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Vor 70 Jahren wurden die Binswanger und Buttenwiesener Juden deportiert

Wann? 01.04.2012 20:00 Uhr

Wo? Schulplatz, Schulplatz, 86647 Buttenwiesen DEauf Karte anzeigen
Von der Deportation der Binswanger und Buttenwiesener Juden gibt es keine Bilder. Die Deportation dürfte so ähnlich wie in Würzburg abgelaufen sein. Auf dem Foto marschieren Juden aus Unterfranken unter Bewachung vom Sammelplatz zum Bahnhof Aumühle in Würzburg, wo sie den Deportationszug besteigen mussten (Bild: Staatsarchiv Würzburg). (Foto: Staatsarchiv Würzburg)
 
Verladung des Gepäcks der unterfränkischen Juden in den Deportationszug (Bild: Staatsarchiv Würzburg). (Foto: Staatsarchiv Würzburg)
Buttenwiesen: Schulplatz | Entrechtet, deportiert, ermordet

Am 1. April spielten sich schlimme Szenen auf den Straßen von Binswangen und Buttenwiesen ab. Unter entwürdigenden Umständen wurden vier Binswanger und 37 Buttenwiesener jüdische Mitbürger deportiert. Von der Zwangsverschleppten überlebte keiner den Holocaust.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 begann für die Juden eine schreckliche Leidenszeit. Boykottmaßnahmen, öffentliche Hetze und antisemitische Gewalttaten gehörten von nun an zum Alltag. Juden wurden zunehmend entrechtet und ausgegrenzt, zahlreiche Geschäfte wurden arisiert, die Teilhabe am öffentlichen Leben unmöglich gemacht.

Auch die beiden blühenden jüdischen Landgemeinden Binswangen und Buttenwiesen wurden von der Unrechtspolitik der Nazis schwer getroffen. Immer mehr jüdische Mitbürger sahen den einzigen Ausweg in der Emigration. Lebten in Binswangen 1933 noch 36 jüdische Einwohner, waren es 1939 nur noch 15. Ähnlich die Situation in Buttenwiesen: Die dortige Gemeinde hatte 1939 nur noch 53 Mitglieder, 1925 waren es noch 98 gewesen.

Die letzten im Deutschen Reich verbliebenen Juden wurden ab Oktober 1941 deportiert. Organisiert von der Gestapo wurden ca. 130.000 Menschen mit Zügen der Deutschen Reichsbahn in den Osten zwangsverschleppt. Nur wenige überlebten die systematische Ermordung in den Ghettos und Vernichtungslagern.

Wenige Tage vor dem 1. April erhielten vier jüdische Mitbürger aus Binswangen und 37 ihrer Glaubensgenossen aus Buttenwiesen den „Evakuierungsbefehl“, wie die Deportationsanordnung von den Nazis beschönigend genannt wurde. Die Deportation war penibel organisatorisch und verwaltungstechnisch vorbereitet worden. Um die systematische Beraubung der Juden effektiv durchführen zu können, mussten die Deportationsopfer ein Vermögensverzeichnis erstellen. Dies erleichterte den Finanzbehörden die Verwertung und Versteigerung des zurückgelassenen jüdischen Vermögens zugunsten des Deutschen Reiches.

Am 1. April mussten sich die 41 betroffenen jüdischen Einwohner aus Binswangen und Buttenwiesen zum Bahnhof begeben. Wer diesem Befehl keine Folge leistete, wurde von Polizei und Gestapo dazu gezwungen. Es ist eine besondere Tragik der Geschichte, dass die Juden mit einem Zug der Lokalbahn Mertingen – Wertingen in den Tod transportiert wurden. Die Eisenbahnstrecke hatten ihre Vorfahren kaum vier Jahrzehnte zuvor maßgeblich mitfinanziert.

Die Binswanger und Buttenwiesener Juden wurden in das Sammellager München-Milbertshofen gebracht, wohin insgesamt 989 jüdische Einwohner aus Schwaben und Oberbayern zwangsverschleppt wurden. Im Lager Milbertshofen mussten die Juden voller Ungewissheit zwei Tage warten. Bei entwürdigenden Kontrollen des Handgepäcks wurden außerdem persönliche Gegenstände konfisziert.

Am 3./4. April 1942 fuhr der Deportationszug von München ab. Das Ziel – das Zwangsghetto Piaski in Polen – wurde am 6. April erreicht. Piaski (bei Lublin) ist eine polnische Kleinstadt mit einer langen und traditionsreichen jüdischen Geschichte. Kurze Zeit vor Ankunft der Deportierten aus Schwaben und Oberbayern waren die in Piaski lebenden Juden von den Nazis ermordet worden. Die neuangekommen Bewohner mussten die Wohnungen ihrer ermordeten Vorgänger beziehen.

Die Lebensbedingungen im Ghetto Piaski waren katastrophal. Die zwangsverschleppten Juden lebten in unvorstellbarer Enge. Ernährung, hygienische Verhältnisse und medizinische Versorgung waren unzureichend. Zahlreiche Personen überlebten diese unmenschlichen Zustände nicht.
Die Spur der meisten Binswanger und Buttenwiesener Juden verliert sich im Osten. Sie wurden ohne Ausnahme von den Nazis in den Vernichtungslagern ermordet.

Am 24. Juni, 29. Juli und 23. September 1942 wurden die letzten sieben jüdischen Einwohner von Binswangen und Buttenwiesen unter vergleichbaren Umständen in das Ghetto Theresienstadt (Tschechien) deportiert. Nur die Buttenwiesenerin Thekla Lammfromm überlebte dort den Holocaust.

Damit endete die jüdische Geschichte der beiden schwäbischen Dörfer. Über einen Zeitraum von fast 400 Jahren hatten Juden und Christen in Binswangen und Buttenwiesen zusammengelebt. Trotz mancher Konflikte war die Koexistenz meist friedlich und nachbarschaftlich. Die Juden erwarben sich große Verdienste um ihre Heimatgemeinden. Der antisemitische Rassenwahn der Nazis zerstörte das schwäbische Landjudentum – und damit auch ein Stück der schwäbischen Kultur und Identität.

In einer Gedenkfeier anlässlich des 70. Jahrestags der Deportation erinnern der Förderkreis Binswangen e.V. und die Gemeinde Buttenwiesen am 1. April 2012 an das Leid der Opfer des Holocausts. Hierzu sind alle Bürgerinnen und Bürger aus Binswangen und Buttenwiesen sowie aus anderen Orten herzlich eingeladen. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit hat immer auch einen Gegenwartsbezug: Das Gedenken an die NS-Opfer ist auch ein öffentliches Zeichen gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit.

Termin:
Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Deportation der Juden aus Binswangen und Buttenwiesen am Sonntag, 1. April 2012, um 20.00 Uhr auf dem Schulplatz in Buttenwiesen.
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