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Auf den Pfaden der Toten - Ein Reisebericht der besonderen Art

Der Tannenberg liegt nicht am Ende der Welt. Oder vielleicht doch. Jedenfalls für die Marburger. Wer in der Linie 8 fährt, wird irgendwann eine gottgleiche Stimme hören. Platz der Weißen Rose. Endstation. Alle Fahrgäste bitte aussteigen.
Der Bus wird dann einen Kreisel befahren und den selben Weg zurück fahren. Zumindest, wenn man Glück hat. Oder gutes Wetter. Was bei den Stadtwerken wohl auf das selbe hinausläuft. Vielleicht sollte man die Stadtwerke Schönwetterwerke nennen.

Auf dem Tannenberg gibt es keine Geschäfte, und nur ein kleines Cafe. Aber jede Menge Firmen, die der Stadt Marburg sicherlich den Steuersäckel füllen. Normalerweise werden diese recht zuverlässig durch die Linien 8 und 17 hin- und wegtransportiert. Wenn, ja wenn denn kein Schnee fällt.
Gestern schneite es, was im Winter schon mal vorkommen kann. Etwa 10 cm Schnee sind noch kein Schneechaos, bei weitem nicht. Aber sie reichen, um die Stadtwerke an ihre Grenzen zu bringen. Irgend einer der wartenden Fahrgäste hat irgendwann bei der Hotline angerufen und erfahren, dass der Bus steckengeblieben ist, und kein weiterer kommen wird, solange dieser nicht geborgen sei.

Wir erinnern uns: etwa 10 cm Schnee. Chaos.

Ich hoffte auf den nächsten Bus (oder den übernächsten), weil in der Gegend einfach nichts ist, wo man einen Einkaufsbummel hätte unternehmen können und eine Übernachtung auf der Arbeitsstelle sicherlich nicht durch den Arbeitsvertrag abgedeckt ist. Doch als dann zwei weitere Busse nicht gefahren waren, rief auch ich bei der Hotline an, um zu erfahren, ob denn überhaupt etwas fahre.

An der Hotline druckste man etwas herum, murmelte von höherer Gewalt, und dass erst wieder Busse fahren würden, wenn der Streudienst die Straße frei gäbe. Deren Nummer wolle man mir gerne geben. Auf meine Frage, ob man denn nicht kleinere Busse, wie die vom AST einsetzen könne, wurde lapidar mit Die fahren erst ab 19 Uhr beantwortet. Ja, die Bürokratie bringt ihre eigenen Helden hervor. Das sind die modernen Dienstleistungsbetriebe, die Kundenservice groß schreiben. Zumindest in der Werbung, die Hotline auf dem Fahrplan war sehr klein geschrieben und die Kostenhinweise noch kleiner.
Die anderen Fahrgäste hatten sich mittlerweile Alternativen gesucht. Einige gingen zu Fuß, ein Mädchen rief ihren Papa an, der sie auch brav abholen kam. Ein Hoch auf die Familie, wenn man noch eine hat.
Ein weiterer Bus fuhr nicht, und ein neuer potentieller Fahrgast erkundigte sich bei mir, ob die Busse denn überhaupt führen. Ich antwortete, dass dies höchst fragwürdig sei.

Nachdem auch der nächste Bus nicht fuhr, erklärte mein neuer Leidensgenosse, dass er einen Fußweg in die Stadt kenne, der kürzer sei. Der sogenannte Totenpfad. Dort hätte man früher aus Ockershausen die Toten zur Kirche in Oberweimar gebracht.
Den namen fand ich abenteuerlich, und mangels einer vernünftigen Alternative stiefelte ich mit meinem neuen Bekannten los. Der Weg führte irgendwann von der Straße ab, wobei wir beinahe die Abzweigung verpassten. Hier gestand mir mein Begleiter, dass er fast blind sei und bei der Blista arbeite. Trotzdem nahmen wir den Weg, weil man den eigentlich gar nicht verfehlen könne.
Ich habe den Hobbit gelesen. Dort sagt Blbo Beutlin, dass es gefährlich sei, eine stra0e zu betreten, da man am Ende nie wisse, wo man lande. Nun, ich ging davon aus, dass wir in Ockershausen landen würden. Wenngleich der Weg wirklich sehr schön gelegen war, sich durch die Berge schlängelte, an einer Quelle vorbei und einer beinahe unberührten Natur.

Dieses Abenteuer verdanke ich den Schönwetterwerken. Leider fiel mir erst mitten in diesem Abenteuer ein, dass es ein gefährliches Abenteuer war, für mich als Diabetiker. Ich hatte zwar mein Not-Traubenzucker dabei, aber mein Blutzuckermessgerät versagte in der Kälte seinen Dienst. Und ein Notarzt hätte mich dort wohl nie gefunden.
Aber he, Diabetes ist eine Zivilisationskrankheit, und nichtfahrende Busse sind es auch. Passt ja.
Mein Begeleiter führte mich dann einen kleinen Pfad entlang, sodass wir nach ca 1 Stunde das Georg Gassmann Stadion erreichten. Gut, da war auch Schneechaos, sodass der Bus an der Park und Ride Station auch nicht vorbeifuhr. Kann man ja auch nicht erwarten, mitten im Winter. Auch ohne Berg. Und ich lief dann auch noch bis zum Williamsplatz, bis ich die echte Zivilisation (also fahrende Busse) erreichte. Von da kam ich dann per Bus zum Bahnhof, wo ich ein AST nach Schönstadt erreichte. Das zweite, das erste hatte ich aufgrund meines Abenteuers verpasst.

Allerdings war ich sehr erstaunt. Der Landkreis hatte die Probleme nicht, mit der die Stadt Marburg kämpfte. Die Straßen nach Schönstadt waren frei, und in Cölbe sah ich ein Räumfahrzeug, das sich Zeit nahm, die Bürgersteige vom Schnee zu befreien. Aber das sind ja auch Landburschen und nicht verweichlichte Städter, für die 10 cm Schnee schon ein Chaos bedeuten.

Ich werde übrigens heute wieder mit dem Bus fahren. Obwohl Schnee fällt. Denn mein Arbeitgeber erwartet das von mir. Er bezahlt mich dafür, und er macht keinen Unterschied zwischen Sommer und Winter. Die Stadt werke auch nicht. Im Winter sind die Monatskarten nicht billiger, als im Sommer. Sie verlangen viel Geld dafür, dass sie mich transportieren. Meistens jedenfalls. Wenn kein Schnee fällt. Oder so.
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Bodo von Rühden aus Dautphetal | 13.03.2013 | 08:09  
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