüßt herzlich aus dem Himmel! Die oft gestellte Frage taucht auf: Wem nützt es? Beim Versuch einer Antwort das Raunen des alten Raben auf der tausendjährigen Eiche: Maul halten! Mensch, halt bloß dein Maul! Was verbreitet der Autor denn für eine unsäglich finstere Stimmung am Silvestertag, wo man glücks- und likörtrunken ins Neujahr rauscht? Schließlich ist Bertelsmann, dieser menschenfreundliche Konzern mit dem Bildungsfeuer im Herzen, der Sponsor dieser Aktion. Gewiss, bezahlen tut’s der Bund, also wir, Sie, ich. Doch wer gewinnt? Bertelsmann. Was? Geld! Und Geld macht Macht! Macht macht wieder Geld. Während all dem die Tochter der Frau mit dem Leserbrief unruhig schläft. Heute darf das Kind länger aufbleiben, ist ja Silvester. „Ach, Mama, zeig doch nochmal die Whats App, wie der Weihnachtsmann im Sommer aussieht, du weißt schon, dieser dicke nackte Kerl auf dem Traktor.” Ja, Bertelmanns Bildungsoffensive wirkt... Übrigens, entschuldigen Sie meinen letzten Fehler dieses Jahr: Es gibt keine menschenfreundlichen Konzerne, das wussten Sie doch! Guten Rutsch! Auch nächsten Jahr brauchen wir eine Plattform für die Wahrheiten, vor denen bestimmte Medien sich fürchten und untertänigst das Maul halten: Den Seelenstorm!

Den Seelenstorm finden Sie hier: Seelenstorm 
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